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Gesundheitsminister gegen Ärztemangel : „Numerus clausus für Medizin abschaffen“

  • Aktualisiert am

Auswahlgespräche statt Numerus clausus, fordert der Gesundheitsminister Bild: Daniel Pilar

Philipp Rösler will wegen eines drohenden Ärztemangels den Zugang zum Medizinstudium erleichtern. Noten allein verrieten nicht, ob jemand ein guter Arzt werde. Frauenüberschuss in Kliniken, böser Profit im Gesundheitszentrum - der Gesundheitsminister im Interview.

          Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) will wegen eines drohenden Ärztemangels den Zugang zum Medizinstudium erleichtern. Der Notendurchschnitt allein sage nichts darüber aus, ob jemand ein guter Arzt werde, fügte der Minister hinzu. Auch „die Fähigkeit zur menschlichen Zuwendung“ spiele eine große Rolle. Mit dem Ersatz des Numerus clausus durch Auswahlgespräche will Rösler die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die Studenten später tatsächlich den Arztberuf ergreifen.

          Herr Rösler, Sie sind Arzt. Würden Sie das Medizinstudium wieder wählen?

          Ich glaube, ja. Arzt zu sein ist ein schöner Beruf. Man hat viel mit Menschen zu tun, und das ist genau das, was ich immer wollte.

          Aber die Ärzte, ob in Kliniken oder Praxen, klagen doch unentwegt über zu viel Bürokratie und zu wenig Geld.

          Also das Erste ist in der Tat richtig. Wenn Sie einen Beruf wählen, um Menschen zu helfen, und dann feststellen, dass Sie mehr mit Qualitätssicherungsbögen und Formularen zu tun haben als mit Patienten, ist man darüber zu Recht verärgert.

          Werden die Ärzte bald weniger klagen? Erstmals ist ein Mediziner Minister, noch dazu einer von der FDP, die den Freiberuflern bekanntlich sehr gewogen ist.

          Ich bin kein Minister für Ärzte, sondern Bundesgesundheitsminister und damit für 80 Millionen Menschen verantwortlich. Das ist mein Kompass. Daran orientiere ich mich. Und ausschließlich danach handele ich auch.

          Das Stimmengewirr der Lobbyisten ist verwirrend: Die Kassen sagen, wir hätten genug Mediziner, die Ärztekammer spricht von dramatischem Mangel. Was stimmt denn nun? Mit 390 Ärzten je 100.000 Einwohner liegen wir jedenfalls weit über dem internationalen Durchschnitt.

          Die Zahl allein sagt nicht viel aus. Wenn Sie den Kopf in den Backofen stecken und die Füße in Eiswasser tauchen, dann haben Sie etwa auf Höhe des Bauchnabels Körpertemperatur. Aber gesund ist das nicht. So ist das auch mit der Ärztezahl: Deswegen ist die optimale Verteilung wichtig.

          Was stimmt denn nicht mit der Verteilung?

          Wir haben eine Überversorgung mit Ärzten in Ballungszentren und schon jetzt eine spürbare Unterversorgung im ländlichen Raum. Damit nicht genug: In den nächsten Jahren wird eine große Zahl von Ärzten das Ruhestandsalter erreichen. Deswegen muss jetzt gegengesteuert werden.

          Was muss man denn tun? Brauchen wir höhere Honorare, weniger Bürokratie oder lediglich eine regionale Umverteilung der Mediziner?

          Es ist eine Kombination aus Einzelmaßnahmen. Beispiel Studium: Wir haben zwar viele Interessenten, aber nur für jeden Vierten einen Studienplatz, so dass der Numerus clausus mit einem Notendurchschnitt von 1,4 sehr hoch ist. Der Notendurchschnitt allein sagt aber nichts darüber aus, ob jemand ein guter Arzt wird. Ich finde, da kommt es noch auf ganz andere Faktoren an: So spielt die Fähigkeit zur menschlichen Zuwendung eine große Rolle. Deswegen plädiere ich für eine Abschaffung des Numerus clausus und für eine stärkere Berücksichtigung von Auswahlgesprächen. Außerdem muss es mehr Studienplätze geben, wie es Nordrhein-Westfalen vormacht.

          Es sollte also jeder Medizin studieren dürfen, wenn er das Auswahlgespräch besteht?

          Die Universitäten können schon jetzt Studenten teilweise über Auswahlgespräche zulassen. Diese Möglichkeit muss ausgebaut werden. Mir ist klar, dass das für die Universitäten mehr Aufwand bedeutet. Genauso klar ist aber auch: Die Menschen werden die Mediziner-Ausbildung am Ende danach beurteilen, ob sie genug und genug fähige Ärzte für die Versorgung hervorbringt.

          Haben Sie darüber schon mit den Kultusministern der Länder gesprochen, denn nur die können es ändern?

          Ich habe mit den Gesundheitsministern der Länder schon öfter darüber gesprochen und natürlich auch mit meiner Kollegin, Forschungs- und Bildungsministerin Annette Schavan. Wir werden mit den Ländern Wege finden müssen, wie eine zielgenauere Auswahl aussehen kann.

          Wann könnte man das System umstellen?

          Man muss abwarten, wie die Länder darauf reagieren. Bisher habe ich noch keine Widerstände feststellen können, sondern eher Zustimmung. Man sollte es aber nicht übers Knie brechen. Ich würde die Umstellung gerne noch in dieser Legislaturperiode politisch auf den Weg bringen.

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