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Öko-Enzyklika : Wo der Papst irrt

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Verkehrsprobleme, visuelle und akustische Belästigung, verstopft, ungeordnet: Worte des Papstes, hier bei einem Besuch in Brasilien, zum Leben in der Stadt. Bild: dpa

Die Enzyklika des Papstes ist voller Zivilisationskritik und antiliberaler Zerrbilder. Das Gute der industriellen Gegenwart kommt kaum vor.

          Es ist ein Privileg eines Priesters, sich um die Seelen zu sorgen. Oder säkular ausgedrückt und damit vielleicht ein wenig missverständlich: um das Glück. In seiner Enzyklika „Laudato si“ (Gelobt sei) macht Papst Franziskus davon wunderbar Gebrauch. Zum Beispiel an der Stelle, an der er die Arbeitsbedingungen vieler Menschen beschreibt – nicht nur der oft unter erbärmlichen Bedingungen schuftenden Textilarbeiter aus Bangladesch, sondern auch westlicher gehetzter Manager – oder die Unmöglichkeit des Glücks für Leute, die ganz von Interessen okkupiert sind.

          Aber all das Gute der industriellen Gegenwart kommt kaum vor. Für viele, längst nicht nur in der nördlichen Welt, ist die kapitalistische Welt ein Schlaraffenland: Der Hunger nimmt ab, immer mehr Menschen besuchen Schulen, werden älter und müssen weniger lang und schwer arbeiten.

          In der Umweltenzyklika geht es berechtigterweise vor allem um die ökologischen Katastrophen, die das Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahrzehnte angerichtet hat. Aber es geht auch um das Wirtschaftssystem und um private Lebensweisen. Franziskus sieht radikalen Änderungsbedarf. Konkret empfiehlt er eine Abkehr von Öl und Kohle, den Verzicht auf Konsum, eine Einkommensumverteilung von Nord nach Süd, eine radikale Weltklimapolitik und bäuerliche Landwirtschaft.

          Der pessimistische Papst

          Dafür gab es in Deutschland Beifall von SPD, Union, Linken und grünen Organisationen. Der Papst wurde als Zeuge der Notwendigkeit einer ökologischen Zeitenwende, als Antikapitalist oder konservativer Ökologe vereinnahmt. Natürlich hat er sich auch Feinde gemacht.

          Was aber ist mit Blick auf die Wirtschaft der Kern der Enzyklika? Es ist die deutliche Absage an das moderne Weltbild, wonach der Mensch die Welt zu seinem Nutzen gestalten solle. Man kann es kartesisch nennen: hier das forschende und wirtschaftende Subjekt, dort die Rohstoffe, Pflanzen, Tiere, Wasser und Böden, die zu seinem Nutzen ausgebeutet werden. Das anthropozentrische Weltbild, das den Menschen im Mittelpunkt sieht, ist für Franziskus die Ursünde. Darauf basieren aber die gängigen Theorien der Marktwirtschaft und ihre Ethiken.

          Die Annahme, dass es sich hierbei um eine Sünde handele, erklärt die fast durchgängig pessimistische Sicht des Papstes auf Globalisierung, technischen Fortschritt, auf Unternehmen und Marktwirtschaft. Der Papst senkt über sie – mit Ausnahmen – den Daumen, weil darüber die lebendige Beziehung zur Natur verlorengegangen sei.

          Kapitalismus wird allein mit Gier gleichgesetzt

          Hier liegt die Totalität, die der Enzyklika innewohnt. Eine liberale Wirtschaftsethik nimmt Franziskus offensichtlich nicht zur Kenntnis. Eigentumsrechte etwa sind eine gute Sache, denn sie sorgen dafür, dass die Menschen sorgsam mit ihrem Boden oder dem Wasser umgehen. Franziskus, von südamerikanischen Erfahrungen geleitet, kehrt die negativen Seiten nach vorn: Ungleichheit des Besitzes, Landbesitz in den Händen weniger, Konzerne, die das Wasser kommerzialisieren.

          Kapitalismus wird allein mit Gier gleichgesetzt, anstatt auch mit persönlicher Freiheit der Bürger vor staatlicher Willkür – etwa auch in Gestalt einer „politischen Weltautorität“ in Klimafragen, wie Franziskus sie sich ausdrücklich wünscht. Es gibt in der Enzyklika so viele Beispiele für eine einseitige Negativwahrnehmung, dass in der Summe ein Zerrbild der Zivilisation entsteht.

          Dass eines Tages kluge Kreislaufwirtschaft oder Energiewende durch technische Neuerungen möglich sein könnten, ohne den Lebensstandard zu senken, glaubt der Papst nicht. Stattdessen ist abstrakt die Rede von Verzicht und Gemeinwohl oder vom „irrationalen Vertrauen auf den Fortschritt“. Für den Papst führt das Eingreifen des Menschen in die Natur in einen Teufelskreis.

          Rückkehr zur Agrargesellschaft

          Deshalb scheint aus der an sich warmherzigen Schrift, die lesenswert ist und auch poetisch und voller kluger Gedanken über die Folgen eines einseitig technokratischen Zeitgeistes, auch immer wieder Ignoranz hervor und sogar Ressentiments. Der wirtschaftliche Liberalismus (symbolisiert durch Adam Smiths „unsichtbare Hand“) wird in einem Atemzug genannt mit Krankheit, Zwangsarbeit, Sklavenhaltung oder Kindesmissbrauch. Kein gutes Wort auch für die Großstadt.

          „Verkehrsprobleme, visuelle und akustische Belästigung, Gefüge, die übermäßig viel Energie und Wasser verbrauchen, verstopft, ungeordnet, wesenfremd und naturentfremdet“ lauten die Stichworte, die dem Papst dazu einfallen. Wie alle Punkte, kommen auch diese Wertungen ohne Diskussion aus, ohne Abwägung und Belege. Der Papst lässt die Fakten beiseite: So gibt es seriöse Studien, die sagen, der ökologische Fußabdruck eines Städters sei viel kleiner als jener der Landbevölkerung.

          Papst Franziskus’ Vorbild ist der heilige Franziskus. Auf diesen radikalen Aussteiger, der im Konflikt mit seinem Kaufmannvater am Ende mit Blumen und Schnecken sprach, nimmt seine Enzyklika viel Bezug, zum Beispiel auf den Sonnengesang: „Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde.“ Somit werden hier vorindustrielle Zeiten verklärt, als sich „der Mensch und die Dinge“ noch „freundschaftlich die Hand“ gereicht haben. Die Rückkehr dahin ist eine schreckliche Vorstellung.

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