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FAZ.NET-Schwerpunkt : Revolte gegen die Globalisierung

Schon vor Trumps Sieg am Schwächeln: Der Welthandel wächst nur noch halb so schnell. Das bekommen auch Containerhäfen, wie hier in Tokio, zu spüren. Bild: dpa

Der Freihandel hat große Gewinne gebracht, aber nun begehren die Verlierer auf. Sie fürchten sich zudem vor unkontrollierter Einwanderung. Eine Folge ist die Trump-Wahl.

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          In der Nacht des Wahlsiegs hat sich Donald Trump um versöhnliche Worte bemüht. Er wolle Präsident aller Amerikaner sein, er suche Partnerschaft, nicht Konflikt. Doch das Land ist tief gespalten. Brodelnde Freude bei Trumps Anhängern, Tränen und Wut auf der Gegenseite. Der Triumph des Immobilienmilliardärs, der sich als Freund der einfachen Leute ausgibt und gegen das „korrupte Establishment in Washington“ wettert, für das Clinton steht, hat die linksliberale Elite, die Medien und die progressiven Milieus verstört. Er hat Gräben in Amerika aufgerissen und vertieft – und könnte Gräben in der Welt aufreißen.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Wird die Wahl Trumps zu einem Wendepunkt für die Globalisierung? Das ist möglich, denn ein zentrales Thema seines Wahlkampfs waren Attacken gegen den Freihandel. Die Billigwaren-Konkurrenz aus China und Mexiko habe Millionen Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten zerstört, unfair sei dieser Handel, hämmerte Trump seinen Anhängern ein. Gewählt haben ihn vor allem solche Amerikaner, die sich verunsichert und übergangen fühlen. Der alte „Steel Belt“ im Norden, wo einst die Schwerindustrie florierte, ist in den vergangenen Jahrzehnten zum „Rust Belt“ verkommen. In dieser rostig-tristen Atmosphäre gärt die Proteststimmung. Die Wähler in Ohio und Michigan, in Zentren des einstigen Industriegürtels, sind mit fliegenden Fahnen zum Anti-Establishment-Kandidaten übergelaufen.

          Ihre Reallöhne stagnieren seit Jahrzehnten oder sinken gar. Bei manchen ist es auch nur ein Gefühl, sie sind keine Absteiger, gehören zur Mittelschicht und verdienen eigentlich recht gut. Doch die Schere der Einkommen ist spürbar auseinandergegangen, und die amerikanische Mittelschicht schrumpft. Beides liegt nicht nur an der Globalisierung. Es hat auch mit dem technologischen Wandel, dem Einsatz von Maschinen und Computern zu tun, der Arbeitsplätze in Fabriken und Büros wegrationalisiert. Doch die Globalisierung ist ein wichtiger Faktor, der Verteilungskonflikte schürt.

          Abwehrhaltung gegen Einwanderung und Zweifel an Globalisierung

          Hinzu kommt das Unbehagen an der starken Migration, das in Amerika wie in Europa eine Protestbewegung antreibt, die immer lauter wird. In den Niederlanden dürfte Geert Wilders, der vor dem Islam warnt, bei der Parlamentswahl im März stark abschneiden. In Frankreich könnte Marine Le Pen vom rechtsnationalen Front National bei der Präsidentschaftswahl in sechs Monaten eine Sensation gelingen – nichts erscheint mehr ausgeschlossen. Ihre Erfolge werden die EU durchrütteln. Und ihre Themen haben sich vom Rand der Gesellschaft bis in die Mitte ausgebreitet. Angst vor der Ausbreitung islamischer Parallelgesellschaften gibt es bis in die Mittelschicht.

          Die Abwehrhaltung gegen zu viel Einwanderung mischt sich dabei mit Zweifeln an der wirtschaftlichen Globalisierung und am Freihandel. Das alte Versprechen der Ökonomen, dass dieser auf Dauer allseits Wohlstandsgewinne bringe, hat in Amerika schon seit längerem Risse bekommen. Mehrere Studien des Arbeitsmarktforschers David Autor vom Massachusetts Institute of Technology haben gezeigt, dass die verschärfte Importwarenkonkurrenz aus China seit der Jahrtausendwende etwa zwei Millionen Jobs oder gar mehr in der alten amerikanischen Industrie vernichtet hat.

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