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Gesundheitspolitik : „Es gibt viel zu viele Apotheker“

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Lothar Schenck ist Apotheker - und zwar einer, dem es finanziell gut geht. Jedenfalls käme er auch mit weniger Geld aus. Er sagt, wo noch gespart, wie die Arznei für alle billiger werden kann und warum das jetzige System nicht lange hält.

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          Herr Schenck, Sie sind Apotheker. Wie geht es Ihnen finanziell?

          Prima. Ich habe zwar meine Verpflichtungen. Aber es bleibt genug übrig.

          Sind Apotheken also ein gutes Geschäft?

          Meine Frau, meine Mutter und ich haben jeweils eine Apotheke. Wir können nicht klagen.

          Ob Krankenhäuser, Ärzte oder Pharmaindustrie - alle Gesundheitsbranchen bekommen ihre Einnahmen gekürzt, nur die Apotheker nicht. Ist das angemessen?

          Unsere Lobby ist erfolgreich. Ich habe gelesen, dass 40 Prozent der Apotheker FDP wählen. Und der Gesundheitsminister ist FDP-Mann. Deshalb wundere ich mich nicht.

          Im Moment bekommen Sie für jede Medikamentenpackung auf Rezept 5,80 Euro von der gesetzlichen Krankenkasse und 8,10 Euro von den Privatversicherungen.

          Genau.

          Kämen Sie mit weniger aus?

          Ja, klar. Ich freue mich natürlich über das Geld. Anderseits wünsche ich mir ein System, das so lange hält, dass mein heute einjähriger Sohn noch Apotheker werden könnte. Und wenn es so bleibt wie jetzt, hält es nicht lange.

          Was meinen Sie damit?

          In den deutschen Apotheken stecken gewaltige Effizienzreserven. Wir leisten uns teilweise eine luxuriöse Apothekendichte: Es gibt mit 21 500 Niederlassungen zu viele Apotheken, und die verursachen viel zu hohe Kosten.

          Wie viel zu viel?

          Die frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hat mal 3000 Apotheken genannt. Das klang plausibel, aber ich bin kein Experte.

          Ihre Familie hat ja selbst drei Apotheken. Das ist fast eine Kette.

          Wir wollen im Herbst sogar noch eine Apotheke dazu nehmen.

          Sind denn Ketten besser für den Kunden?

          Wir können billiger werden, wenn wird das Warenlager optimieren, Mitarbeiter tauschen. Da ist einiges möglich.

          Seit 2004 darf jede Hauptapotheke drei Filialen haben. Warum geht die Filialisierung so schleppend voran?

          Weil eine Filiale teuer ist. Denn anders als im normalen Handel müssen unsere Filialen genauso ausgestattet sein wie das Hauptgeschäft.

          Das heißt?

          Jede Filiale muss ein eigenes Labor haben und eine eigene Rezeptur.

          Wozu?

          Im Labor müssen wir die Arzneimittel, die wir von der Pharmaindustrie bekommen, stichpunktartig prüfen. Unter anderem werden Hilfs- und Wirkstoffe, die in der Rezeptur verwendet werden, umfassend kontrolliert.

          Das klingt sinnvoll.

          Darüber kann man sich streiten. Die Ausgangskontrolle der Industrie hat doch eine viel ausgereiftere Technik, um die Medikamente zu prüfen. Wenn ich mit meiner Labortechnik zu einem abweichenden Wert kommen würde, was in meinen 12 Jahren als Apotheker noch nie passiert ist, würde ich immer erst an meiner Technik zweifeln statt an der Hightech-Analyse der Industrie.

          Also doch eher nutzlos.

          Bedingt nutzlos, aber vor allem zu umfangreich. Ich kann noch nicht einmal ein gemeinsames Labor für vier Apotheken betreiben, was ohne weiteres ginge.

          Und was ist die Rezeptur?

          Das ist ein eigener Bereich in jeder Apotheke, in dem die Apotheker eigene Arzneien herstellen, vor allem Salben, aber auch Kapseln und Zäpfchen. Die Apothekenbetriebsordnung schreibt das vor. Jede an einem Filialverbund teilnehmende Apotheke muss auch eine eigene Rezeptur haben. Anstelle der zentralen Herstellung in einer topmodernen hochwertigen Rezeptur, muss sich jede Filiale eine kleine, minderwertige Rezeptur leisten.

          Das klingt ein bisschen altbacken, wie aus einer Zeit, als die Apotheker selbst die Medikamente herstellen mussten mangels industrieller Fertigung.

          Den Eindruck kann man haben. Unsere eigenen Standesvertreter halten das Leitbild eines Apothekers hoch, das mehr als hundert Jahre alt ist.

          Was ist das Leitbild?

          Wir analysieren, beraten die Patienten Tag und Nacht und produzieren Arzneien.

          Dabei sind Sie ein ganz normaler Einzelhändler, der Medikamente und andere Dinge verkauft.

          Oh, das muss ich diplomatisch ausdrücken. Die Schwerpunkte haben sich, so viel steht fest, deutlich verschoben.

          Wem nützt dieses etwas traditionalistische Leitbild?

          Daraus leitet sich zum Beispiel gerade ab, dass alle Apotheken Rezepturen und Labore für einen fünfstelligen Betrag haben müssen. Die mögen früher sinnvoll gewesen sein. Heute dienen sie als Marktzutrittsbarrieren. Sie hindern Apotheker daran zu expandieren, und sie sollen wohl auch die Drogeriemärkte oder Großhändler wie Celesio fernhalten. Die überlegen sich das nun nämlich zweimal, bevor sie kleine Apothekenketten gründen.

          Gefährdet man nicht die Versorgung der abgelegenen, wenig lukrativen Regionen, wenn man die Einnahmen der Apotheker kürzt und der kommerziellen Konkurrenz das Leben zu leicht macht?

          Das Argument ist so alt wie die Apotheken selbst. Und es stimmt immer noch nicht.

          Ortschaften mit knapp über 1000 Einwohnern haben schon jetzt oft keine Apotheke mehr.

          Ja, das ist aber eher der Beweis, dass auch das bisherige System das Versprechen der flächendeckenden Versorgung nicht immer halten konnte.

          Aber was ist die Lösung?

          Es gibt mehrere. Zum einen dürfen Apotheker und andere Branchen in den verwaisten Orten Pickup-Sammelstellen für Rezepte aufstellen, etwa beim letzten Bäcker. Der Apotheker sammelt die Rezepte ein und liefert die Arznei aus.

          Gegen Pickup-Stellen in Drogerieketten laufen Apothekerkammern Sturm.

          Ja, sie sorgen sich um ihre Mitglieder. Aber es gibt auch technische Lösungen. Gegen die ziehen die Apothekerkammern allerdings ebenfalls zu Felde.

          Nämlich?

          Zum Beispiel das Apotheker-Terminal mit eingebauter Videokonferenz und eingebautem Scanner. Das funktioniert wie ein Bankautomat, an dem der Kunde allerdings über Videokonferenz mit einem echten Apotheker spricht. Die Automaten sind mit komplett gesicherten vollautomatisierten Medikamenten-Lagern verbunden. Wenn der Kunde sich mit dem Apotheker über die Videokonferenz beraten hat, wirft der Automat das Medikament aus und der Kunde zahlt mit Scheckkarte oder bar.

          Der Apotheker kann in Berlin sitzen und sein Kunde an einem Automaten am Niederrhein stehen?

          Ja, genau.

          Das ist aber Zukunftsmusik.

          Ja und nein. Die Terminals sind schon im Einsatz rund um die Uhr, aber die Apothekerkammern prozessieren dagegen mit Erfolg.

          Rezeptpflichtige Medikamente liefert der Automat nicht?

          Doch, das kann er. Die neuen Automaten scannen die Rezepte ein, so dass der Apotheker sie auf dem Bildschirm lesen kann.

          Ist das denn fälschungssicher?

          Der Automat ist genauso schwer oder so leicht zu hintergehen wie ein Apotheker aus Fleisch und Blut. Die meisten Betrügereien passieren mit Rezeptblöcken, die aus Arztpraxen entwendet werden. Solche Rezepte sind nicht zu enttarnen.

          Warum hat man den Eindruck, dass sich Ihre Standesvertreter immer gegen Neuerungen wehren?

          Das Neue wird nie als Chance, sondern immer als Bedrohung begriffen. Daran krankt unser ganzer Stand und das halbe Land. Der alte Daimler musste seine ersten Autos nachts testen, tagsüber wurde er angespuckt. Dahinter steckt eines: Apotheker haben immer die Angst, dass sie eigentlich nicht gebraucht werden.

          Nun ist eine gewisse Vorsicht in Ihrem Metier geboten: Sie handeln ja nicht mit Blumentöpfen.

          Das ist das alte Argument der Arzneimittelsicherheit. Wenn ich vier Filialen habe und nur ein Labor, bleiben die Medikamente doch mindestens genauso sicher. Die Argumente gegen Veränderungen, die da vorgebracht werden, dienen nur scheinbar der Arzneimittelsicherheit. Eigentlich geht es um die Konservierung des eigenen Umsatzes.

          Aber trotzdem ist die Modernisierung offensichtlich nicht zu bremsen. Die Apotheken mit riesigen hölzernen Schubladenschränken und Eichentresen verschwinden.

          Die düsteren Eichen-Apotheken verkörpern die alte Denke und sind unökonomisch. Sie haben nämlich viel zu wenig Präsentationsfläche für Arzneien.

          Was halten Sie eigentlich von Homöopathie?

          Das ist für mich ein gutes Geschäft. Vor allem Frauen zwischen 35 und 60 mögen das.

          Sind Sie eher Apotheker oder Geschäftsmann?

          Am Tresen bin ich Apotheker. Da rede ich dem Kunden das Wundermittel eher aus. Aber im Büro werde ich zum Geschäftsmann, denke mir Wurfzettel-Aktionen für Sonderangebote aus und kalkuliere das Warenlager durch.

          Der Familienunternehmer

          Der 36 Jahre alte Lothar Schenck lebt in Düsseldorf, hat seine Apotheke aber in Goch am Niederrhein, unweit der holländischen Grenze. Sie gehört zu den ein Prozent umsatzstärksten im Lande. Seine ganze Familie macht in Apotheken: Sein Großvater hatte eine, sein Onkel hatte eine, seine Mutter und seine Frau betreiben ebenfalls jeweils eine Apotheke.

          Seine Berufskollegen in Goch hat der promovierte Pharmazeut gelegentlich verärgert. Zunächst wagte er es, mit der Tradition zu brechen, die Apotheke mittwochnachmittags geschlossen zu halten. Dann startete er Rabattaktionen für rezeptfreie Medikamente. Er hat viele Freunde unter Apothekern, nur nicht in Goch.

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