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Großbritannien : Anstand in düsterer Stunde

Bild: Reuters

Der Tod der Labour-Abgeordneten Jo Cox erschüttert die Briten. Der Wahlkampf ruht. Die Finanzmärkte können keine Pause machen – und reagieren.

          2 Min.

          Der Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox schockt das Vereinigte Königreich. Die Briten trauern. Und sie zeigen zugleich in dieser düsteren Stunde einen Respekt und Anstand, der ausstrahlt über das Land hinaus auf jeden, der sich davon anstecken lassen möchte: Trotz der mittlerweile von Hass teilweise bis in Familien hinein geprägten Debatte über einen möglichen EU-Austritt lassen Befürworter und Gegner im Gedenken an die Getötete für zwei Tage den Wahlkampf ruhen.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Brexit-Kampagnenführer Boris Johnson drückte nur kurz sein Beileid und seine Fassungslosigkeit aus. Auch der Anführer der rechtspopulistischen Ukip-Partei, Nigel Farage, kommunizierte seine Bestürzung. Mehr nicht.

          So reagieren Wahlkämpfer nicht überall: Nach dem Massenmord in Orlando meldete sich der republikanische Präsidentschaftsbewerber Donald Trump zum Beispiel sehr schnell über den Kurznachrichtendienst Twitter, um aus diesem monströsen Verbrechen politisches Kapital zu schlagen - auch wenn die Tat in Florida eine ganz andere Dimension hatte.

          Britanniens Premierminister David Cameron wiederum brach nach dem Angriff auf die englische Parlamentarierin eine Reise nach Gibraltar ab, wo er eigentlich für den Verbleib des Vereinigten Königreiches in der EU werben wollte. Unklar ist bislang, wie der britische Wahlkampf an diesem Wochenende, wenn die offizielle Pause endet, wieder aufgenommen wird.

          Keine Pause eingelegt haben hingegen die Kursbewegungen an den Finanzmärkten im weitesten Sinne. Wie ein riesiges mechanisches Uhrwerk haben die Anleger die Informationen „eingepreist“, wie es dort heißt. Das muss man ihnen nicht vorwerfen, was sollen sie sonst machen?

          Sie trat für die EU ein

          Das britische Pfund gewann gegenüber anderen Währungen an Wert, die aus den Quoten der britischen Buchmacher hervorgehende Wahrscheinlichkeit für einen EU-Verbleib ist auf weit mehr als 60 Prozent gestiegen, die Brexit-Wahrscheinlichkeit wieder unter 40 Prozent gefallen. Der Anbieter Ladbrokes etwa gibt 66 Prozent Wahrscheinlichkeit für eine EU-Verbleib an und 34 Prozent für einen Austritt.

          Der britische Aktienleitindex FTSE 100 drehte am Donnerstagnachmittag ins Plus und legte an diesem Freitag auf mehr als 6000 Punkte zu. Zu Beginn dieser Woche hatten gerade die Buchmacher, die lange Zeit einem EU-Austritt der Briten nur eine noch viel geringere Chance gegeben hatte, ihre Einschätzungen noch deutlich geändert – in Richtung Brexit.

          Wer das im Zusammenhang mit dem Mord an Cox deutet, könnte schlussfolgern, dass sich womöglich viele Briten mit den EU-Befürwortern solidarisieren und nun entsprechend abstimmen. Die gestorbene Abgeordnete der Arbeiterpartei trat engagiert dafür ein, dass Britannien in der EU bleibt.

          Als an diesem Mittwoch auf der Themse in London EU-Gegner und EU-Befürworter mit Booten vorgefahren waren, saß sie mit ihrem Mann und ihren beiden kleinen Kindern in einem Schlauchboot und hielt eine große weiße Fahne in die Luft, auf der „In“ stand – drinnen bleiben in der EU. Außerdem hatte sich Cox während ihrer Tätigkeit besonders für syrische Flüchtlinge eingesetzt und dies zum Thema gemacht.

          Über ihren Mörder heißt es in der britischen Presse, dass er lange Jahre Verbindungen zur Neonazi-Szene unterhalten habe. Und dass er während seines Angriffs gerufen haben „Britannien zuerst“. Eine Bezeichnung, die auch der Name einer rechtsradikalen Partei auf der Insel ist. Sein Bruder erklärte, er habe psychische Probleme gehabt und sei in Behandlung gewesen. Die britische Polizei hat bislang keine detaillierten Angaben dazu gemacht, was hinter der Tat steckt.

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