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Manipulation der Krankenkassen : Wie krank ist Deutschland wirklich?

Berater machen Verbesserungsvorschläge

Die Kassen führen inzwischen ihre gesamten Beitragseinnahmen an den Gesundheitsfonds ab. Welche Kasse bei der Ausschüttung wie viel zurückbekommt, hängt von der Struktur ihrer Versicherten ab. Dabei geht es zum einen darum, ob eine Kasse viele ältere und kranke Menschen unter ihren Versicherten hat. Hinzu kommen feste Pauschalen für 80 besonders teure und häufige Krankheiten, die jedes Jahr neu festgelegt werden. Dabei spielt auch eine Rolle, wie schwer eine Erkrankung ist, es sich also um eine leichte oder eine schwere Depression handelt.

Für die Kassen kommt es nun also darauf an, dass die Ärzte möglichst genaue Diagnosen stellen – und zwar bis auf die letzte Ziffer des Zahlencodes genau. Regelmäßig schicken sie daher ihre Berater in die Praxen, die den Ärzten Verbesserungsvorschläge machen. Dieses Vorgehen wird weithin als legitim angesehen. Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen sagt: „Grundsätzlich halte ich es für vertretbar, wenn die Kassen sich um vollständigeres Kodieren kümmern – auch wenn dabei eigennützige Interessen im Vordergrund stehen.“

Studien greifen oft auf Angaben der Krankenkassen zurück

Heikel wird es allerdings, wenn die Kassen Ärzte dazu drängen, einen anderen Schweregrad einer Krankheit einzutragen oder gar eine schwerwiegendere Erkrankung. Solch ein Vorgehen führt zum einen dazu, dass Kassen mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds bekommen, als ihnen zusteht. Darüber hinaus hat es das Potential, das Bild der Krankheitslast in Deutschland zu verzerren. Schließlich spielen in allen Studien hierzu ärztliche Diagnosen in der einen oder anderen Form eine Rolle.

Bekommen Kassen mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds, als ihnen zusteht?

Das gilt nicht nur für Untersuchungen, in denen die Daten der gesetzlichen Krankenkassen direkt genutzt werden, was über das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information seit einiger Zeit möglich ist. So erschien kürzlich eine Studie zur Verbreitung von Diabetes in Deutschland, die auf die Angaben der Krankenkassen zurückgriff. Auch wenn Wissenschaftler mit Befragungen arbeiten, wie es etwa das Robert-Koch-Institut in seinen regelmäßigen Veröffentlichungen zum Gesundheitszustand der Deutschen tut, kann es zu einer Verzerrung kommen.

Keine „wahren“ Daten

„Der Patient wird im Interview die Diagnose wiedergeben, die der Arzt ihm mitgeteilt hat“, sagt Glaeske von der Universität Bremen. Wie sehr allerdings das Bild zum Gesundheitszustand der Deutschen verzerrt ist, ist nach Ansicht von Fachleuten schwer zu beurteilen, da das Ausmaß der Manipulationen nicht bekannt ist. „Wir haben keine ,wahren‘ Daten, mit denen wir die Diagnosen der Ärzte vergleichen können. Daher wissen wir nicht, wie gesund oder krank die Deutschen wirklich sind“, sagt Boris Augurzky, Gesundheitökonom am Essener RWI-Institut.

Umso beunruhigender ist es, dass selbst sehr erfahrene Ärzte nur selten zu der gleichen Diagnose kommen, wie eine schon 2009 veröffentlichte Studie der Universität Leipzig und der Sächsischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin zeigt. Hierfür sollten je zwei Ärzte die Daten von rund 8900 Patienten kodieren. Das Ergebnis: Nur wenn die Ärzte eine sehr grobe Einteilung vornehmen sollten, stimmte ihre Einschätzung einigermaßen überein. Je konkreter sie die Diagnosen verschlüsseln sollten, desto größer waren die Abweichungen. Bei einigen Krankheitsbildern kamen die beiden Ärzte in nicht einmal zehn Prozent der Fälle zu dem gleichen Ergebnis.

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