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Gesundheitsreform : Zahnärzte sollen aus der gesetzlichen Versicherung aussteigen

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Der Freie Verband Deutscher Zahnärzte ruft seine 22 000 Mitglieder und die Patienten auf, die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zu verlassen.

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          Der Freie Verband Deutscher Zahnärzte ruft seine 22 000 Mitglieder und die Patienten auf, die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zu verlassen. Die größte Organisation des Berufsstands mit freiwilliger Mitgliedschaft sieht die Freiberuflichkeit des Kassenzahnarztes nicht mehr gewährleistet und will deshalb diejenigen unterstützen, die nur noch in Privatpraxis arbeiten.

          Im ersten Schritt sollten möglichst viele gesetzlich versicherte Patienten die Möglichkeit nutzen, sich auf Rechnung vom Zahnarzt behandeln zu lassen, sagte der Bundesvorsitzende Wilfried Beckmann auf einem Presseseminar des Verbandes. Der zweite Schritt sei die private Absicherung des Zahnersatz-Risikos. Beckmann warf den Krankenkassen vor, die Anwendung der Kostenerstattung zu verhindern. Seit Jahresbeginn können sich nicht nur wie bisher freiwillig Versicherte, sondern alle Mitglieder der gesetzlichen Kassen für die Kostenerstattung entscheiden. Das bedeutet: Sie erhalten wie Patienten mit einer privaten Krankenversicherung von ihrem Arzt oder Zahnarzt eine Rechnung, die sie dann bei ihrer Kasse einreichen. Diese zahlt nur so viel, wie sie auch auf dem herkömmlichen Abrechnungsweg (Sachleistung) zu erstatten hätte, und sie muß sogar noch Abschläge für Verwaltungskosten vornehmen.

          Im Ergebnis läuft das für den Patienten auf eine größere Selbstbeteiligung hinaus. Die Kassen haben laut Gesetz ihre Versicherten vor der Wahlentscheidung zu beraten. Dabei stellten sie diesen Abrechnungsweg als "hochriskant" dar, kritisierte Beckmann. Die Behandlung durch Nicht-Kassenärzte, die nur mit Zustimmung der jeweiligen Kasse zulässig ist, werde sogar vollständig torpediert.

          Der Freie Verband will in den nächsten Monaten intensiv bei den Patienten für die Kostenerstattung werben. Als Hauptargument wollen die Zahnärzte dabei herausstellen, daß die Versicherten auf diese Weise ohne Begrenzung aus den Leistungen der modernen Zahnheilkunde selbst auswählen können, ohne ihren Kassenanspruch zu verlieren. Nach Ansicht Beckmanns ist das ein "offenerer und ehrlicherer Weg" der Selbstbeteiligung als die Praxisgebühr, die nur die Kassen und die Arbeitgeber entlaste.

          Die Vorurteile gegen die Kostenerstattung könne sie nicht nachvollziehen, sagte die CDU-Abgeordnete Hildegard Müller auf der Veranstaltung. Denn dieser Weg sorge für Transparenz der Kosten. Ralf Sjuts, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen BKK in Wolfsburg, der mit 800 000 Mitgliedern größten Betriebskrankenkasse, äußerte dagegen Skepsis. Versicherte könnten Kostenerstattung nur für die gesamte ambulante Versorgung beim Arzt und Zahnarzt wählen. "Das kann ich keinem Versicherten raten, wenn der nicht weiß, was auf ihn zukommt." Sjuts verwies auf neue Tarife seiner Kasse, die Selbstbehalte zwischen 250 und 2000 Euro vorsähen.

          Sjuts forderte eine grundlegende Modernisierung der gesetzlichen Versicherung mit den Elementen Vertragshoheit und Kapitaldeckung. "Die gesetzliche Krankenversicherung ist pleite", stellte er heraus. Schließlich kämen fast alle Kassen nur mit Krediten über die Runden. Anders als andere Kassenvorstände erwartet Sjuts 2004 keine Senkung der GKV-Beiträge auf knapp unter 14 Prozent. Die Beitragssätze, die 2003 im Schnitt bei 14,54 Prozent lagen, würden in diesem Jahr deutlich über 14 Prozent bleiben. Gegen Jahresende sei sogar ein Anstieg in Richtung auf 15 Prozent zu erwarten. Eine Senkung der Beiträge bis auf 11 Prozent durch Einführung einer Bürgerversicherung, wie sie der SPD-Gesundheitspolitiker Horst Schmidbauer auf dem Seminar propagierte, hält Sjuts für unrealistisch.

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