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Gesundheitsreform : Die Kopfpauschale lohnt sich schon ab 1500 Euro

  • -Aktualisiert am

Eine einheitliche Prämie für die Krankenkasse unabhängig vom Einkommen - das wird derzeit heftig diskutiert. Vielverdiener würden deutlich weniger zahlen als bisher. Geringentlohnte müßten dafür mehr entrichten, würden dafür aber in entsprechender Höhe steuerlich entlastet.


          Eine einheitliche Prämie für die Krankenkasse unabhängig vom Einkommen - das wird derzeit heftig diskutiert. Vielverdiener würden deutlich weniger zahlen als bisher. Geringentlohnte müßten dafür mehr entrichten, würden dafür aber in entsprechender Höhe steuerlich entlastet. Die bisherigen Beiträge der Arbeitgeber zur Krankenkasse werden auf das Gehalt aufgeschlagen und müssen versteuert werden. Dennoch: Schon ab einem Brutto-Monatsgehalt von 1500 Euro an lohnt sich das Modell der Kopfpauschalen für den einzelnen. Das hat der an der Universität Hannover lehrende Finanzwissenschaftler Stefan Homburg ausgerechnet.
          Nach seinen Ergebnissen müßte jeder Erwachsene in dem neuen System etwa 190 Euro Gesundheitsprämie zahlen. Für jedes Kind fallen 75 Euro an. Die in der gesetzlichen Krankenversicherung bislang übliche beitragsfreie Mitversicherung der Kinder will Homburg streichen. Statt dessen werden die 75 Euro auf das Kindergeld aufgeschlagen. Familien würden sich bei einem Systemwechsel zur Gesundheitsprämie also nicht schlechter stellen.
          Die Schwelle von 1500 Euro errechnet sich so: Wer diesen Betrag im Monat verdient, zahlt heute 315 Euro Sozialabgaben. Hinzu kommt der gleiche Betrag als Arbeitgeberanteil. 135 Euro fallen an Steuern an. Es bleibt also ein Nettoeinkommen von 1050 Euro.
          Nach einer Reform würde der Arbeitgeberanteil für die Krankenversicherung mit dem Gehalt ausgezahlt werden. Bei dann 1607 Euro Bruttoeinkommen müßten Arbeitnehmer und Arbeitgeber dann jeweils 208 Euro Beiträge für Renten-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung zahlen. Hinzu kämen 180 Euro für die Gesundheitsprämie und 168 Euro Lohnsteuer. Netto bleiben jetzt 1051 Euro.
          Nur wer weniger als 1500 Euro im Monat verdient, wäre nach diesem Modell bei einem Systemwechsel darauf angewiesen, vom Staat einen sozialen Ausgleich zu erhalten. Wer mehr verdient, wird stärker entlastet. Er zahlt aber auch mehr Steuern, weil der ausgezahlte Arbeitgeberbeitrag das Bruttoeinkommen spürbar erhöht. Wer zum Beispiel 2500 Euro im Monat verdient, zahlt heute 525 Euro Sozialabgaben als Arbeitnehmeranteil. Hinzu kommen 434 Euro Lohnsteuer. Netto bleiben 1541 Euro.
          Im Prämienmodell müßten auf die dann 2679 Euro brutto noch 347 Euro Abgaben für Renten-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung gezahlt werden. Die Steuerlast stiege von 434 auf 494 Euro. Die Gesundheitsprämie schlägt mit 180 Euro zu Buche. Netto bleiben 1658 Euro: 117 Euro mehr als derzeit.
          Homburg ist sich deswegen sicher, daß dieses Modell nicht nur "ein Mehr an Systemhaftigkeit und Gerechtigkeit" bietet. Es brächte auch "individuelle Wohlstandsgewinne für fast alle Bevölkerungsgruppen". Wessen Einkommen mit 3450 Euro genau an der Beitragsbemessungsgrenze für die Krankenversicherung liegt, der zahlt heute stolze 725 Euro als Arbeitnehmeranteil für die Sozialversicherung. Künftig wären es nur noch 479 Euro. Dazu kommen die 180 Euro Gesundheitsprämie. Heute bleiben nach 777 Euro Steuern netto 1949 Euro. Künftig wären es 2162 Euro.
          Der Finanzwissenschaftler ist einer der Autoren der Studie "Reform der sozialen Sicherung" der "Gemeinschaftsinitiative Soziale Marktwirtschaft". Sie hat sich in der Studie für das Modell der Gesundheitsprämien ausgesprochen. Ihr Vorteil ist die Entlastung des Faktors Arbeit. Außerdem wird der soziale Ausgleich da geleistet, wo er hingehört: ins Steuersystem. Wer im neuen System stärker belastet würde als bislang, soll den Ausgleich künftig über das Finanzamt bekommen.
          Die CDU hat sich auf ihrem Bundesparteitag ebenfalls für den Systemwechsel in der Gesundheitspolitik und für ein Prämienmodell ausgesprochen. Die Gesundheitsprämie liegt hier mit 200 Euro allerdings höher, weil nach dem Modell der CDU auch Altersrückstellungen gebildet werden sollen. Die CDU kommt bei ihrem Modell deswegen nicht zu einem so optimistischen Szenario wie Homburg. Ein Alleinverdiener, der 1800 Euro verdient, profitiert demnach mit 18 Euro. Bislang zahlt er 129 Euro als Arbeitgeberanteil für seine Krankenversicherung. Künftig werden 117 Euro vom Arbeitgeber ausgezahlt, dafür sind 28 Euro Steuern zu entrichten. 200 Euro kostet die Prämie. Effektiv zu zahlen sind also 111 Euro, 18 weniger als bisher.
          Bei Familien mit Kindern setzt die Entlastung allerdings später ein, wenn ein Elternteil nicht arbeitet und zu Hause bleibt. Wer zwei Kinder hat und über ein Haushaltseinkommen von 2800 Euro verfügt, ist nach dem CDU-Modell noch auf 40 Euro aus dem steuerfinanzierten Sozialausgleich angewiesen. Heute fallen 200 Euro Beitrag für die Krankenkasse an. Künftig sind es 400 Euro Prämie für ein Ehepaar. Wenn der Arbeitgeberanteil ausgezahlt und versteuert wird, bleibt eine Belastung von 240 Euro. 40 müssen also aus der Staatskasse ausgeglichen werden.









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