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Standort Deutschland : Gewerkschaft schlägt sich auf Seite der Unternehmen

Amerikanische Fracking-Plattform: Gewerkschaften fürchten sich um den Verlust von Schlüsseltechnologien Bild: dpa

Hohe Energiepreise gefährden Investitionen in Deutschland. Sogar Gewerkschaften sind in Sorge. Sie kämpfen nun Seit’ an Seit’ mit der Wirtschaft.

          4 Min.

          Die Verständigung am Ort des Geschehens fällt etwas schwer: Der Geräuschpegel zwischen den Kesseln und Rohren der großen Chemieanlage in Port Arthur (Texas) ist ohnehin nicht niedrig – und da der Betreiber, ein Gemeinschaftsunternehmen unter Führung des deutschen BASF-Konzerns, Sicherheit großschreibt, müssen alle Besucher außerdem Ohrenstöpsel tragen.

          Dietrich Creutzburg
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Einige Wortfetzen aus dem Mund von Michael Vassiliadis kommen aber an. „Game changer“ ist einer der Begriffe, die haftenbleiben. Und der nebenbei die Mission beschreibt, die der Vorsitzende der deutschen Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) hier in Texas verfolgt: Vassiliadis sorgt sich um die Zukunft des Industriestandorts Deutschland.

          Als „Game changer“ gelten Leute oder Ereignisse, die den Verlauf eines Wettbewerbs auf den Kopf stellen. Für die Industrie könnte der neue Energie-Boom in Texas, gestützt auf das hierzulande umstrittene Fracking-Gas, so ein Fall sein.

          Fracking hat Amerika einen Aufschwung beschert

          Für einige Branchen gilt das umso mehr, als für sie neben niedrigen Energiepreisen auch die Nähe zu den Gasquellen ein Standortargument ist – etwa für den Betrieb sogenannter Dampf-Cracker, die aus Öl-Rohstoffen Ethylene machen, die Grundlage von Kunststoff aller Art. BASF hat in Port Arthur gerade kräftig investiert. Wenige Kilometer weiter baut der Energieriese Exxon Mobil seinen Cracker auf gut das Doppelte der bisherigen Kapazität aus.

          Nach den Werksbesuchen ist Vassiliadis dann besser zu verstehen, und die Botschaft wird noch deutlicher: In Deutschland seien allzu viele Leute unterwegs, die solche Entwicklungen gar nicht zur Kenntnis nähmen oder so täten, als werde sich das alles bald wieder erledigen – ohne jeden Einfluss auf die Investitions- und Standortentscheidungen hiesiger Unternehmen. „Das nenne ich schlicht Biedermeierlichkeit“, redet er sich in Rage. Nein, natürlich wolle auch er in Deutschland nicht einfach Texas kopieren. „Aber man muss doch die Fakten wahrnehmen und offen diskutieren, was daraus folgt.“

          Dass der Vorsitzende der IG BCE nicht den linken Klassenkämpfer unter den deutschen Gewerkschaftsführern gibt, ist zwar Tradition. In jüngerer Zeit haben sich die Akzente aber noch etwas mehr verschoben. Während sich andere – ob GDL oder Verdi – vor allem an Verteilungskonflikten berauschen, wendet er sich geradezu demonstrativ der Frage zu, wie stabil eigentlich die industriellen Grundlagen unseres Wohlstands sind. Und lud dafür jüngst sogar Journalisten zu einer Reise nach Texas ein, um jenen Aufschwung zu besichtigen, den Fracking und Cracking dem Land bescheren.

          Gewerkschaften setzen sich für den Industriestandort Deutschland ein

          Beispielhaft für eine Veränderung der wirtschaftspolitischen Auseinandersetzung in Deutschland, die vor allem innerhalb der Gewerkschaftsbewegung zu beobachten ist: Auch die anderen Industriegewerkschaften, allen voran die IG Metall, setzen sich neuerdings sichtbar für die Verteidigung des hiesigen Industrie- und Investitionsstandorts gegen sozialökologische Träumereien ein.

          Sie spüren über ihre Mitglieder in den Betrieben: Die holprige Energiewende und eine von ökonomischen Erwägungen wenig beeinflusste Klimapolitik sind nicht nur für Unternehmen ein Planungs- und Investitionsrisiko – sie könnten auch zunehmend zum Arbeitsplatzrisiko werden.

          Besonders sichtbar wird es durch eine neue „Allianz für energiepolitische Vernunft“, zu der sich kürzlich IG Metall, IGBCE, IGBau und die Eisenbahnergewerkschaft EVG zusammengeschlossen haben und die eine Unterschriftenaktion „für bezahlbaren Strom und gute Arbeitsplätze“ aus der Taufe gehoben hat. „Die Energiewende ist dann eine große Chance, wenn sie zu mehr Beschäftigung führt, statt gute Arbeit zu vernichten“, heißt es in dem Aufruf. Die Gewerkschaften seien ja bereit, den für die Energiewende nötigen Strukturwandel der Wirtschaft mitzugestalten. „Aber wenn aus ideologischen Motiven Arbeitsplätze aufs Spiel gesetzt werden, wehren wir uns mit aller Kraft!“

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