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Gesamtmetallchef Kannegiesser : „Gleich nach dem Füllhorn zu rufen geht nicht“

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„Im Durchschnitt aller Betriebe der Branche haben wir das Vorkrisenniveau noch nicht erreicht” Bild: Franz Bischof / F.A.Z.

Trotz des Aufschwungs lehnt der Gesamtmetall-Präsident einen Lohn-Nachschlag für die Beschäftigten ab. Er spricht von Verteilungshysterie und sagt, Nachhilfe durch die Politik sei nicht angebracht. „Jetzt müssen erst mal die Unternehmen zu Kräften kommen“, erklärt Martin Kannegiesser im F.A.Z.-Interview.

          Herr Kannegiesser, hat sich die Kanzlerin schon bei Ihnen gemeldet?

          Bis jetzt noch nicht, wollte sie das?

          Zumindest wollte sie mit den Arbeitgebern über eine faire Teilhabe der Beschäftigten am Aufschwung sprechen.

          Bisher hat sich jeder Aufschwung positiv für die Arbeitnehmer ausgewirkt, und das wird auch so bleiben. Die deutschen Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie gehören international zu den Spitzenverdienern der Branche. Ihre Löhne sind selbst in der Krise gewachsen. Da muss sich niemand Sorgen machen. Uns muss keiner Nachhilfestunden erteilen.

          Aber im vergangenen Jahrzehnt sind die Löhne nirgendwo in der EU so langsam gestiegen wie in Deutschland.

          Nach dieser Statistik müsste unser Vorbild Rumänien sein, denn dort sind die Einkommen um 560 Prozent gestiegen. Allerdings war dort auch die Inflation zehnmal so hoch wie bei uns, und die Arbeitskosten liegen bei 3,52 Euro in der Stunde. In Deutschland sind die Löhne um 21,8 Prozent gestiegen - bei der niedrigsten Inflationsrate von allen EU-Staaten. Und mit Arbeitskosten von 35,22 Euro in der Stunde sind wir an der Spitze. Richtig ist: Die Einkommen in Deutschland gehen weiter auseinander als vor zehn Jahren. Aber das ist gewollt. Dadurch gibt es einen Anreiz zur Qualifizierung, um eine gutbezahlte Stelle zu bekommen. Gleichzeitig sind im Niedriglohnbereich 2,5 Millionen neue Arbeitsplätze entstanden.

          Dass der Aufschwung da ist, bestreiten Sie aber nicht.

          Wir sind in einem Ausmaß abgestürzt, das uns fassungslos gemacht hat. Seit der Jahreswende sind die Aufträge dann nicht weiter zurückgegangen. Insgesamt hat sich die Situation erholt, in den vergangenen zwei, drei Monaten sogar mehr als erhofft. Bei der Beschäftigung kam die Wende im Frühjahr. Wir hatten in der Metall- und Elektroindustrie damit gerechnet, noch mal 60.000 Stammarbeitsplätze zu verlieren. Nun haben wir sogar einen leichten Aufbau. Im Durchschnitt aller Betriebe der Branche haben wir das Vorkrisenniveau aber noch nicht erreicht.

          Den Beschäftigten soll es in dieser Situation also reichen, dass sie ihren Arbeitsplatz behalten haben?

          Die Verteilungshysterie dieser Tage ist eine hochgeschaukelte Debatte! Wir haben einen Tarifabschluss, der bis 2012 läuft. Und es gibt aus heutiger Sicht überhaupt keine Veranlassung, von diesem Vertrag abzuweichen. In der Tarifrunde davor hatten wir zudem einen sehr hohen Abschluss von 4,2 Prozent. 2,1 Prozent davon ragen noch in das Jahr 2010 hinein. Die Beschäftigungssicherung hat die Betriebe darüber hinaus viel Geld gekostet. Trotzdem haben wir für dieses Jahr zwei Einmalzahlungen geleistet und erhöhen die Gehälter im nächsten Jahr um 2,7 Prozent. Das ist immer noch sehr komfortabel.

          So komfortabel dürften das nicht alle finden bei den guten Unternehmenszahlen.

          Wir sind gerade mal drei, vier Monate aus der Krise heraus, schon kommt diese Debatte auf. Die Leute verdienen bereits mehr, weil die Kurzarbeit wegfällt und weil sie wieder Überstunden leisten. Jetzt müssen erst mal die Unternehmen zu Kräften kommen. Gleich nach dem Füllhorn zu rufen geht nicht. Die Betriebe müssen die Löcher im Eigenkapital stopfen, sie haben gewaltige Investitionsaufgaben vor sich.

          Einzelne Firmen könnten die Mitarbeiter trotzdem am Erfolg beteiligen.

          In 60 Prozent unserer Betriebe gibt es Instrumente zur Erfolgsbeteiligung. Dazu kann man keine tarifliche Vereinbarung für die ganze Branche treffen. Unser Tarifvertrag sieht aber vor, dass die Entgeltsteigerung um zwei Monate vorgezogen oder verschoben werden kann.

          Wird es dazu kommen?

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