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Gesundheit : Schnelle OP im Supermarkt

  • -Aktualisiert am

Hauptsache es geht schnell Bild: AP

„You're sick, we're quick“ - mit diesem Slogan werben amerikanische Schnellkliniken. Ob Blasenentzündung oder Ohrenschmerzen: Kleine Krankheiten lassen Amerikaner jetzt beim Einkauf kurieren. Denn die „MinuteClinics“ siedeln sich in Supermärkten und Drogerien an.

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          Das „Wartezimmer“ befindet sich im letzten Gang der Apotheken- und Drogeriefiliale „CVS Pharmacy“ in Rockville. Eigentlich sind es nur vier Stühle, die gegenüber dem Regal mit Glückwunschkarten stehen. Adam, der über Ohrenschmerzen klagt, wird sogleich ins Behandlungszimmer gerufen. Davor hängt eine elektronische Anzeigetafel. „MinuteClinic“, „You're sick, we're quick“ - Sie sind krank, wir sind schnell - steht darauf. „Keine Terminabsprache erforderlich. Untersuchung innerhalb von 15 Minuten.“ Dann wird eine Preisliste eingeblendet. Die Diagnose einer Nebenhöhleninfektion kostet 49 Dollar. Für die Entfernung einer Warze sind 59 Dollar zu zahlen.

          MinuteClinic ist der führende Betreiber von Express-Gesundheitspraxen, die in amerikanischen Drogerie- und Apothekenketten, Supermärkten und in Discountern wie Wal-Mart schnelle, effiziente und preiswerte Hilfe bei Husten, Schnupfen, Blasenentzündungen, Sonnenbrand und anderen Alltagskrankheiten anbieten. „Wir verstehen uns als zusätzlicher Pfeiler im Gesundheitssystem, nicht als Konkurrenz zu Arztpraxen und Notfallaufnahmen“, sagt Anne Pohnert, die für die MinuteClinics im Großraum Washington zuständig ist. „Die umfassende Betreuung, die Patienten beim Arzt oder im Krankenhaus bekommen, können und wollen wir nicht bieten.“

          Keine Risikogruppen

          Deshalb gibt es in den MinuteClinics auch keine Untersuchungstische. „Wir behandeln keine Krankheiten, wie Magen- und Darminfektionen, die Diagnosen im Liegen oder auch nur teilweises Entkleiden erfordern“, erläutert Pohnert. Auch Risikogruppen wie Babies und Patienten mit chronischen Leiden werden von den rund ein Dutzend Betreibern von Expresskliniken nicht akzeptiert.

          Schneller medizinischer Beistand nach dem Einkauf

          Pohnert ist eine der „nurse practitioners“ und „physician assistants“, die in den Expresspraxen Patienten untersuchen und behandeln und ihnen Medikamente verordnen. Dies geschieht nach den allgemein anerkannten medizinischen Vorgaben, deren Befolgung mit Hilfe eines speziellen Softwareprogramms sichergestellt wird. Die Aufsicht über die MinuteClinics führen Ärzte. Sie sind jedoch nicht vor Ort, sondern müssen im Notfall vom Personal der Expresskliniken telefonisch herbeigerufen werden; nur in Texas besteht Präsenzpflicht.

          „Einfach und schnell“

          Adam, der schon ein paarmal wegen Mandelentzündung, vereiterter Stirnhöhlen und ähnlichen Beschwerden in der MinuteClinic in Rockville war, hat nicht den Eindruck, dass die Betreuung dort schlechter ist als bei seinem Hausarzt, zu dem er eine Stunde fahren müsste. „Im Gegenteil, hier ist es persönlicher“, findet der 21 Jahre alte Angestellte einer Hypothekenbank. „Und es geht einfach und schnell.“

          Zeitersparnis ist einer der wesentlichen Gründe dafür, warum die Expresskliniken von amerikanischen Berufstätigen geschätzt werden. „Außerdem kommen viele Patienten zu uns, die keinen Hausarzt haben“, erläutert Anne Pohnert. Schließlich gibt es noch die Patienten, die keine Krankenversicherung haben oder so hohe Zuzahlungen leisten müssen, dass sie lieber zu den preiswerteren Expresskliniken gehen.

          Zum Teil zahlt sogar die Versicherung

          Das preisgünstige Angebot der Praxen wissen mittlerweile auch Krankenversicherungen zu schätzen; 40 Prozent übernehmen die Kosten für die Schnellbehandlungen. Manche Versicherungsanbieter haben zudem mit Unternehmen vereinbart, dass deren Angestellte einen geringeren Eigenanteil zahlen müssen, wenn sie sich in einer Expressklinik statt beim Arzt behandeln lassen.

          Umfragen zufolge sind die Ansichten der Amerikaner zu den Schnellpraxen allerdings zwiespältig. Zwar loben vier von fünf Befragten den großen praktischen Nutzen. Zugleich befürchten aber auch mehr als 70 Prozent, dass ernsthafte medizinische Probleme womöglich unerkannt bleiben. Alarmiert zeigen sich auch manche Mediziner und Ärztevereinigungen. Expresskliniken seien jedenfalls nicht für Kinder und Jugendliche geeignet, warnt die „American Academy of Pediatrics“ (AAP). Die amerikanische Kinderärztevereinigung befürchtet eine „Zersplitterung“ der gesundheitlichen Versorgung junger Patienten, die auf umfassende und kontinuierliche Betreuung durch einen Kinderarzt angewiesen seien.

          „Weil der Kunde es so will“

          Anne Pohnert erwidert auf derartige Kritik, dass MinuteClinic und ähnliche Anbieter nur einen kleinen Teil der Leistungen von Kinderarztpraxen anböten. Außerdem würden den Kinderärzten, ebenso wie den Hausärzten, automatisch Untersuchungsberichte von „ihren Patienten“ zugeschickt. Manche Ärzte seien denn auch froh über die Schnellkliniken und würden sogar Patienten vorbeischicken. „Es läuft gut, vor allem an den Wochenenden, wenn die meisten Arztpraxen geschlossen sind“, sagt Pohnert. Noch werde die Rentabilitätsschwelle von durchschnittlich 14 Patienten am Tag nicht in allen Filialen erreicht. Einige MinuteClinics kämen jedoch sogar auf einen Tagesdurchschnitt von 80 Patienten. Seit Eröffnung der ersten MinuteClinic 2000 in Minnesota habe man mehr als 750.000 Patientenbesuche verzeichnet.

          Gleichwohl sind amerikanische Discounter und Drogeriemärkte mit Expresskliniken noch die große Ausnahme. So experimentierten bis zum vergangenen Jahr nur 14 der insgesamt 3800 amerikanischen Wal-Mart-Filialen (0,4 Prozent) mit diesen Praxen; bis Ende 2007 soll der Anteil der Wal-Mart-Geschäfte mit Expresskliniken auf 1,5 Prozent steigen.

          Selbst Kritiker wie die amerikanische Kinderärztevereinigung glauben jedoch, dass sich der Trend hin zu Schnellkliniken schon wegen der steigenden Gesundheitskosten weiter fortsetzen wird: „Weil der Kunde es so will.“

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