https://www.faz.net/-gqe-7z664

Griechischer Schuldenschnitt : Wie Deutschland nach dem Krieg?

Gut zu sehen: Die Akropolis steht nicht in London Bild: AFP

Griechenlands neue Regierung will einen Schuldenschnitt nach dem historischen Vorbild der Londoner Schuldenkonferenz. Doch die Vergangenheit ist mit der heutigen Situation kaum zu vergleichen.

          Innerhalb von nur zwei Wochen will der neue griechische Finanzminister Yannis Varoufakis Vorschläge für einen Schuldenschnitt zugunsten von Griechenland unterbreiten. Vorbild soll die Londoner Schuldenkonferenz von Sommer 1952 bis Februar 1953 sein, bei der über die deutschen Nachkriegsschulden verhandelt wurde. Ministerpräsident Alexis Tsipras sagt, Griechenland müsse das Recht auf die gleiche Behandlung haben wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Griechenland sucht dafür nun Verbündete in Italien. Obwohl das politische Italien vom Sieg des Griechen Tsipras über die „deutsche Austerität“ elektrisiert ist, zeigen sich dennoch die Wirtschaftsanalysten eher nüchtern: „Eine Schuldenkonferenz im gegenwärtigen Umfeld ist wenig wahrscheinlich“, sagt Tullia Bucco von der volkswirtschaftlichen Abteilung beim Bankenkonzern Unicredit. Schließlich habe gerade die Europäische Zentralbank den Kauf von Staatstiteln beschlossen, der die Zinsen drückt und auch Griechenland den Umgang mit den Schulden erleichtere. Zugleich gebe es das Risiko, in Europa eine populistische Spirale in anderen Ländern, etwa Spanien oder Portugal, in Gang zu setzen.

          Bedingungen nur schwer vergleichbar

          Ganz grundsätzliche Bedenken äußert Italiens ehemaliger Schatz- und Finanzminister Fabrizio Saccomanni, bis 2012 Stellvertreter des italienischen Notenbankgouverneurs: „Als 1953 in London die Schuldenkonferenz abgehalten wurde, war das eine relativ ruhige Angelegenheit, denn die Gläubiger waren vor allem Staaten und Banken.“ Doch heute gebe es keine Chance mehr, hinter verschlossenen Türen Gläubiger und Schuldner zusammenzubringen. Aus der Sicht von Saccomanni würden daher während einer offiziellen Schuldenkonferenz die Finanzmärkte so viele Kapriolen schlagen, dass ein solches Projekt kaum durchführbar erscheine.

          Die historischen Umstände der Londoner Schuldenkonferenz sind schließlich nur schwer mit der Lage Griechenlands vergleichbar: Deutschland überzog die Welt mit Krieg. Griechenland hat sich innerhalb eines Jahrzehnts in eine wirtschaftliche Notsituation gebracht. Das Land wurde mit Hilfskrediten von insgesamt rund 240 Milliarden Euro vor dem Konkurs gerettet. Die Troika der Geldgeber sieht die Reformbedingungen nicht als Bestrafung, sondern sie sollen eine Wachstumsperspektive für das Land eröffnen. Daher hatte die Troika die Öffnung von bislang geschlossenen Berufen, einen Abbau bürokratischer Hindernisse und eine Modernisierung der Staatsorganisation und der Steuerverwaltung gefordert, zu der Griechenland allein nicht fähig war.

          Die neue Regierung in Athen begründet ihre Forderung nach einem Schuldenschnitt mit der hohen Schuldenlast – einer Schuldenquote von gut 175 Prozent –, doch die Zinsen der nächsten Jahre sind ohnehin schon auf eher symbolische Werte gesunken. Bei den Gläubigern entstehen daher Zweifel, ob die griechische Regierung nur an frischen Mitteln für weitere Ausgaben interessiert ist.

          Die Lehre aus dem Versailler Vertrag

          Ganz anders lagen die Dinge 1952/1953. Damals, nach dem Beginn des Kalten Krieges, sollte Deutschland ein stabiler Partner im westlichen Bündnis werden. Zudem wollten die Partner die deutsche Schuldenlast erst der Leistungsfähigkeit und den Exporterlösen des Landes anpassen. Ein Teil der Schulden wurde auf die Zeit nach einer zu erzielenden deutschen Einheit vertagt – und dann tatsächlich später von 1990 an beglichen.

          Weitere Themen

          Diese Russland-Sache

          Mueller-Bericht : Diese Russland-Sache

          Sex, Lügen und eigenartige Treffen: Viele Ergebnisse der Ermittlungen von Sonderstaatsanwalt Mueller lassen Donald Trump und seine Umgebung in einem eigenartigen Licht erscheinen.

          Topmeldungen

          Das amerikanische Justizministerium.

          Trumps Wahlkampfaffäre : Mueller lesen und siegen

          Der amerikanische Präsident Donald Trump sieht sich durch Sonderermittler Robert Mueller vollkommen entlastet und attackiert die Demokraten – die gar nicht daran denken, jetzt aufzugeben.
          Steht unter Druck: Großbritanniens Premierministerin Theresa May.

          Vor Woche der Entscheidung : May beruft Krisensitzung ein

          Die entscheidende Brexit-Woche steht bevor: Premierministerin May steht unter enormen Druck und hat sich nun offenbar mit Parteikollegen und Brexiteers getroffen, um ihren Deal doch noch durch das Parlament zu bekommen. Die Chancen stehen schlecht.
          Russisches Flugzeug in Caracas

          Caracas : Russische Militärflugzeuge landen in Venezuela

          Zwei Transportflugzeuge der russischen Streitkräfte haben Soldaten und Medikamente nach Venezuela geflogen. Es gehe um „technisch-militärischer“ Abkommen, teilt die russische Botschaft mit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.