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Gesamtmetall-Präsident Kannegiesser : „Wir werden uns nie wieder zurücklehnen können“

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Kannegiesser: „Unsere Arbeitnehmer zählen zu den bestbezahlten auf der Welt” Bild: dpa

Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser dämpft im Gespräch mit der F.A.Z. zu hohe Erwartungen an Lohnerhöhungen. Der Branche gehe es nicht so gut wie der Chemie und sie müsse sich an den Wettbewerbern auf dem Weltmarkt orientieren.

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          Am Montag beginnen die ersten Tarifverhandlungen für die 3,4 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie. Die IG Metall fordert 6,5 Prozent höhere Einkommen, die Arbeitgeber wollen unter dem Vorjahresabschluss von 3,1 Prozent bleiben. Die dauerhafte Lohnerhöhung müsse sich an der gesamtwirtschaftlichen Produktivität, die variable Einmalzahlung an der durchschnittlichen Gewinnsituation der Betriebe orientieren, mahnt Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser. Ihr Angebot wollen die Arbeitgeber Ende März präsentieren. Der Branche gehe es nicht so gut wie der chemischen Industrie, betont Kannegiesser.

          Bisher hat Gesamtmetall die Lohnzahl immer aus der Produktivitätsentwicklung hergeleitet. In dieser Runde führen Sie erstmals eine Ergebnisdebatte. Bedeutet das einen Paradigmenwechsel?

          Nein, die Produktivitätsentwicklung bleibt wesentlicher Bezugspunkt und beeinflusst indirekt die Lohnstückkosten. Hier aber müssen wir uns an unseren Wettbewerbern orientieren und dürfen den Abstand zu ihnen nicht wieder vergrößern. Andernfalls verliert eine so stark in den Weltmarkt eingebundene Branche Auslastung, Beschäftigung und damit Arbeitsplätze. Der größte Teil der Produktivitätssteigerung, wenn nicht sogar alles, muss daher an die Kunden weitergegeben werden.

          Und für die Arbeitnehmer bleibt nichts mehr übrig?

          Eine solche Aussage wäre gerade für unsere Branche absurd. Unsere Arbeitnehmer zählen zu den bestbezahlten der Welt mit den kürzesten tariflichen Arbeitszeiten. Die Lohnerhöhung im letzten Jahr war dreimal so hoch wie im Durchschnitt aller Arbeitnehmer. Auch die Lohnerhöhung dieses Jahres kann ordentlich sein. Wir sagen allerdings deutlich: Lasst die Kirche im Dorf und weckt keine Erwartungen auf einen Lohnkostenschub für die Unternehmen, der über dem des außerordentlichen Jahres 2006 liegt.

          Sie wollen die Arbeitnehmer mit einem Einmalzuschlag an der guten Konjunktur beteiligen, der sich an der durchschnittlichen Gewinnsituation der Unternehmen orientieren soll. Wie viel Spielraum haben Sie dafür?

          Im vergangenen Jahr hat die Branche im Schnitt eine Nettoumsatzrendite von 3,2 Prozent erwirtschaftet - bei einem Produktionsplus von 8 Prozent. Dieser Zuwachs wird sich im laufenden Jahr etwa auf 3,5 bis 4 Prozent halbieren.

          Im Klartext heißt das: Nicht einmal den gesamten Produktivitätsfortschritt von 1,8 Prozent für die Tabelle und weitere 1,6 Prozent nur im Ermessen der Betriebe?

          Nun mal langsam. Ich spekuliere nicht über Zahlen. Es kann in der derzeitigen konjunkturell und strukturell außerordentlich herausfordernden Situation unserer Branche bei Lohnerhöhungen nicht ohne Unterteilung in die Grundkomponente und die Konjunkturkomponente gehen. Erstere wird das Tarifniveau für alle Zeiten ein Stück anheben, die zweite wird die Arbeitnehmer an der Konjunktur unserer Branche beteiligen, die naturgemäß leider nicht für alle Zeiten andauert.

          Die IG Metall erwartet eine Teuerungsrate von 2,3 Prozent. Ihr Angebot würde nicht einmal die Reallöhne sichern.

          Ein Angebot von uns gibt es noch nicht. Erst in der kommenden Woche wird uns die IG Metall ihre Forderung darstellen und begründen. Erst nach Abschluss dieser ersten Runde werden wir vermutlich entscheiden können, ob wir bereits in der zweiten Runde Ende März unser Angebot vorlegen. Im Übrigen ist eine Inflationserwartung von 2,3 Prozent inzwischen überholt, nachdem wir im Januar und Februar nur 1,6 Prozent und nach allen bisherigen Wahrscheinlichkeiten wohl auch nicht über 1,8 Prozent hinauskommen werden. Die IG Metall muss also ihre Lohnformel nach unten korrigieren.

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