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Glücksforschung : Ökonomen auf Abwegen

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Glücksforschung ist schwer in Mode, aber ihre Erkenntnisse sind bisweilen gefährlich. In bevormundendem Duktus tragen Wissenschaftler Politikern ihre Beglückungsvorschläge fürs Volk vor. Entsteht ein „Glückspaternalismus“? Der Sonntagsökonom.

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          Die Glücksforschung ist schwer in Mode. Zu erforschen, was Glück ist und was uns glücklich macht, ist längst nicht mehr nur die Sache von Psychologen und Philosophen. Seitdem die moderne Hirnforschung messen zu können scheint, ob jemand gerade positive oder negative Gefühle hat, gerät Glück auch zum Gegenstand empirischer Forschung.

          Gerade dieser empirische Zugang macht das Thema auch für Ökonomen attraktiv. Sie glauben, Glück auf andere Art objektiv messen zu können: Sie befragen Personen über deren Befindlichkeit. Die Ergebnisse werden aggregiert und verglichen. Heraus kommt beispielsweise die Erkenntnis, dass die Amerikaner und die Australier glücklicher sind als die Europäer. Wenn man sie mit bestimmten Lebensumständen der Befragten in Verbindung setzt, fördern die Ergebnisse weitere Erkenntnisse zutage - etwa, dass mehr Geld nicht unbedingt glücklicher macht oder dass viele Leute mehr arbeiten, als es für ihr Glück gut wäre.

          „Die Mitte und das rechte Maß“

          Die Popularität der Glücksforschung hat mehrere Ursachen. Erkenntnissen der Art, dass zum Glück mehr gehöre als Geld, lässt sich schwer widersprechen. Trotz ihrer Trivialität sind sie freilich eine Herausforderung für das herkömmliche ökonomische Menschenbild, den Homo oeconomicus, der bekanntlich immer seinen Nutzen maximiert. Die gängigen ökonomischen Maße für diesen Nutzen sind Größen wie das verfügbare Einkommen oder die Kaufkraft. Viel mehr als diese monetär messbaren Kategorien stellt die althergebrachte Ökonomik tatsächlich nicht zur Verfügung. Dass diese insofern menschliches Verhalten ungenügend abbildet, das ökonomische Menschenbild also der Erweiterung bedarf, etwa um Erkenntnisse aus der Psychologie, ist kaum noch umstritten.

          Aber ist Glücksforschung eine adäquate Alternative? Können wir aus ihr mehr lernen als den Rat von Aristoteles, dass am ehesten jener Glück erfahre, der „die Mitte und das rechte Maß“ im Leben suche? Die Zweifel beginnen schon mit den Definitionsfragen. Die Definition des britischen Ökonomen und Glücksforschers Richard Layard ist ziemlich inhaltsleer: „Glück ist, wenn wir uns gut fühlen, und Elend bedeutet, wenn wir uns schlecht fühlen.“ Wer versucht, diesen Satz mit Inhalt zu füllen, stößt schnell an erkenntnistheoretische Grenzen. „Glück“ ist kaum objektiv definierbar, geschweige denn intersubjektiv vergleichbar.

          Ein „Happiness-Index“ für die Politik?

          Glück und Wohlbefinden sind extrem subjektive Kategorien. Es ist unmöglich, Aussagen einzelner über ihr Wohlbefinden in ein Messschema zu überführen und danach Glücksvergleiche anzustellen: Wenn Person A sagt, sie sei glücklich, und Person B sagt, sie sei unglücklich, folgt daraus nicht, dass A glücklicher als B ist. Aus diesem Grund ist das vom Begründer des Utilitarismus, Jeremy Bentham, formulierte gesellschaftspolitische Ziel, das größte Glück der größten Zahl zu erreichen, methodischer Unsinn.

          An Bentham knüpfen jene modernen Ökonomen an, die aus der Glücksforschung ernsthafte politische Schlüsse ziehen. Der langjährige Labour-Berater Layard ist der Meinung, die Politik eines Staates solle danach beurteilt werden, „inwieweit sie Glück mehrt und Leid mindert“. Diese Forderung lässt sich weder mit einem Hinweis auf ihre Inhaltsleere noch mit der Bemerkung abtun, sie sei nicht erfüllbar. Layard hat Premierminister Tony Blair einen „Happiness-Index“ vorgeschlagen, der als Prüfstein für jedes Gesetz gelten soll: Nur was glücklicher macht, wird beschlossen.

          Blairs konservativer Kontrahent David Cameron meint, die Politik solle sich nicht länger an der Steigerung des „GDP“ (also des Sozialprodukts) ausrichten, sondern an der Erhöhung des „GWB“ (des allgemeinen Wohlbefindens).

          Nicht nur esoterisches Geschwätz

          Das ist nicht nur esoterisches Geschwätz. Dahinter steht eine Variante der Behauptung, dass Geld nicht glücklich mache: Die Menschen in den Industrieländern seien nicht glücklicher als früher, obwohl ihr Lebensstandard stark gestiegen sei. Die Politik müsse sich deshalb mehr um jene Dinge kümmern, die die Glücksforschung als „glücksfördernd“ einstuft.

          Da viele Menschen mehr arbeiteten, als für ihr Glück gut sei, solle das Arbeitseinkommen höher besteuert werden. So lasse sich ein angemessenes Verhältnis von Arbeit und Freizeit erreichen. Hinzu kommen andere Beglückungsvorschläge, die in einem ähnlich bevormundenden Duktus vorgetragen werden.

          Gefährliche Schlüsse

          Der schwedische Publizist Johan Norberg nennt die neue Wissenschaft treffend „Glückspaternalismus“. Seine Polemik gegen die manchen Glücksforschern eigene Anmaßung, am besten zu wissen, was ihren Mitbürgern guttut, ist erfrischend zu lesen. Norberg versucht auch zu belegen, dass Layard empirisch falsch liegt - dass es also doch einen positiven Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Wohlstand und Glück oder Wohlbefinden gebe.

          In einem hat Norberg auf alle Fälle recht: Die Schlussfolgerungen von Ökonomen wie Layard sind politisch außerordentlich gefährlich. Man muss sich durch sie nicht gleich an George Orwell erinnert fühlen. Eine Einladung an jeden Politiker, sich im Wortsinn als Volksbeglücker zu gerieren, stellen sie in jedem Fall dar. Dass diese nicht zwangsläufig Steuererhöhungen oder Zwangsverkürzungen der Arbeitszeit dekretieren, dürfte vor allem einen Grund haben: Die Bürger wären nicht glücklich damit.

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