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Gesundheit : Patienten an die Macht

  • -Aktualisiert am

Das Werkzeug der Medizin Bild: dpa

Ärzte hätten gerne brave Patienten. Doch seit Internet und Selbsthilfegruppen für Transparenz sorgen, lassen Kranke sich nicht mehr alles gefallen. Und das kann sogar die Kosten senken.

          Kommt ein Patient zum Arzt. Er hat Nackenschmerzen, und das seit Wochen. Der Arzt schickt ihn zum MRT, dort findet sich nichts. Der Doktor schlägt eine kleine Sonderuntersuchung vor, kostet aber extra. Auf Nachfrage sagt er, dass es wohl rund 70 Euro seien, fühlt sich durch die Frage aber offensichtlich gestört. „Ich will Ihnen nichts andrehen“, faucht er. Der Patient nimmt an, um den Arzt nicht zu verärgern. Bei der Untersuchung kommt nichts heraus. Als der Patient die Praxis verlässt, fragt er sich: War das jetzt wirklich nötig?

          Eine solche Situation kommt vielen Kassenpatienten in Deutschland bekannt vor - und erst recht den Privatpatienten, die nachher immer die Rechnung bekommen. Es ist seltsam. Während sich die Deutschen beim Möbelkauf nicht genieren, um den Rabatt zu feilschen, und beim Jeanskauf in drei Geschäfte gehen, bevor sie sich für die eine Hose entscheiden, läuft es beim Arzt völlig anders. Hier ist der Patient zwar Kunde, doch er merkt wenig davon. Selten vergleicht er Anbieter (Ärzte), Produkte (Therapien) oder gar Preise - und „Nein“ zu sagen, wenn der Arzt etwas vorschlägt, kommt ihm kaum in den Sinn.

          Dass sich der Gesundheitskonsument so anders verhält als der Möbelkäufer liegt zum einen daran, dass er meist nicht selbst zahlt, sondern seine Versicherung, er sich also um Kosten nicht kümmern muss. Zum anderen hat das historische Gründe. „Patienten wurden viele Jahrhunderte lang zum passiv erduldenden Kranken sozialisiert“, sagt Sebastian Schmidt-Kaehler, Geschäftsführer der unabhängigen Patientenberatung Deutschland. „Das steckt noch tief drin.“ Das war durchaus im Interesse der Ärzte, konnten sie doch so ihren Berufsstand vor allzu viel Wettbewerb abschotten. Denn wer die Qualität einer Behandlung nicht beurteilen kann und auch über die Kosten nichts weiß, der wechselt auch nicht den Arzt. Kein Wunder, dass die Doktoren ihr Wissen behüteten und in einer Art Geheimsprache kodierten. Auch Kassen und Politik, die das Geld zu verteilen hatten, zeigten jahrelang wenig Interesse für den Kunden der Gesundheitsdienstleistungen.

          Viele Ärzte haben nur mit Erwachsenen-Narkosen genug Erfahrung.

          Patienten fordern ihre Position zunehmend ein

          Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Zöller, fasst das so zusammen: „In den letzten Jahrzehnten sind Gesetze im Gesundheitswesen nach dem Muster gelaufen: So viel Geld ist da, so kann es verteilt werden, damit Ärzte und Krankenhäuser überleben und versorgt sind. An den Patienten hat man zuletzt gedacht.“ Der Risikoforscher Gerd Gigerenzer schreibt sogar: „Patienten scheinen das Problem der modernen Hightech-Medizin zu sein: Sie sind ein schlecht informiertes, ängstliches, störrisches Volk mit einem ungesunden Lebensstil.“ Doch das ändert sich. Denn die Patienten fordern ihre Position zunehmend ein. Sie vergleichen die Qualität von Ärzten und Krankenhäusern, wissen allerhand über mögliche Diagnosen und Therapien, bevor sie zum Arzt gehen, und hinterfragen die Vorschläge des Arztes, was jetzt zu tun sei. Das liegt zum einen daran, dass das Gesundheitsbewusstsein steigt und die Menschen bereit sind, viel zu tun, um länger zu leben. Zum anderen liegt es am Internet. „Die Wissensbarriere zwischen Mediziner und Laien ist durchbrochen“, sagt Schmidt-Kaehler. „Heutzutage weiß ein chronisch Kranker möglicherweise mehr über seine Krankheit und die Therapie als der Facharzt.“

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