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Großbritannien : Erfolgsmodell Mindestlohn

1999 führte Tony Blair in Großbritannien den Mindestlohn ein Bild: Picture-Alliance / Photoshot

In Großbritannien ist die Lohnuntergrenze längst allgemein akzeptiert. Die befürchteten Schäden auf dem Arbeitsmarkt sind ausgeblieben. Doch man hat ihn behutsam eingeführt.

          Vor drei Jahren verschickte die Londoner Denkfabrik Institute for Government einen Fragebogen an 800 Politikwissenschaftler im Land: Welche politische Weichenstellung in Großbritannien war nach Meinung der Fachleute in den vergangenen drei Jahrzehnten die erfolgreichste? Der mit Abstand meistgenannte Reformerfolg war die Einführung eines nationalen Mindestlohns – vor anderen wichtigen Richtungsentscheidungen wie dem Friedensprozess in Nordirland und der Privatisierung von Staatsunternehmen. Während die Deutschen über das Für und Wider eines nun auch hierzulande geplanten allgemeinen Mindestlohns streiten, ist das Thema auf der Insel schon lange kein Aufreger mehr.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          „Wir waren am Anfang sehr skeptisch, aber der Mindestlohn hat sich als eine echte Erfolgsgeschichte erwiesen“, sagt Lena Tochtermann, die Leiterin der Abteilung für Arbeitsmarktpolitik der Confederation of British Industry (CBI), dem führenden Unternehmensverband in Großbritannien. 6,31 Pfund (7,60 Euro) in der Stunde sind derzeit die Lohnuntergrenze auf der Insel. Im internationalen Vergleich liegt der Mindestlohn der Briten damit im Mittelfeld. Seit der Einführung im Frühjahr 1999 ist er erheblich aufgestockt worden, um rund 75 Prozent und damit deutlich stärker als das allgemeine Gehaltsniveau gestiegen ist. Rund eine Million Arbeitnehmer arbeiten zum Mindestlohn.

          Ganz oder gar nicht

          Wie heute in Deutschland gab es auch in Großbritannien viele Gegner, als die damalige sozialdemokratische Labour-Regierung von Tony Blair vor vierzehn Jahren den Mindestlohn verordnete. In Großbritannien, das über einen der am wenigsten reglementierten Arbeitsmärkte der industrialisierten Welt verfügt, galt der staatliche Eingriff in den Arbeitsmarkt vielen Kritikern als Teufelszeug. „Wir hatten damals geradezu apokalyptische Vorhersagen, über die Verwüstungen, die der Mindestlohn auf dem Arbeitsmarkt anrichten werde“, erinnert sich der Ökonom Robert Elliott. Der Professor an der Universität Aberdeen ist Mitglied der staatlichen Low Pay Commission, die jährlich Empfehlungen über die Höhe des Mindestlohns abgibt.

          In der schlichtesten Spielart der ökonomischen Arbeitsmarkttheorie ist der Mindestlohn entweder wirkungslos oder er vernichtet Arbeitsplätze: Ist er zu niedrig, hilft er den Betroffenen nicht, weil die Löhne am Markt ohnehin höher sind, ist er zu hoch raubt er ihnen die Stelle. Die Erfahrungen in Großbritannien sind aber andere: Empirische Studien zeigen immer wieder, dass der Mindestlohn nicht zu dem Stellenkahlschlag im Niedriglohnsektor geführt hat, den Gegner vorhergesagt haben. Auch in der Rezession der vergangenen Jahre hat die Lohnuntergrenze demnach weder Beschäftigte den Arbeitsplatz gekostet, noch die Chancen für Arbeitslose geschmälert, eine Stelle zu finden. Allerdings scheint der Mindestlohn tendenziell zu etwas kürzeren Arbeitszeiten im Niedriglohnsektor zu führen.

          Differenzierter und behutsamer

          Machen sich die Mindestlohn-Gegner in Deutschland also unnötig Sorgen? Er wolle da keine Ratschläge geben, sagt der Wirtschaftsforscher Elliott. „Dafür kenne ich den deutschen Arbeitsmarkt zu wenig.“ Aber als einen wichtigen Erfolgsfaktor für Großbritannien nennt er, dass die Lohnbarriere zunächst sehr niedrig angesetzt worden sei. „Wir haben auf einem bescheidenen Niveau begonnen. Als wir in den folgenden Jahren feststellten, dass die von den Skeptikern befürchteten Schäden am Arbeitsmarkt nicht eintraten, wurde dafür deutlich aufgestockt.“ Die erste Lohnuntergrenze lag bei umgerechnet nur 4,35 Euro.

          Die Behutsamkeit der Briten fehlt in Deutschland: Hier steigt der Staat mit 8,50 Euro und damit relativ hoch ein. Die Briten differenzieren den Mindestlohn auch nach Altersgruppen. Die Untergrenze für junge Beschäftigte zwischen 18 und 21 Jahren liegt mit derzeit 5,03 Pfund um rund 20 Prozent unter dem für ältere Arbeitnehmer – eine Vorsichtsmaßnahme, um den Jüngeren bessere Chancen zu geben den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu finden. In den deutschen Plänen ist eine solche Abstufung nicht vorgesehen.

          „Der Mindestlohn findet in den britischen Unternehmen inzwischen breite Akzeptanz“, sagt die Arbeitsmarktexpertin Tochtermann vom Wirtschaftsverband CBI. Das liege nicht zuletzt an der Unabhängigkeit der Lohnfestsetzung. Die Low Pay Commission wird vom Wirtschaftsminister berufen. Sie ist jedoch – ähnlich wie nun auch in Deutschland vereinbart – paritätisch besetzt: Dem Gremium gehören jeweils drei Vertreter der Arbeitgeber und der Gewerkschaften sowie drei unabhängige Fachleute wie Elliott an. Die Empfehlungen der Kommission sind zwar nicht verbindlich, doch ist die Regierung dem Rat der Fachleute in der Praxis bisher meistens gefolgt. „Der Mindestlohn war ein Experiment“, sagt Tochtermann. „Aber eines, das sich ausgezahlt hat.“

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