https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/grossbritannien-theresa-may-auf-den-spuren-ludwig-erhards-14338572.html

Großbritannien : Theresa May auf den Spuren Ludwig Erhards

Bild: AFP

Großbritanniens neue Premierministerin schlägt wirtschaftspolitisch neue Töne an - und klingt dabei wie einst der Vater des deutschen Wirtschaftswunders. Bewältigen muss sie eine Herkulesaufgabe.

          2 Min.

          Wenn es darum geht, den Bürgern eine Botschaft einzuhämmern, kennen Politiker in Großbritannien keine Gnade: Selbst in kurzen Ansprachen wiederholen sie ein und denselben Slogan wieder und wieder.

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Für das Publikum kann die rhetorische Endlosschleife zwar ziemlich nervtötend sein. Doch ohne einen solchen „catch phrase“ will auch Großbritanniens frisch gebackene Premierministerin Theresa May nicht auskommen. Ihrer lautet: „An economy that works for everyone“. Zu deutsch - und frei nach Ludwig Erhard: Wohlstand für alle.

          Die Briten haben abgestimmt - und nun? Hier geht's zu unserer Themenseite.

          Leichter gesagt als getan: Erst einmal muss die Regierungschefin dafür sorgen, dass es überhaupt etwas zu verteilen gibt. Vor drei Wochen haben die Briten per Volksentscheid überraschend für den Austritt aus der EU gestimmt und damit nicht nur eine europapolitische Bombe platzen lassen, sondern auch den Startschuss für ein waghalsiges wirtschaftliches Experiment gegeben.

          Die 59 Jahre alte May ist das, was die Briten „a safe pair of hands“ nennen - eine im Haifischbecken des Londoner Regierungsviertels Westminister erprobte Politikerin mit langjähriger Regierungserfahrung. Aber die Aufgabe, die jetzt vor ihr liegt, ist enorm. Ökonomen sind sich weitgehend einig darüber, dass Europas zweitgrößte Volkswirtschaft durch den „Brexit“ schnell in ziemlich raue See geraten wird. Noch dieses Jahr drohe eine Rezession, erwarten viele Konjunkturforscher.

          May weiß: Die Entscheidung der Briten für den Brexit ist nicht nur ein Veto gegen die EU, sondern auch ein Misstrauensvotum gegen die überwiegend pro-europäischen Eliten im eigenen Land. In kaum einem Industrieland hat sich die Einkommensschere zwischen Gewinnern und Verlierern so weit geöffnet wie in Großbritannien.

          Für den Brexit zu stimmen, das war für viele im Land auch das Ventil, um aufgestauten Frust loszuwerden - über stagnierende Löhne und einen staatlichen Sparkurs, dessen Folgen in Schulen, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Bereichen schmerzhaft zu spüren sind.

          Die Premierministerin signalisiert, dass sie verstanden habe. „Das Referendum war nicht nur ein Votum dafür, die EU zu verlassen, sondern auch eines für wirkliche Veränderungen“, sagte sie diese Woche in einer Art vorgezogenen Regierungserklärung. Im seit Jahrzehnten wirtschaftsliberal geprägten Großbritannien soll der Staat wieder stärker lenken: May will exzessive Managergehälter deckeln. Mitarbeiter und sogar Konsumenten sollen in den Verwaltungsräten von Großunternehmen vertreten sein.

          Steuererhöhungen wiederum hat die neue Regierungschefin bis zum Ende des Jahrzehnts ausgeschlossen und will offenbar auch kein neues Kürzungsprogramm auflegen. Nach Jahren der Sparrhetorik klingt das nach einer fiskalpolitischen Kehrtwende. Der Kurswechsel wäre durchaus gewagt angesichts des bedrohlichen britischen „twin deficits“: Sowohl im Staatshaushalt als auch in der Leistungsbilanz gähnen weiter riesige Löcher.

          Nach Brexit-Referendum : Briten hoffen auf mehr Einheit durch neue Premierministerin

          Solange die Wirtschaft wuchs, tolerierten die Märkte das, doch wenn die Briten nun in eine Brexit-Rezession abrutschen, kann sich das schnell ändern. Kurzum: Für große staatliche Ausgabenprogramme fehlt May das Geld. Das Land ist einer Zahlungsbilanzkrise näher als viele in London derzeit wahrhaben wollen.

          Wohlstand für alle - dieses Versprechen kann die neue Hausherrin der Londoner Downing Street nur einlösen, wenn sie verhindert, dass der EU-Austritt für Großbritannien zum wirtschaftlichen Debakel wird. Denn das würde die Schwachen in der Gesellschaft am härtesten treffen. Der Volkszorn draußen im Land gegen das Establishment in London könnte dadurch zum Orkan werden. May selbst hat den Brexit nicht gewollt: Sie ist eine Euroskeptikerin, keine knallharte EU-Gegnerin. Doch nun muss sie im schwierigen Scheidungsprozess mit der EU die Kartoffeln aus dem Feuer holen. Großbritanniens neue Premierministerin sagt, sie werde den Brexit „zu einem Erfolg machen“. Das ist ein ziemlich großes Versprechen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen