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Gewaltsame Proteste in der Krise : Eingeschlagene Scheiben und brennende Reifen

  • Aktualisiert am

Zerschlagene Scheibe am Haus des ehemaligen RBS-Chefs Goodwin Bild: AP

Im Zuge der schlimmste Rezession seit Jahrzehnten häufen sich die Protestaktionen, mitunter eskaliert die Lage sogar: In Frankreich ist abermals ein Manager als Geisel genommen worden. In Großbritannien wurde das Haus des ehemaligen Vorstandschefs der Royal Bank of Scotland beschädigt.

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          Die schlimmste Rezession seit Jahrzehnten hat für immer mehr Menschen harte Konsequenzen. Der Verlust des Arbeitsplatzes droht, die wirtschaftlichen Aussichten sind höchst unsicher. Jetzt häufen sich die Protestaktionen, mitunter eskaliert die Lage sogar: In Frankreich ist erneut ein Manager als Geisel genommen worden, in Großbritannien wurde das Haus des ehemaligen Vorstandschefs der Royal Bank of Scotland beschädigt.

          Ins Visier geraten Manager, die trotz Milliardenverlustes ihrer Unternehmen Millionensummen kassieren. Heftigste Kritik traf den ehemaligen Chef der Royal Bank of Scotland (RBS), Fred Goodwin, der eine Pension von jährlich 755.000 Euro bekommt. Die Bank fuhr 2008 mit einem Fehlbetrag 27,13 Milliarden Euro den höchsten Verlust in der britischen Wirtschaftsgeschichte überhaupt ein.

          Bei „Fred the Shred“ haben Unbekannte die Scheiben eingeworfen

          Am Mittwoch wurde die Polizei zu Goodwins Haus in Edinburgh gerufen: Unbekannte hatten das Haus beschädigt, Scheiben wurden eingeworfen. An einem vor dem Haus geparkten Mercedes-Benz S600 wurde die Heckscheibe eingeschlagen. Goodwin, wegen drastischer Sparmaßnahmen auch „Fred the Shred“ (Fred der Zerkleinerer) genannt, hatte sich Forderungen der Regierung widersetzt, auf einen Teil seiner Pension zu verzichten. RBS-Sprecher Neil Moorhouse erklärte, die Sicherheitsvorkehrungen für Goodwin würden nun überprüft.

          Vandalismus in Schottland: Beschädigter Mercedes vor dem Haus des ehemaligen RBS-Chefs
          Vandalismus in Schottland: Beschädigter Mercedes vor dem Haus des ehemaligen RBS-Chefs : Bild: AP

          In Frankreich wurde derweil zum zweiten Mal binnen zwei Wochen ein Manager als Geisel genommen. Mitarbeiter der amerikanischen Büromaterialfirma 3M halten den Frankreich-Chef Luc Rousselet seit Dienstagabend in der Niederlassung in Pithiviers fest, wie das Unternehmen bestätigte. 3M hatte vergangene Woche mitgeteilt, mehrere hundert Beschäftigte in Frankreich zu entlassen.

          Schon am 13. März nahmen wütende Arbeiter einer Sony-Fabrik bei Bordeaux den Frankreichchef des Konzerns für eine Nacht als Geisel. Er wurde erst nach neuen Verhandlungen über die geplanten Werkschließungen wieder freigelassen.

          Erhängte Stoffpuppen und brennende Autoreifen

          In Reims schleuderte die Continental-Belegschaft aus Wut über Entlassungen Schuhe und Eier auf Manager und erhängte zwei lebensgroße Stoffpuppen, die den Vorstand symbolisierten sollten. Am Mittwoch zündeten sie in Paris auf einem Protestmarsch zum Präsidentschaftspalast Barrikaden aus Autoreifen an. „Wir brauchen Hilfe, Hilfe von Präsident Nicolas Sarkozy“, sagte Antonio Da Costa von der Gewerkschaft CFTC. „Sonst können die Reifen-Bosse machen, was sie wollen.“

          Vor einer Woche waren bis zu drei Millionen Menschen auf die Straße gezogen, um gegen die Krisenpolitik Sarkozys zu demonstrieren. „Die Lage birgt enormes Sprengpotenzial“, meint denn auch Henrik Uterwedde, Sozialexperte vom Deutsch-Französischen Institutes (DFI). Er schließt wegen der Wut der Krisenopfer eine soziale Revolte nicht aus. „Auch den Mai '68 hat niemand kommen sehen.“ In Deutschland sei die Lage aber nicht ganz so explosiv wie in Großbritannien oder Frankreich, weil die Gewerkschaften als glaubwürdige Vermittler zwischen Staat und Unternehmen wahrgenommen würden.

          „Ausdruck der Hilflosigkeit“

          Der Sozialwissenschaftler Dieter Rucht will keine feste Prognose abgeben, ob mit mehr Protesten zu rechnen ist. Doch erwartet er, dass es künftig mehr Einzelfälle geben wird - von regelrechten Volksaufständen jedoch geht er nicht aus. Die Vorfälle in Frankreich und Großbritannien wertet der Experte vom Berliner Wissenschaftszentrum als „einen Ausdruck der Hilflosigkeit“, der zum symbolischen Regelbruch führe.

          „Ich würde mich nicht wundern, wenn es Nachahmer gibt“, sagte Rucht der Nachrichtenagentur AP am Mittwoch. Dies gelte umso mehr, weil Protestaktionen heute via Internet ganze neue Verbreitungswege fänden.

          Proteste vor Villen von AIG-Managern in Amerika

          Auch in Amerika gibt es den Trend, die Empörung angesichts von Millionen-Boni direkt gegen führende Manager zu richten: Am vergangenen Wochenende protestierten rund 40 Demonstranten vor den Villen von AIG-Managern. Die Boni führten zu heftigen Protesten, weil AIG zur gleichen Zeit nur durch 182,5 Milliarden Dollar an Steuergeldern vor dem Ruin bewahrt wurde.

          Sogar Todesdrohungen wurden gegen Manager des maroden Versicherungskonzerns schon ausgestoßen. Und einige amerikanische Unternehmen haben ihre Angestellten mittlerweile angewiesen, auf Firmenlogos an der Kleidung zu verzichten, nachts nur noch zu zweit zu fahren und nur an gut beleuchteten Plätzen zu parken.

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