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Geert Wilders : Liberaler auf Abwegen

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Im Jahr 2006 gründete Wilders schließlich seine eigene Partei, die PVV. Viel radikaler als sein Lehrer Bolkestein sei Wilders geworden, sagt Fennema. Der Mentor kann mit seinem ehemaligen Schützling jedenfalls nichts mehr anfangen. Er würde nie, wie Wilders es fordert, den Koran verbieten oder Moscheen schließen. „Wilders hat nichts zu bieten außer armseligen Parolen“, sagt Bolkestein. Wer ausgerechnet im liberalen Holland die Religionsfreiheit in Frage stelle, habe nichts verstanden.

„Fast wie eine Sekte“

Die Wut, die Wilders gegen Menschen muslimischen Glaubens schürt, lässt diese verantwortlich scheinen für diffuse Ängste und reale Beklemmungen. Denn eigentlich geht es den Holländern vergleichsweise gut: Nach Jahren harter Einschnitte und angespanntem Arbeitsmarkt, die auf die Finanzkrise folgten, geht es mittlerweile wieder aufwärts: Die Arbeitslosenquote liegt bei 5,5 Prozent, die Wirtschaft ist im vergangenen Jahr um 2,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr gewachsen. Gleichzeitig gibt es aber immer mehr befristete Jobs, und auch die steigenden Mieten werden für einige Menschen zum Problem. Sie fühlen sich abgehängt, wie in vielen anderen westlichen Ländern auch - ganz egal, ob das nun faktisch stimmt oder nicht.

„Wilders hat es geschafft, dass seine Themen und auch er selbst diesen Wahlkampf dominieren“, sagt Politikwissenschaftler Vossen. Angst vor Querschlägern aus dem eigenen Lager muss Wilders keine haben, die Partei ist im wahrsten Sinne des Wortes eine One-Man-Show. Eine legale Konstruktion macht es möglich, dass Wilders das einzige Mitglied der Partei ist, und er duldet keine anderen neben sich. Sein Führungsstil habe dazu geführt, dass viele talentierte Leute ihn wieder verließen, sagt Vossen. Ehemalige Mitarbeiter berichten von einem großen Misstrauen und großen Druck, den Wilders ausübt. Offen sprechen will niemand. „Es ist fast wie in einer Sekte“, sagt Vossen.

Wann immer Wilders internationale Aufmerksamkeit bekommt, genießt er sie in vollen Zügen. So auch in Koblenz, bei der Pressekonferenz, mit den vielen Journalisten. Er zückt sein Smartphone und filmt die Szenerie vor ihm: das dichte Gedränge der Fotografen. Umgehend postet er das Video bei Twitter, das die Botschaft in die ganze Welt transportiert: Schaut her, wie gefragt ich bin. Viele Niederländer sind davon genervt, dass Wilders mit seinen radikalen Ansichten das Bild von ihrem Heimatland in der ganzen Welt prägt. Und Fachleute werden nicht müde zu betonen, dass es wohl ausgeschlossen ist, dass Wilders’ PVV die nötige Mehrheit im Parlament bekommt, um regieren zu können. Sämtliche Parteien haben sich schon jetzt festgelegt, keine Koalition mit Wilders eingehen zu wollen. Wilders warnt zwar davor, die potentiell gut zwei Millionen Wähler seiner Partei einfach zu missachten. Doch dieser Umstand könnte sich nach der Wahl auch gut als Märtyrer-Geschichte eignen. Viel deutet darauf hin, dass Wilders gar nicht regieren will. „Er ist ein Mann der Opposition“, sagt Fennema. So muss Wilders nicht den mühsamen Weg der verhassten Kompromisse beschreiten. Und seine Worte werden trotzdem gehört.

Der Mensch Geert Wilders wurde am 6. September 1963 in Venlo geboren, nahe der deutsch-niederländischen Grenze. Seine Mutter stammt aus Indonesien, einer früheren Kolonie der Niederlande. Die Familie war katholisch, Wilders trat aus der Kirche aus und bezeichnet sich heute als Agnostiker. In seiner Jugend lebte er längere Zeit in Israel und blieb dem Land bis heute eng verbunden. Seit 1992 ist er mit seiner ungarischen Frau Krisztina verheiratet, die beiden haben keine Kinder. Wilders steht seit dem Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh 2004 unter ständigem Personenschutz und lebt an einem geheimen Ort. Seine Islamkritik brachte ihm mehrfach Ärger mit der Justiz. 2011 sprach ihn ein Gericht vom Vorwurf der Volksverhetzung frei, 2016 wurde er wegen der Diskriminierung von Menschen marokkanischer Herkunft verurteilt. Das Land 17 Millionen Menschen wohnen in den Niederlanden, die zu den Gründungsmitgliedern der EU gehören. Seit Jahrhunderten gilt das Land als einer der Vorreiter im Freihandel. Schon im 16. Jahrhundert profitierten holländische Geschäftsleute vom Meereszugang, ließen Waren aus der ganzen Welt kommen und verkauften sie mit Gewinn weiter. Die Wirtschaft ist auch heute noch stark vom Export abhängig, von dem rund 70 Prozent an Länder innerhalb des europäischen Binnenmarktes gehen. Nach der Finanzkrise hatten die Holländer mit einer steigenden Arbeitslosigkeit und einem schlechten Wirtschaftswachstum zu kämpfen. Es folgten Sparmaßnahmen und Reformen. Doch seit einiger Zeit geht es wieder bergauf: Die Arbeitslosigkeit ist von knapp acht Prozent Anfang 2014 auf nun 5,5 Prozent gesunken. Auch das Wirtschaftswachstum ist 2016 um 2,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen.

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