https://www.faz.net/-gqe-xpr4

„National Health Service“ : Großbritannien wagt große Gesundheitsreform

  • -Aktualisiert am

Patienten in Großbritannien sollen entscheiden können, von welchen Fachärzten sie sich behandeln lassen Bild: picture alliance / dpa

Die neue Koalitionsregierung in Großbritannien plant eine radikale Umwälzung: Das Gesundheitswesen soll von der lähmenden Bürokratie befreit werden, um Patienten, Hausärzten und Krankenhäusern mehr Flexibilität zu ermöglichen.

          3 Min.

          Großbritannien hat sich eine große Reform seines Gesundheitssystems auferlegt. Der staatliche „National Health Service“ (NHS) wird zwar alle paar Jahre von Reformen überzogen, und jede Regierung versucht sich mit neuen Ansätzen, das ehemals marode Gesundheitssystem auf internationalen Standard zu bringen. Aber niemand hat bisher eine so radikale Umwälzung im britischen Gesundheitswesen gewagt wie Andrew Lansley, Gesundheitsminister der neuen Koalitionsregierung.

          Marktwirtschaftler werden frohlocken: Lansley strebt mit seiner Reform, die er am Mittwoch im britischen Parlament als Gesetzesvorschlag vorstellte, an, dass das Gesundheitswesen von der lähmenden Bürokratie, die das System bisher erdrückt und eingeengt hat, befreit wird und Patienten, Hausärzte und Krankenhäuser diese neue Flexibilität nutzen können, um im Rahmen eines marktwirtschaftlichen Systems zu entscheiden und zu handeln.

          Zusammenschluss der Hausärzte in Konsortien

          Die Reform erklärt sich aus der Historie: 25 Jahre vernachlässigte Investitionen in das britische Gesundheitssystem hatten die damalige Labour-Regierung unter Premierminister Tony Blair und Finanzminister Gordon Brown gezwungen, die Ausgaben im NHS dramatisch zu erhöhen, Tausende von Ärzten und Krankenschwestern einzustellen, die Kapazitäten des Systems auszuweiten und die Bezahlung der Ärzte und des Personals zu verbessern. Die Regierung verdreifachte die Ausgaben im NHS innerhalb von zehn Jahren auf 100 Milliarden Pfund im Jahr. Um jedoch die Kostenexplosion zu kontrollieren, wurde das gesamte System mit einem Netz bürokratischer Vorgaben überzogen, das seinerseits wieder zu Kosten und Ineffizienz führte und die Handlungsfähigkeit aller Beteiligten einschränkte. Marktwirtschaftliche Ansätze, in denen private Anbieter von Dienstleistungen mit dem NHS konkurrieren konnten, gab es zwar, aber nur halbherzig und punktuell.

          Die große Reform von Lansley sieht nun vor, den marktwirtschaftlichen Ansatz - trotz massiver Kritik von innerhalb und außerhalb der Branche - systematisch umsetzen zu wollen: Patienten werden sich künftig ihren Hausarzt aussuchen dürfen und müssen sich nicht mehr auf regional zuständige Arztpraxen verweisen lassen. Hausärzte dürfen Patienten annehmen und sind nicht mehr auf Haushalte in der regionalen Nachbarschaft festgelegt.

          Die Hausärzte müssen sich in sogenannten Konsortien zusammenschließen, können aber mit diesem Konsortium entscheiden, bei welchem Krankenhaus sie wo für welche Patienten Operationen oder Behandlungen durchführen lassen wollen. Sie müssen Behandlungen nicht mehr bei staatlichen Kontrollstellen beantragen und sich auf bestimmte Krankenhäuser konzentrieren.

          Krankenhäuser können Privatpatienten aufnehmen

          Patienten dürfen gemeinsam mit ihrem Hausarzt aussuchen, von welchen Spezialisten und Fachärzten sie sich behandeln lassen wollen. Den Konsortien der Hausärzte werden von einem sogenannten NHS Commissioning Board und dem Staat Mittel zugewiesen, die abhängig von dem Behandlungserfolg der dortigen Hausärzte zugeteilt werden. Je größer der Erfolg, desto umfangreicher die Mittel. Ein Teil der Mittel soll gar als Erfolg an die Hausärzte ausgezahlt werden. Damit soll das System den Rückstand Großbritanniens vor allem in der Behandlung von Krebs, Asthma, Infektionskrankheiten und Säuglings- und Kindersterblichkeit gegenüber anderen westlichen Industriestaaten aufholen.

          Auf der Ebene der Krankenhäuser sollen ähnliche marktwirtschaftliche Ansätze gelten: Krankenhäuser werden künftig frei sein, Privatpatienten anzunehmen. Sie werden mit privaten Krankenhäusern oder Operationszentren um die Behandlungsaufträge der Hausärzte konkurrieren müssen. Damit wird das erste Mal der Wettbewerb zwischen staatlichen Krankenhäusern und Privatanbietern auf eine Ebene gestellt. Die Qualität der Behandlungen und Hygiene wird von staatlichen Kommissionen und Aufsichtsbehörden kontrolliert.

          Der mit Abstand größte Kostenbrocken im Staatshaushalt

          Das staatliche Gesundheitssystem stellt mit Hilfe der lokalen Stadtbehörden sicher, dass die Gesundheitsversorgung in der Region klappt, Patienten und Haushalte sich bei einer Kommission, der „Health Watch“, beschweren können und Patienten Rat erhalten, wie und wo sie sich am besten behandeln lassen können. Die staatliche Kontrollbürokratie in Form der strategischen zehn Gesundheitsbehörden (strategic health authorities) und 151 Primary Care Trusts werden aufgelöst. Damit wird eine ganze Schicht von 24 000 Arbeitsplätzen im Verwaltungsbereich des Gesundheitssystems abgeschafft. Der Vorteil der Reform, so hofft Lansley, sind 10 Milliarden Pfund Kosteneinsparungen des Systems in den kommenden zehn Jahren. Mit 104 Milliarden Pfund ist das Gesundheitssystem der mit Abstand größte Kostenbrocken im britischen Staatshaushalt.

          So marktwirtschaftlich klug die Reform sein mag und so große Anerkennung Lansley dafür - auch in Fachkreisen - erntet, so viel Kritik wurde in diesen Tagen auch laut: „So eine massive Reform jetzt in dieser Geschwindigkeit durchzupeitschen, und zwar in einer Zeit großer fiskalpolitischer Schwierigkeiten, ist ein gewaltiges Risiko“, warnte Hamish Meldrum, Verwaltungsratsvorsitzender der British Medical Association.

          Weitere Themen

          Steuereinnahmen schnellen wieder in die Höhe

          Guter September : Steuereinnahmen schnellen wieder in die Höhe

          Um mehr als 20 Prozent lagen die Einnahmen von Bund und Ländern im September über dem Corona-Jahr 2020. Das liegt vor allem an Lohn- und Umsatzsteuer. Bei der Inflation rechnet das Finanzministerium mit einem Rückgang.

          Topmeldungen

          NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Mittwoch in Brüssel

          Verteidigungsplanung der NATO : Die Kunst flexibler Abschreckung

          Die NATO richtet ihre Verteidigung auf hybride Kriegsführung aus. Nun wird ermittelt, was die Mitglieder dafür können müssen. Das ist auch für die nächste Bundesregierung von Bedeutung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.