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Gesundheit : Patienten an die Macht

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Dazu kommt, dass die Finanzierung des Gesundheitswesens sich ändert. Weil nicht mehr alles von der Kasse bezahlt wird, gibt es zunehmend Leistungen und Therapien, die der Patient selbst tragen muss. Dadurch wächst das Bewusstsein dafür, dass Ärzte nicht nur Helfer, sondern auch Geschäftsleute sind. Der Patient wird zum Kunden, der auch Kosten vergleicht. Es ist höchste Zeit. Denn das patriarchalische Verhältnis zwischen Arzt und Patient hat Gesundheit teuer gemacht und begünstigt, dass viele Fehler in der Behandlung Jahrzehnte überdauerten, weil sie nicht hinterfragt wurden. So ließ man jahrhundertelang die Kranken zur Ader - bis festgestellt wurde, dass der Aderlass bei kaum einer Krankheit hilft, sogar eher schadet. Heute sind die Allheilmittel teure Medikamente, aufwändige Tests oder Hightech-Geräte - die nicht immer notwendig sind.

Wer gut informiert ist, vermeidet Überbehandlung

Zum Beispiel die Computertomographie (CT). Viele Experten sind sich einig, dass sie viel zu häufig eingesetzt wird. In Amerika etwa, davon gehen einige Forscher aus, werden jährlich eine Million Kinder unnötigerweise in die Röhre gefahren. Das ist nicht nur eine Geldverschwendung, sondern manchmal auch schädlich. Denn eine CT hat eine zehnmal so hohe Strahlenbelastung wie ein Röntgenbild. Wenn die Patienten dies wüssten, würden sie bei Kopfschmerzen demnächst lieber erst einmal ein paar Tage abwarten, bevor sie einer CT zustimmen.

Aufgeklärte Patienten können also dazu beitragen, Überbehandlung zu vermeiden. So wie aufgeklärte Kunden im Möbelhaus dafür sorgen, dass ihnen nicht das größte teuerste Sofa angedreht wird, obwohl sie gar keinen Platz dafür haben. Das führt dazu, dass die Behandlung besser wird, nämlich eher den Wünschen des Patienten entspricht. Und es kann sogar Kosten senken. Risikoforscher Gigerenzer ist da besonders optimistisch. Er ruft das 21. Jahrhundert als das Jahrhundert des Patienten aus und ist überzeugt, dass man damit gleich vier Ziele erreichen kann: „bessere Ärzte, bessere Patienten und bessere Behandlung - für weniger Geld“.

An der Transparenz hapert es noch

Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg. Denn ein Patient, der vernünftige Entscheidungen treffen will, braucht Information. Und das deutsche Gesundheitssystem hat in dieser Hinsicht bisher nicht viel zu bieten. Weder ist die Qualität der Behandlung verschiedener Ärzte und Krankenhäuser transparent, noch sind es die Kosten. Letzteres vielfach noch nicht einmal für die Ärzte, die aufgrund komplizierter Abrechnungssysteme und Kostendämpfungsmaßnahmen nicht wissen, wie viel ihre Therapie kostet. Der Schlüssel ist gute Information. Denn falsch informierte Patienten (und auch Ärzte) begünstigen falsche Entscheidungen - wie etwa diejenige, bei jedem Kopfschmerz gleich eine CT zu machen oder sich gar vorbeugend durchleuchten zu lassen. Um gute Entscheidungen zu treffen, muss der Patient nicht Medizin studieren. Ein Autokäufer muss schließlich auch nicht Ingenieur in der Automobilindustrie sein, um sich für einen Wagen zu entscheiden. Er muss nur dafür sorgen, dass er die Information bekommt, die er für notwendig hält, um eine Entscheidung zu treffen.

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