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Geldpolitik : Alarm wegen schwacher Weltwirtschaft

Ein chinesischer Frachter im Hamburger Hafen Bild: dpa

Der Währungsfonds drängt zu einer lockeren Geldpolitik. EZB-Chef Draghi deutet noch mehr Anleihekäufe an. Aber es gibt auch Warner. Die Deutschen müssen wegen der Niedrigzinsen später in Rente gehen.

          Die Weltwirtschaft steckt voller neuer Risiken vor allem in den Schwellenländern. Den Internationalen Währungsfonds (IWF) plagt die schwere Sorge, dass diese Risiken gleichzeitig zuschlagen könnten. Dies würde die Aussichten der globalen Wirtschaft verdüstern, warnen die IWF-Ökonomen in einem Papier, das sie für das Gipfeltreffen der Finanzminister und Zentralbanker der G-20-Staaten an diesem Freitag und Samstag in Ankara verfasst hat. Das Wachstum der Schwellenländer habe sich verlangsamt, und Chinas gebremstes Wirtschaftswachstum habe „stärker als gedacht grenzüberschreitende Auswirkungen“. Und die Erholung der Industrieländer gehe nur stockend, es seien so gut wie keine Produktivitätsfortschritte zu verzeichnen, notiert der IWF. Die Weltwirtschaft ist deshalb im ersten Halbjahr weniger gewachsen als zuvor.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Vor dem Hintergrund der größeren Abwärtsrisiken auch für die Wirtschaft im Euroraum und des gesunkenen Inflationsausblicks hat die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag eine mögliche Ausweitung oder Verlängerung ihres Anleihekaufprogramms angedeutet. EZB-Präsident Mario Draghi betonte die „Flexibilität“ der Zentralbank bei ihrem Kaufprogramm. Bislang waren monatlich Käufe für rund 60 Milliarden Euro bis mindestens September 2016, also insgesamt ein Stimulus von mehr als 1,1 Billionen Euro, geplant. Draghi hob nun hervor, dass die Risiken gestiegen seien. Die EZB-Ökonomen haben ihre Inflationsprognose deutlicher als von Bankvolkswirten erwartet gesenkt. Dies liege vor allem am Ölpreisverfall, aber auch an einer etwas schwächeren Wirtschaftsentwicklung, wie Draghi sagte. Für das nächste Jahr erwartet sie nur noch 1,1 (statt 1,5) Prozent Inflation. Erst übernächstes Jahr würde die Inflationsrate mit 1,7 (statt 1,8) Prozent in die Nähe des EZB-Zielwertes steigen.

          Bankvolkswirte spekulierten, dass Draghi schon eine weitere Lockerung der Geldpolitik plane. Zuvor hatte der IWF in seinem Papier die EZB aufgefordert, das Anleihekaufprogramm auszuweiten, falls sich die Inflation nicht schnell genug Richtung Zielwert bewege. Bislang hat die EZB schon für rund 300 Milliarden Euro Staatspapiere erworben. Hinzu kommen bislang rund 130 Milliarden Euro andere Wertpapiere und 110 Milliarden Euro Verbriefungen. Die Anleihekäufe drücken die Renditen und Zinsen der Papiere. Die Deutsche Bundesbank sieht den Staatsanleihekauf seit Beginn skeptisch, weil er Nebenwirkungen habe und zu nah an einer „monetären Staatsfinanzierung“ liege. Draghi sagte, seine Geldpolitik wirke. Aber es hätten sich neue Risiken von außen – etwa die Turbulenzen in China oder der Ölpreisrutsch – ergeben.

          Während der Währungsfonds zur weiter lockeren Geldpolitik drängt, hat die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, eine Art Dachinstitut der Zentralbanken, eine andere Position. Sie glaubt nicht, dass niedrige Zinsen die Weltwirtschaft noch befeuern können. Zugleich sieht sie die Gefahr, dass das billige Zentralbankgeld übermäßig riskante Spekulationen an den Finanzmärkten befördern und dann einem nachhaltigen Wachstum schaden könne. „Wenn Zinsen zu spät oder zu langsam angehoben werden, befeuert das womöglich einen finanziellen Aufschwung, und der spätere Abschwung kann große Schäden verursachen“, sagte er BIZ-Ökonom Claudio Borio der „Börsen-Zeitung“. Es sei ganz wichtig, dass die Notenbanken sich nicht von kurzfristigen Schwankungen an Finanzmärkten beirren ließen.

          Die amerikanische Notenbank Federal Reserve scheint in der Tat nicht so stark beeindruckt von internationalen Entwicklungen, dass sie sich vom Kurs abbringen lässt, die Leitzinsen zum ersten Mal seit neun Jahren wieder zu erhöhen. Stanley Fischer, der Vizevorsitzende der Fed, hat das jüngst in einer Rede in Jackson Hole noch einmal unterstrichen und auf Anzeichen einer leicht wachsenden Inflation verwiesen. Die Fed plant, noch in diesem Jahr den Leitzins zu erhöhen – wogegen die EZB noch längere Zeit beim Rekordtief von 0,05 Prozent bleiben wird.

          Nach Ansicht des früheren Bundesbankpräsidenten Axel Weber wird die auseinander driftende Geldpolitik der Notenbanken in Amerika, Europa und Japan für starke Bewegungen der Wechselkurse sorgen. Weber erwartet, dass die Fed schon im September als erste große Notenbank ihren Leitzins erstmals seit Ausbruch der Finanzkrise wieder anhebt. Der Kursabsturz in China sei auch darauf zurückzuführen, dass Investoren wegen dieser bevorstehenden Zinswende in Amerika Geld aus Schwellenländern abzögen, sagte Weber am Donnerstag auf einer Konferenz in Frankfurt. Schwellenländer wie Brasilien und die Türkei sieht der heutige Verwaltungsratschef der Schweizer Großbank UBS in einer besonders misslichen Lage. Denn sie müssten trotz Konjunkturschwäche ihre Leitzinsen hoch halten, damit Anleger kein Kapital abziehen. Den Kursrutsch in China hält Weber für „zu einem gewissen Grad gesund“. Dort habe sich eine Blase am Aktienmarkt gebildet, die sich nun auflöse. Dennoch werde China „recht robust in den nächsten Jahren mit mehr als 6 Prozent im Jahr wachsen“, vermutet Weber.

          Besonders in Europa werde die Niedrigzinsphase andauern. Die Notenbanken kauften Zeit, aber Europas Politiker nutzten sie nicht. Selbst in Deutschland sei die „Reformbaustelle seit zehn Jahren verwaist“, kritisierte Weber die Regierung. Die Niedrigzinsphase werde die Deutschen zwingen, viel länger zu arbeiten als bisher. Die Schere zwischen arm und reich gehe auseinander. Denn nur Vermögende könnten es sich leisten, in die riskanteren, aber lukrativen Aktien- und Immobilienmärkte zu investieren. Normale Sparer dagegen, aber auch auf Anleihen fixierte Pensionssysteme seien Leidtragende der Niedrigzinspolitik. Unternehmen müssten die Pensionen senken, und Mitarbeiter länger arbeiten. In 15 bis 20 Jahren werde es heißen „70 Jahre ist das neue 60“, weil sich kaum jemand werde leisten können, früher in Rente zu gehen.

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