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Gesundheitsreform : Kleiner Ratgeber für die Praxis

"Als die Zahnarzthelferin die Praxisgebühr verlangte, wurde der Patient rabiat und schlug um sich." So hat es sich am Freitag bei einem Berliner Zahnarzt ereignet, berichtet ein Polizeisprecher.

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          "Als die Zahnarzthelferin die Praxisgebühr verlangte, wurde der Patient rabiat und schlug um sich." So hat es sich am Freitag bei einem Berliner Zahnarzt ereignet, berichtet ein Polizeisprecher. Solche Fälle sind zwar die Ausnahme, die meisten Patienten zahlen die zehn Euro beim Arztbesuch, ohne zu murren. Doch selten hat ein Thema die Gemüter der Deutschen so erregt wie die zu Jahresanfang eingeführte Praxisgebühr.
          Es ist das Chaos, das den Start der Gesundheitsreform begleitet und die Patienten verunsichert. Wann und wie stark sinken die Beiträge der gesetzlichen Kassen? Wer gilt als chronisch Kranker und muß maximal ein Prozent seines Einkommens zuzahlen? Müssen die zehn Euro bei jedem Notfall gezahlt werden? Hier sind die Antworten auf die wichtigsten Fragen.
          Welche Kassen senken die Beiträge? Die Senkung der Beiträge auf durchschnittlich 13,6 Prozent, mit der Gesundheitsministerin Ulla Schmidt den gesetzlich Krankenversicherten die drastisch höheren Zuzahlungen schmackhaft machen wollte, ist noch lange nicht in Sicht. Die größte deutsche gesetzliche Krankenkasse, die Barmer Ersatzkasse, senkt die Beiträge zum 1. April 2004 von 14,9 auf 14,7 Prozent. Vom Ziel, das Schmidt gesetzt hat, ist das noch weit entfernt. Bei der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) fällt der Rückgang von 15,2 auf 14,7 Prozent schon stärker aus. Die Techniker Krankenkasse bleibt stabil bei 13,7 Prozent.
          Zwar gibt es immer noch günstige Betriebskrankenkassen, die wie die BKK Dr. Oetker oder die BKK Gildemeister/Seidensticker mit Beitragssätzen von 12,9 Prozent oder wie die Taunus BKK aus Frankfurt am Main sogar mit 12,8 Prozent ins Jahr 2004 starten, doch manche Kassen mußten sogar erhöhen. So stiegen die Sätze der BKK Hentschel auf 13,9 oder die der BKK Vaillant auf 13,2 Prozent. Bei den Allgemeinen Ortskrankenkassen bleiben die Sätze größtenteils stabil und liegen zwischen 12,9 Prozent bei der AOK Sachsen und 15,5 Prozent bei der AOK Berlin. Gesenkt wird nur bei der AOK Bayern von 14,9 auf 14,5 und bei der AOK Rheinland-Pfalz von 14,6 auf 14,4 Prozent.
          Der Sprecher des AOK-Bundesverbands wertet es bereits als Erfolg der Reform, daß es gelungen sei, die Beitragssätze überwiegend stabil zu halten. Ohne die Reform und die Zuzahlungen, die den Kostenanstieg im Gesundheitswesen weitgehend den Versicherten aufbürden, hätten viele Kassen ihre Beiträge sogar erhöhen müssen. Einige warteten jetzt auch noch ab, wie sich die Einnahmen und Ausgaben 2004 entwickeln. Erst dann lasse sich sagen, wie groß der Spielraum für Senkungen wirklich ist.
          Wer gilt als Chroniker? Noch in diesem Monat soll entschieden werden, wer als Chroniker nur bis höchstens ein statt zwei Prozent seines Bruttoeinkommens zuzahlen muß. Der gemeinsame Bundesausschuß von Ärzten und Krankenkassen soll den Beschluß fassen, wahrscheinlich sogar schon in der kommenden Woche. Dazu wird eine Liste von Krankheiten erstellt, die als schwerwiegend chronisch gelten. Um anerkannt zu werden, muß der Patient wegen der Krankheit zudem entweder mindestens einmal im Jahr stationär oder regelmäßig ambulant behandelt werden.
          Wann werden Fahrten zum Arzt bezahlt? Konkretisiert haben die Vertreter der Spitzenverbände im Gesundheitssystem und das Ministerium in dieser Woche auch, wem die Kassen künftig Fahrten zum Arzt erstatten sollen. Das bleibt, wie bisher schon, für Dialyse-Patienten so und für Patienten, die sich einer Strahlen- oder einer Chemotherapie unterziehen müssen. Blindheit, außergewöhnliche Gehbehinderungen, Hilflosigkeit oder Pflegebedürftigkeit in den Stufen 2 und 3 sollen künftig auch Gründe sein, die Fahrt in die Praxis von der Kasse bezahlt zu bekommen. Alle anderen müssen selber bezahlen.
          Werden nicht-rezeptpflichtige

          Medikamente erstattet?
          Grundsätzlich gibt es seit Jahresanfang dafür kein Geld mehr. Aber es gibt eine Ausnahme: Wenn die Medikamente zu einer Standardtherapie gehören, wird erstattet. Beispiel Aspirin: Nach einem Herzinfarkt wird es häufig zur Blutverdünnung verabreicht.
          Zahlt die Kasse den

          Sehtest?
          Entgegen ersten Äußerungen der Augenärzte gilt: Die Kasse bezahlt, bei einem Optiker hingegen nicht. Die Brille müssen die Versicherten seit diesem Jahr allerdings selber zahlen.














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