https://www.faz.net/-gqe-7shqh

Gegensanktionen : Deutsche Bauern haben keine Angst vor Putin

  • -Aktualisiert am

Alles im grünen Bereich: Die russischen Sanktionen treffen deutsche Landwirte viel weniger hart als etwa die Bauern in Osteuropa. Bild: picture alliance / fStop

Russland verbannt Lebensmittel aus dem Westen. Deutschen Bauern ist nicht bange, aber die Industrie fürchtet nun eine Sanktionsspirale.

          4 Min.

          Der von der russischen Regierung erlassene Importstopp für Lebensmittel aus EU-Ländern wird nach Einschätzung von Wirtschaftsverbänden und der Bundesregierung in Deutschland unmittelbar keine starken Auswirkungen haben. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) sagte am Donnerstag, die Sanktionen würden vor allem russische Verbraucher treffen. „Die russische Föderation ist darauf angewiesen“, sagte Schmidt. Die Sanktionen würden die deutsche Landwirtschaft „weniger treffen, als die Gemüseexporteure Polen, Ungarn, Italien oder Spanien“, sagte der stellvertretende Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes Udo Hemmerling dieser Zeitung.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Andererseits wurde die Entscheidung Moskaus als weitere Eskalation im Handelskrieg mit dem Westen von der Wirtschaft mit Unbehagen aufgenommen: „In der jetzigen Situation ist es immens wichtig, die Spirale von Sanktionen und Gegensanktionen zu durchbrechen“, sagte Eckhard Cordes, Vorsitzender des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. Sonst drohe durch eine Abkehr Russlands vom Westen eine konjunkturelle Schädigung „in ganz Europa“.

          Russland möchte den von Präsident Wladimir Putin angeordneten Importstopp für westliche Agrargüter und Lebensmittel in einem Ausmaß anwenden, das die Erwartungen vieler Beobachter übersteigt. Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew hatte am Donnerstag in einer Regierungssitzung erklärt, Güter aus der Europäischen Union, den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien und Norwegen würden ab sofort gesperrt. Betroffen sind alle Produkte aus Rindfleisch und Schweinefleisch, ferner Früchte und Gemüse sowie Geflügel, Fisch, Käse und Milch. Das umfasst den Großteil des Agrarimports aus diesen Ländern, ausgenommen ist Kindernahrung. Auch die wichtigen Handelsgüter Backwaren, Kaffee und Kakao sind nicht erwähnt.

          In Brüssel kritisierte die Europäische Kommission Moskau scharf. Die Sanktionen seien „politisch motiviert“, sagte ein Sprecher. Die Kommission behalte sich das Recht vor, nach Bewertung der russischen Maßnahmen angemessen zu reagieren. Unklar blieb, in welcher Form das geschehen könnte. Der Sprecher wollte sich nicht dazu festlegen, ob die Kommission ein Verfahren gegen Moskau wegen möglicher Verstöße gegen die Spielregeln der Welthandelsorganisation (WTO) anstrengen werde. Die EU hatte schon im April wegen russischer Handelsbeschränkungen die WTO angerufen.

          Der Einfuhrstopp könne nach Worten von Russlands Ministerpräsident Medwedew wieder überdacht werden, wenn die westlichen Länder, die ihrerseits Sanktionen gegen Russland verhängt haben, eine „konstruktivere“ Haltung einnehmen. Nach russischen Zollangaben führte das drittgrößte Schwellenland im vergangenen Jahr Lebensmittel und Agrargüter im Wert von 43 Milliarden Dollar ein, rund 13 Prozent seiner gesamten Importe. Von diesen Agrareinfuhren kam wiederum ein Großteil aus der EU. Laut Wirtschaftsministerium machen Importe bis zu 30 Prozent des Umsatzes im Lebensmittelhandel aus; hinzu kommt die Einfuhr von Vorleistungen. Manche Schätzungen führen die Hälfte des russischen Lebensmittelangebots auf Importe zurück.

          Bauern in Polen und Litauen sind am stärksten betroffen

          Vor allem für östliche EU-Staaten hat der Agraraxport nach Russland große Bedeutung. Von den betreffenden Produkten sind Litauen und Polen mit Exportvolumina von je 937 und 841 Millionen Euro am stärksten betroffen. Alle 28 EU-Länder führten 2013 laut dem Statistikamt Eurostat landwirtschaftliche Erzeugnisse im Wert von knapp 12 Milliarden Euro nach Russland aus. Dies entsprach rund einem Zehntel des Gesamtexports dorthin im Wert von fast 120 Milliarden Euro. Wichtigste Exportprodukte, die vom russischen Einfuhrstopp betroffen wären, sind Obst (9,1 Prozent), Schweinefleisch (8,3 Prozent) sowie Gemüse (8,2 Prozent).

          Weitere Themen

          Russland will wieder zurück nach oben

          FAZ Plus Artikel: Raumfahrt : Russland will wieder zurück nach oben

          Während die Amerikaner privat ins All reisen können, ist von der ruhmreichen russischen Raumfahrt nicht mehr viel übrig – auch hier bekommen sie Sanktionen zu spüren. Um wieder groß zu werden, braucht es Unterstützung vom Nachbarn China.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.