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Geldpolitik : Mit Draghi haben die Tauben Aufwind

Er kam, sah und senkte (den Zins): Mario Draghis Auftritt als EZB-Chef sorgt für Debatten Bild: dapd

Zum Antritt des neuen Chefs Mario Draghi hat die EZB die Zinsen gesenkt. Einige Ökonomen befürchten einen Politikwechsel der Zentralbank. Sie könnte „amerikanischer“ werden.

          Der Paukenschlag der Europäischen Zentralbank vor einer Woche dröhnt vielen Ökonomen noch in den Ohren. Die Senkung des Leitzinses nur drei Tage nach Amtsantritt von Mario Draghi hat unter EZB-Beobachtern eine Diskussion ausgelöst, ob die Zentralbank mit dem neuen Präsidenten einen anderen Kurs einschlage. Die hohe Inflationsrate von 3 Prozent hielt die EZB nicht von der geldpolitischen Lockerung ab. Draghi rechtfertigte sie mit einer drohenden "milden Rezession", die den Preisdruck mindere und die Teuerung im Laufe des kommenden Jahres unter 2 Prozent drücken werde.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Kaum jemand hatte den Zinsschritt von 1,5 auf 1,25 Prozent erwartet, viele Analysten halten ihn für gewagt. "Die Äußerungen der Pressekonferenz deuten auf einen Politikwechsel hin", meint etwa Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank. Er schätzt, die "Falken" im EZB-Rat, die schärfer auf Inflationsrisiken achten, würden nun einen schwierigeren Stand haben. Vor allem die Vertreter der Bundesbank gelten als Falken. Draghi zählt Bielmeier zu den "Tauben", die tendenziell eine lockerere Geldpolitik betreiben. Einige Beobachter meinten, die EZB werde "amerikanischer" - also wie die amerikanische Zentralbank Fed mehr auf die Konjunktur und Beschäftigung achten.

          Instinktlos, aber konsequent

          "Die Zinssenkung ist instinktlos, aber konsequent", sagt Manfred J. Neumann, renommierter Geldtheoretiker von der Universität Bonn. "Sie ist instinktlos, weil sie so verstanden werden könnte, dass die Schuldenprobleme des Euro-Südens definitiv mit Inflation gelöst werden sollen", kritisiert er und fügt bitter hinzu: "Sie ist konsequent, denn die Mehrheit der Euro-Staaten hat konjunkturelle Schwächen und die Verantwortlichen der meisten Ländern haben Preisstabilität nie für sehr wichtig gehalten."

          Auffällig war zumindest bei der Pressekonferenz, wie sehr Draghi die Konjunkturrisiken betonte und die hohe Inflationsrate in den Hintergrund rückte, obwohl die EZB nach ihrem Mandat anders als die Fed allein der Preisstabilität, nicht der Konjunkturstimulierung verpflichtet ist. Allerdings fiel die Entscheidung zur Zinssenkung im EZB-Rat einstimmig. Auch Chefvolkswirt Jürgen Stark, der zu den Falken zählt, trug sie mit.

          Eine Möglichkeit, den überraschenden Zinsschritt unter Draghi mit dem früheren EZB-Kurs zu vergleichen, ist ein Abgleich mit geldpolitischen Regeln, die das Verhalten der Zentralbank in der Vergangenheit recht gut prognostiziert haben. Die bekannteste Regel ist nach dem Makroökonomen John Taylor von der Universität Stanford benannt.

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          "Nach dieser Regel werden die Leitzinsen erhöht, wenn die Inflation über die Zielmarke steigt, und die Zinsen gesenkt, wenn der Output, also die Wirtschaftsleistung, unter dem Potential liegt", erklärt der Geldtheoretiker Volker Wieland von der Universität Frankfurt. Allerdings zeigt seine Berechnung, dass der EZB-Zins fast immer niedriger lag als nach einer reinen Taylor-Regel.

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