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Gewerkschaftstag mit Kanzlerin : Die Schwächen der IG Metall

Gerade frisch gewählt: die neuen IG Metall-Spitze aus Jörg Hofmann und Christiane Benner. Bild: dpa

Die größte Gewerkschaft der freien Welt debattiert ihre Zukunft und heute kommt die sogar die Kanzlerin vorbei. Es geht um nicht weniger als ihre Rolle im 21. Jahrhundert. Eine Analyse.

          Es gehört zur Natur von Großgewerkschaften wie der IG Metall und Verdi, dass sie in ihrer Arbeit sehr vielfältige Zielkonflikte lösen müssen. Ein besonders wichtiger betrifft die Frage, wofür und für wen die Organisation ihre Kraft und Ressourcen überhaupt einsetzen soll. Natürlich geht es ihnen immer in irgendeiner Form um Arbeitnehmerinteressen - die schwierige Frage ist aber, was das für die Praxis eigentlich genau bedeuten soll.

          Für Verdi war lange Zeit nicht einmal ganz klar, welche Rolle die Tarifpolitik spielen sollte. Schließlich kann man sich als Großorganisation auch darauf verlegen, das politische Klima und den Gesetzgeber zu beeinflussen, etwa mit dem Ruf nach hohen Mindestlöhnen, mehr Sozialausgaben und hohen Steuern für Reiche. Allerdings scheint Verdi allmählich zu erkennen, dass mit intensiver Basisarbeit und zielgerichteter Tarifpolitik vielleicht doch mehr zu gewinnen ist - für die Organisation wie für die Mitglieder.

          Die IG Metall, die sich derzeit zu ihrem Gewerkschaftstag und damit zur Standortbestimmung trifft, hat diese Schlüsselfrage im Grundsatz längst geklärt. „Unsere Zukunft“, beschwor Berthold Huber nach seiner Wahl zum Vorsitzenden im Jahr 2007, „liegt in den Betrieben, nicht auf der Straße.“ Die IG Metall hat diese Einsicht mit einem Umbau ihrer Organisation unterfüttert. Sie hat sich einer intensiven Beteiligung der Mitglieder an der Tarifarbeit verschrieben und sogar erhebliche Finanzmittel vom Funktionärs-Apparat des Vorstands zu den betrieblichen Gliederungen umgeleitet.

          Trotzdem steckt auch sie in einem Zielkonflikt. Er betrifft die Frage, wie sie ihre anerkanntermaßen große tarifpolitische Macht - vor allem die der gut organisierten Kernbelegschaften in den Industriekonzernen - nutzen soll. Die Versuchung ist groß, sich auf eine Maximierung von Tarifabschlüssen für ebendiese Kernklientel zu konzentrieren.

          Das führt aber zu einem Problem: Es macht den Flächentarifvertrag irgendwann so teuer und kompliziert, dass kleinere Firmen aussteigen. Und auch die Großen suchen Ausweichstrategien. Die Instrumente heißen Zeitarbeit, Ausgliederung und Produktionsverlagerung. Die IG Metall läuft dann Gefahr, dass ihr Erfolg die Kernbelegschaften zum Schrumpfen bringt. Bisher ist davon zwar noch nicht allzu viel zu sehen, da die Industrie bisher insgesamt solide wächst. Allerdings werden die möglichen Ausweichstrategien im Zeitalter der Digitalisierung (Industrie 4.0) noch vielfältiger werden.

          Konflikte zwischen IG Metall und Verdi

          Nun ist es nicht so, dass die IG Metall das Problem ignoriert. Unter der Regie ihres nun altershalber ausscheidenden Chefs Detlef Wetzel hat sie sogar große Anstrengungen unternommen, etwas gegen jene Ausweichreaktionen zu tun. Dazu zählt ihre breite Kampagne zur Eindämmung von Zeitarbeit und Werkverträgen. Ebenso gehört dazu eine Neuabgrenzung ihrer Zuständigkeit: Sie erhebt nun den Anspruch, alle Beschäftigten entlang der Wertschöpfungskette der Metall- und Elektroindustrie zu vertreten - also aller Betriebe, die zur Produktion etwa von Auto- oder Maschinenbauern beitragen. Und sie hat auch einiges investiert, um Zeitarbeiter und Beschäftigte von Werkvertragsfirmen als Mitglieder zu gewinnen mit dem Ziel, deren Lohnniveau anzuheben.

          Letzteres führte nebenbei zu erbitterten Konflikten mit der Gewerkschaft Verdi, die auf ihre Zuständigkeit etwa für Logistik-Dienstleistungen pocht. Zündstoff dafür gibt es beiderseits: Das turmhohe Niveau des Metalltarifs liefert der Industrie den Anreiz, auch Produktionstätigkeiten an Logistik-Firmen auszulagern. Und der Umstand, dass sich Verdi auf der anderen Seite über Jahre hinweg nicht als wirksame tarifpolitische Kraft profiliert hat, verstärkt den Anreiz noch.

          Der Organisationsgrad sinkt

          Das größte Ärgernis liegt freilich darin, dass sich die IG Metall nicht darauf beschränkt, die Ränder ihres Organisationsbereichs tarifpolitisch abzusichern. Sie sucht ihr Heil eben doch „auf der Straße“. Die Kampagne gegen „Missbrauch“ von Zeitarbeit und Werkverträgen hat schließlich vor allem das Ziel, dass die Regierung tarifpolitische Fehlentwicklungen gesetzlich zementiert - etwa die, dass der Metall-Flächentarif inzwischen schon für Hilfsarbeiter Stundenlöhne von 16,56 Euro vorgibt, was natürlich Ausweichreaktionen der Betriebe provoziert. Doch Arbeitsministerin Nahles (SPD) ist ja so nett und bietet Hilfe an.

          Auch das löst aber nicht die große Aufgabe der IG Metall, den Flächentarif in seinem Kern zu stärken. Denn dazu müsste sie vor allem kleinere Firmen mitsamt ihren Belegschaften wieder mehr ins Blickfeld der Tarifpolitik rücken. Dass hinter der Fassade der scheinbar so starken IG Metall etwas im Argen liegt, lässt sich bei genauem Hinsehen sogar an ihrer Mitgliederentwicklung ablesen: Zwar meldet sie inzwischen wieder leichte Zuwächse - doch der Organisationsgrad sinkt. Allein schon die Zahl der Stammbeschäftigten in den Metallbetrieben wächst deutlich schneller als die Zahl der berufstätigen IG-Metall-Mitglieder.

          Gegen diese Schwäche wird der IG Metall kein Gesetz aus dem Hause Nahles helfen können. Das wird die Gewerkschaft unter ihrem neuen Vorsitzenden Jörg Hofmann selbst hinbekommen müssen - idealerweise mit einer Tarifpolitik, die den Aufbau weiterer Arbeitsplätze im Kernbereich des Metall-Flächentarifs begünstigt.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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