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Großbritannien : Neuer Vertrag beschert englischen Ärzten deftige Gehaltssteigerung

  • Aktualisiert am
Mehr Transparenz, korrektere Bezahlung: Mediziner in Großbritannien
          4 Min.

          Wer in England als Arzt für das öffentliche Gesundheitssystem NHS arbeitet, konnte sich in den vergangenen drei Jahren über deftige Gehaltssteigerungen freuen. Das Grundgehalt ist seit dem Jahr 2001 von umgerechnet 74.000 Euro auf 110.000 Euro im Jahr heraufgesetzt worden. Nach Angaben des Berufsverbandes, der British Medical Association, verdienen Hausärzte in England im Schnitt 137.750 Euro im Jahr. In besonderen Einzelfällen können die Gehälter gar mehr als 350.000 Euro im Jahr ausmachen.

          Englische Ärzte haben gegenüber ihren kontinentaleuropäischen Kollegen aufgeholt, verdienen in vielen Fällen gar mehr. Grund für die finanzielle Verbesserung der etwa 30.000 Ärzte in England war der im Jahr 2003 eingeführte „New Contract“, ein zwischen dem Gesundheitsministerium und der British Medical Association (BMA) ausgehandelter Vertrag. Er reformierte die Bezahlungsstruktur der Ärzte im National Health Service (NHS).

          Neue Vergütungsstruktur

          Ausgangslage für die Reform war ein veraltetes Bezahlungssystem im Gesundheitswesen, das kaum Transparenz zuließ, den Gesundheitsbehörden und Krankenhäusern oft keinen Einblick in die Tätigkeit der Ärzte in ihren Privatpraxen ermöglichte, zu ineffizienter Arbeitsverteilung führte, gleichzeitig aber Ärzte für ihre Tätigkeit nicht ausreichend entschädigte. Die Mißstände spornten die Mediziner an, sich Privatpatienten zuzuwenden und ihre Arbeit im öffentlichen Gesundheitssystem zu vernachlässigen. Nicht zuletzt diese Arbeitsverlagerung erklärt die Kapazitätsengpässe des NHS in früheren Jahren und die ehemals langen Wartelisten für Operationen.

          Der neue Vertrag, der bis Mai vergangenen Jahres von 82 Prozent aller Ärzte akzeptiert wurde, räumt mit diesen Mißständen auf. Der Vertrag führte eine neue Vergütungsstruktur für Ärzte ein. Nach ihr wird eine Grundleistung von 40 Stunden die Woche großzügiger als früher entlohnt, dazu kommen Sonderzahlungen für Überstunden und Extraarbeit. Zudem führt der Vertrag zu mehr Transparenz zwischen dem Arbeitgeber, also den Krankenhäusern, und den Medizinern.

          Bessere Transparenz

          Jetzt kann der Arzt nach individuellen Verhandlungen festlegen, wie viele Stunden er im NHS tätig sein muß und in welchem Umfang er Privatpatienten behandeln darf. Diese bessere Transparenz erleichtert es den Krankenhäusern, die Schichtdienste anzupassen und entsprechend Personal einzustellen.

          Drei Jahre nach Einführung des Vertrages muß die britische Regierung jedoch erkennen, daß die Reform kostspieliger war als geplant und daß sie anhaltend höhere Gesundheitsausgaben bedeutet. Das Gesundheitsministerium hatte die Arbeitsbelastung der Ärzte und damit die ihnen zustehenden Gehaltssteigerungen unterschätzt. Nach Angabe des Parlaments beliefen sich die Kosten der Reform auf 340 Millionen Pfund und damit 90 Millionen Pfund mehr als erwartet.

          Das Gesundheitsministerium hatte nicht einkalkuliert, daß Ärzte in der Regel gut 45 Stunden arbeiten. Die Gehaltssteigerungen fielen zudem deftig aus: Das Grundgehalt der Ärzte wurde im Jahr 2002 rückwirkend um 11,1 Prozent angehoben, im Jahr der Vertragseinführung nochmals um 17 Prozent erhöht und in den beiden Folgejahren abermals um 6,5 und 7,9 Prozent. Dies war nach Angaben des King's Fund, der in einer Studie die Auswirkungen der Reform analysiert hat, eine kumulative Steigerung der Vergütung von 49,4 Prozent.

          Explosion der Personalkosten

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