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Gesundheit : Patienten an die Macht

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Das kann nach Ansicht des Gesundheitsökonomen Peter Zweifel von der Universität Zürich über drei Wege gehen: Entweder die Krankenversicherungen informieren die Patienten. „Da passiert schon einiges.“ Oder die Ärzte und Krankenhäuser informieren. „Da haben wir noch nicht viel gesehen.“ Oder der Patient beschafft sich die Information selbst: im Internet, über Selbsthilfegruppen oder indem er Einsicht in seine Patientenakte bekommt. „Das ist die große Hoffnung“, sagt Zweifel. Der Patientenbeauftragte Zöller sieht vor allem die Ärzte in der Pflicht: „Wir müssen dahin kommen, dass der Arzt sagt: Es gibt Therapie A, die hat Risiko B. Und es gibt Therapie B, die hat Risiken C und D. Wozu wollen Sie sich entscheiden?“ Das ist aber selten der Fall. „Dabei wollen 80 bis 90 Prozent der Patienten gerne ausführlich über die Behandlung, ihre Risiken und Nebenwirkungen, auch über mögliche schlechte Prognosen informiert werden“, sagt Zöller. In den Beratungsgesprächen spiele das nichtsdestotrotz keine große Rolle.

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Doch immerhin die Auswahl des Arztes und Krankenhauses soll demnächst leichter werden. Hier hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan, und Ärzte und Krankenhäuser treten zunehmend in Wettbewerb zueinander - und zwar um gute Qualität. Krankenhäuser müssen Qualitätsberichte veröffentlichen, und Krankenhaus-Führer versuchen, aus diesen Berichten die Zahlen herauszudestillieren, anhand deren die Kliniken vergleichbar werden. Es gibt die „Weiße Liste“ im Internet, die einen Klinikvergleich möglich macht, und es gibt diverse regionale Klinikführer. Hier kann man nachlesen, wie viele Fälle einer bestimmten Krankheit das Krankenhaus im Jahr hat und wie viele Patienten hier auf einen Arzt oder Pfleger kommen. Auch für niedergelassene Ärzte existieren mittlerweile Bewertungsportale im Netz, auf denen man nachlesen kann, wie andere Patienten die Behandlung dort fanden. Das misst zwar nur die Patientenzufriedenheit, da es keine öffentlich verfügbaren objektiven Qualitätsdaten zu einzelnen Arztpraxen gibt. Doch es ist ein erster Versuch, die Arztsuche nicht mehr nur über Empfehlungen im Bekanntenkreis zu betreiben.

Bis der Qualitätswettbewerb wirklich funktioniert, wird es dauern. Denn viele Ärzte und Krankenhäuser fürchten ihn. So sprechen die Mediziner sich vehement dagegen aus, dass der Patient auf Ärzte-Bewertungsportalen in seinen eigenen Worten ganz offen seine Meinung schreiben kann - aus Angst vor Rufschädigung. Und befürworten stattdessen reine Multiple-Choice-Fragebögen. Und viele Kliniken veröffentlichen die Daten, die für den Patienten besonders interessant sind, erst gar nicht: etwa wie viele Menschen bei einer bestimmten Therapie bei ihnen sterben. Zudem sind die Vergleichsportale für Krankenhäuser noch immer so kompliziert, dass selbst der Patientenbeauftragte der Bundesregierung kürzlich daran verzweifelt ist. Er wollte für einen Verwandten das beste Krankenhaus für eine bestimmte Behandlung suchen - und kapitulierte.

Gewusst Wie:

So finden Sie den besten Arzt:

1. Fragen Sie Familie, Freunde und Bekannte nach einem guten Arzt.

2. Schauen Sie Arztbewertungsportale im Internet an. Es gibt Angebote von Privatfirmen wie imedo.de oder jameda.de und eines von den Krankenkassen AOK und Barmer, das im Mai an den Start ging (weisse-liste.arzt.aok-arztnavi.de). Die Privaten sind meist leicht zu manipulieren. Das Angebot von AOK und Barmer ist zwar kaum manipulationsanfällig, aber es enthält noch sehr wenige Bewertungen. Da erst bei zehn Bewertungen das Urteil über einen Arzt freigeschaltet wird, kann es dauern, bis das Portal wirklich etwas nützt.

3. Wenden Sie sich an die unabhängige Patientenberatung. Sie wird von den Krankenkassen finanziert, soll aber von ihnen unabhängig agieren, und hilft in allen Fragen vom Arztwechsel über die Klage wegen Falschbehandlung bis zum Kassenwechsel. Es gibt regionale Beratungsstellen und eine bundesweite Hotline: 0800/0117722.

So finden Sie die beste Klinik:

1. Fragen Sie Ihren Arzt. Wen empfiehlt er? Im Zweifel weiß er besser Bescheid als Sie, wie gut der Ruf eines Krankenhauses ist, und hat vor allem bei Routine-Eingriffen eine Vorstellung davon, welche Klinik in der Region für Ihr Anliegen geeignet ist.

2. Lesen Sie Krankenhaus-Reports und nutzen Sie Klinikvergleiche im Netz wie die Weiße Liste. Sie versuchen aus den Qualitätsberichten der Krankenhäuser das herauszufiltern, was für Ihre Krankheit relevant ist. Zum Beispiel: Die Arzt-Patienten-Relation und die Zahl der Patienten mit Ihrer Krankheit, die die Klinik behandelt.

3. Besuchen Sie die Klinik. Krankenhäuser bieten Informationsabende, auf denen man sich unverbindlich informieren kann.

So kontrollieren Sie den Arzt:

1. Lassen Sie sich Ihre Untersuchungsbefunde geben. Sie haben ein Recht darauf, Einblick in Ihre Patientenakte zu nehmen. Besonders interessant sind Laborberichte, Sonographiebefunde und Krankenhausberichte. Auch Röntgenbilder dürfen Sie mit nach Hause oder zum nächsten Arzt nehmen, um Doppeluntersuchungen zu vermeiden. Ebenso interessant sind Arztbriefe, die etwa der Facharzt dem überweisenden Hausarzt schreibt, um Befunde zu schildern. Lassen Sie sich eine Kopie geben!

2. Holen Sie sich eine Zweitmeinung ein. Wenn Sie unsicher sind, ob der Rat Ihres Arztes gut ist, konsultieren Sie einen weiteren Doktor. Das wird von den Kassen bezahlt.

3. Besuchen Sie die Seite einer Selbsthilfegruppe im Internet, die sich um Ihre Erkrankung kümmert. Hier finden Sie medizinische Neuigkeiten und erfahren, wo Sie sich Rat in Ihrem speziellen Fall holen können.

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