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F.A.Z. Woche : Wie der Gröxit zum Erfolgsmodell wurde

Trotz des Austritts hat Dänemark das Sagen in der Außen- und Verteidigungspolitik Grönlands. Deshalb fließen jährlich 440 Millionen Euro nach Nuuk. Bild: dpa

Vor 35 Jahren stimmten die Grönländer für den Austritt aus der Europäischen Gemeinschaft. Das hat sich für sie gelohnt. Wirklich losgelöst ist das Land dennoch nicht.

          3 Min.

          Während Großbritannien dieser Tage darüber diskutiert, wann und wie es die EU verlassen will, kann sich ein Land entspannt zurücklehnen. Grönland hat das alles schon hinter sich – und die Entscheidung bis heute nicht bereut.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Referendum über den Austritt aus der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft wurde am 23. Februar 1982 abgehalten, ohne dass der Kontinent davon in seinen Grundfesten erschüttert wurde. Und Grönland ist mit gut zwei Millionen Quadratkilometern Fläche zehnmal so groß wie Großbritannien. Nun muss man aber zweierlei zugeben: Erstens wohnen auf dieser riesigen Fläche nicht einmal 60.000 Menschen, im Vereinigten Königreich sind es mehr als 60 Millionen. Und zweitens war die Mitgliedschaft der arktischen Insel in der Vorgängerorganisation der EU von Anfang an ein Irrtum.

          Grönländer mussten sich den Dänen beugen

          Zum einen, weil Grönland geologisch und geographisch eher zu Amerika als zu Europa gehört. Zum anderen, weil die Grönländer paradoxerweise schon in der Abstimmung, die sie überhaupt erst zu Europäern machte, mit großer Mehrheit dagegen gestimmt hatten. Das war 1972, Grönland wurde damals noch weitgehend von einem Ministerium im fernen Kopenhagen regiert. Denn die größte Insel der Welt war im 19. Jahrhundert zu einer dänischen Kolonie geworden. Weil die Mehrheit der Dänen für den Beitritt zur EWG stimmte, fiel das Votum der Grönländer nicht ins Gewicht. Sie mussten rein in die Gemeinschaft, ob sie wollten oder nicht.

          Dagegen regte sich bald Protest in Nuuk, der Hauptstadt der Insel. Die Fischer klagten darüber, dass nun auch die Wettbewerber aus Europa in ihren Gewässern fischen durften. Und die freiheitsliebenden Grönländer, deren großes Ziel die volle Unabhängigkeit von Dänemark ist, empfanden es als einen schwer zu ertragenen Affront, gegen ihren Willen in der EWG mitmachen zu müssen. Als die Dänen Grönland etwas mehr Selbständigkeit gewährten, kam es deshalb zur Volksabstimmung über den Gröxit, den 1982 nur noch keiner so nannte.

          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche

          53 Prozent waren dafür. In den Verhandlungen, wie „soft“ oder „hart“ der Austritt ausfallen sollte, fand die entscheidende Runde in Bonn statt. Eine Austrittsklausel, wie sie nun Großbritannien nutzen wird, gab es noch nicht. Stattdessen einigte sich der grönländische Ministerpräsident mit dem damaligen deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher auf die wichtigsten Punkte: Grönland bleibt – mitten im Kalten Krieg eine wichtige Frage – in der Nato und überlässt den europäischen Fischern fortan gegen eine Pauschale Fangquoten für seine Fischgründe.

          Im Gegenzug gibt es keine Zölle auf den nach Europa gelieferten grönländischen Fisch. Dorsch, Heilbutt und Garnelen sind die wichtigsten Exportgüter der Insel. Noch ein Kompromiss: Die Grönländer haben zwar keine Stimme mehr bei den Europawahlen, gelten juristisch aber als Unionsbürger, ähnlich wie die Einwohner früherer niederländischer und französischer Kolonien wie Aruba, Curaçao und Neukaledonien.

          Millionen fließen nach Grönland

          „Besser hätte es für Grönland kaum laufen können“, bilanziert der Politologe Ulrik Pram Gad von der Universität in Kopenhagen das Resultat – und denkt dabei nicht nur an die Bestätigung für das Unabhängigkeitsstreben vieler Insulaner, sondern auch an die wirtschaftlichen Folgen. Denn Brüssel überweist bis heute zusätzlich zu den Lizenzgebühren für die Fischtrawler aus der EU auch noch rund 28 Millionen Euro im Jahr zur Bildungsförderung nach Nuuk. Das klingt nach nicht viel, aber bei einem Staatshaushalt von umgerechnet 900 Millionen Euro ist es doch erwähnenswert.

          Wäre Grönland Teil der EU geblieben, rechnet Ulrik Pram Gad vor, käme es wegen des vergleichsweise hohen Pro-Kopf-Einkommens für solche Hilfen nicht in Frage. Vermutlich habe der Austritt die Beziehungen zwischen Nuuk und Brüssel sogar enger gemacht, vermutet der Wissenschaftler, weil die Gespräche nun nicht mehr über Kopenhagen laufen, sondern direkt geführt werden können.

          Das ändert nichts daran, dass im grönländischen Etat der sogenannte Blockzuschuss aus Dänemark mit rund 440 Millionen Euro im Jahr den weitaus größten Einzelposten bei den Einnahmen einnimmt. So viel lässt es sich das kleine Königreich kosten, dass es auf der großen Insel in der Außen- und Verteidigungspolitik immer noch das Sagen hat. Für die Grönländer ein triftiger Grund, sich nicht komplett von den einstigen Kolonialherren loszusagen.

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