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Manipulation der Krankenkassen : Wie krank ist Deutschland wirklich?

Hoffentlich eine richtige Diagnose Bild: dpa

Diabetes, Bluthochdruck und Depressionen - angeblich geht es den Deutschen schlecht. Doch die Manipulationen der Krankenkassen lassen Zweifel aufkommen.

          Glaubt man den jährlichen Studien der großen gesetzlichen Krankenkassen, ist es um den Gesundheitszustand der Deutschen schlecht bestellt: Das Volk hat nicht nur Rücken, sondern fühlt sich auch gestresst und leidet zunehmend unter psychischen Krankheiten wie Depressionen. Die Frage ist nur: Kann man solchen Aussagen überhaupt noch trauen?

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Anlass zum Zweifeln liefert ausgerechnet der Chef der Techniker Krankenkasse Jens Baas, der größten gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland. Baas bezichtigte kürzlich in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung seine eigene und andere gesetzliche Krankenkassen, Patienten auf dem Papier kränker zu machen, als sie sind. Denn so bekommen sie mehr Geld aus dem mit 200 Milliarden Euro jährlich gefüllten Gesundheitsfonds. „Aus einem leichten Bluthochdruck wird ein schwerer. Aus einer depressiven Stimmung eine echte Depression, das bringt 1000 Euro mehr im Jahr pro Fall“, sagte Baas.

          Krank auf dem Papier ist nicht gleich krank in der Realität

          Es ist nicht das erste Mal, dass man sich verwundert die Augen reibt. Hält sich denn keiner mehr an die Regeln? Erst in der vergangenen Woche haben Flugbegleiter und Piloten mit mehr als 500 Krankmeldungen die Fluggesellschaft TUI fly am Boden gehalten. Der Verdacht liegt nahe, dass sie sich absprachen, um Druck auf ihren Arbeitgeber auszuüben. Schließlich wurden gleichzeitig Pläne bekannt, TUI fly in eine Ferienflugholding mit der Air-Berlin-Tochtergesellschaft Niki einzubringen.

          Jens Baas ist Chef der Techniker Krankenkasse. Jetzt bezichtigt er seine eigene und andere gesetzliche Krankenkassen der Manipulation.

          Und was ist mit den halbleeren Schulklassen kurz vor den Sommerferien, wenn der Flug noch etwas günstiger ist als am Samstag? Nicht ohne Grund verlangen manche Schulen ein ärztliches Attest, sollte ein Kind am letzten Tag vor oder am ersten Tag nach den Ferien fehlen. Oder den Kollegen, die auffällig oft am Brückentag krank sind? Diese Fälle fließen zwar nicht immer in die Statistiken ein, weil bei Krankmeldungen bis zu drei Tagen in vielen Unternehmen keine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorgelegt werden muss. Doch der Eindruck bleibt haften: Jeder macht, was er will – und krank auf dem Papier ist nicht gleich krank in der Realität.

          Gesundheitszustand der Deutschen in den Statistiken zu schlecht dargestellt?

          All das wirft die Frage auf, ob Deutschland nicht in Wahrheit viel gesünder ist als bislang gedacht. Besonders im Fall der Schummeleien durch die Krankenkassen bekommt das Wort „krankschreiben“ plötzlich eine ganz neue Bedeutung. TK-Chef Baas nährt diesen Verdacht selbst: „Bei uns hat sich die Zahl der Fälle von Depressionen in den vergangenen vier Jahren vervierfacht.

          Und das sicher nicht nur, weil die Leute kränker werden und das Problem weniger stigmatisiert wird“, sagte er der F.A.S. Fachleute bestätigen diese Vermutung. So sagt etwa Gerd Glaeske, Gesundheitsökonom an der Universität Bremen: „Es ist durchaus vorstellbar, dass gerade im Bereich der Volkskrankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Depressionen der Gesundheitszustand der Deutschen in den Statistiken zu schlecht dargestellt wird.“

          Grundlage dafür, dass das überhaupt möglich wurde, sind die Betreuungsstrukturverträge, die fast alle gesetzlichen Krankenkassen mit den Kassenärztlichen Vereinigungen abgeschlossen haben. Formal geht es in diesen Verträgen darum, dass die Patienten besser betreut werden. Doch versprechen die Krankenkassen den Ärzten Geld, wenn sie die Diagnosen ihrer Patienten mit dem „richtigen“ Zahlenschlüssel versehen. Dahinter steckt ein finanzielles Kalkül, das mit der Struktur des Risikofinanzausgleichs zusammenhängt.

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