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GDF-Suez : Vom Kanalbetreiber zum Energieriesen

„Le Grand Français”: Ferdinand de Lesseps Bild: AFP

Einst gaben Väter ihren Töchtern Suez-Aktien als Aussteuer mit in die Ehe. Später geriet das Unternehmen in den Ruf eines miserabel geführten Investmentfonds: die Geschichte des neuen französischen „Energiechampions“.

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          Jedes Kind kennt in Frankreich den Namen des wagemutigen Unternehmers Ferdinand de Lesseps (1805 bis 1894). Schließlich war der unter dem Beinamen „Le Grand Français“ bekannte Franzose Schöpfer zweier bedeutender Kanalprojekte. De Lesseps scheiterte zwar mit dem Versuch, den Panama-Kanal zu vollenden, doch den Bau des Suez-Kanals brachte der Franzose zu einem glücklichen Abschluss. Für den Bau und den Betrieb des Suez-Kanals gründete de Lesseps im Jahre 1858 eine Gesellschaft mit dem klangvollen Namen Compagnie Universelle du Canal Maritime de Suez.

          Nach anfänglichen Zweifeln entwickelte sich die Compagnie sehr zufriedenstellend. Angesichts stetiger Dividendenausschüttungen erwarb sich ihre Aktie bald den Ruf eines sicheren Papiers für Witwen und Waisen, und nicht wenige französische Väter gaben ihren Töchtern als Aussteuer ein kleines Paketchen Suez-Aktien mit. Diese Idylle fand nach fast hundert Jahren, am 6. Juli 1956, ein Ende, als der ägyptische Staatspräsident Gamal Abdel Nasser die Gesellschaft handstreichartig verstaatlichte.

          Abenteurer kostete beinahe die Existenz

          In Paris versuchte der Vorstand daraufhin, mit dem außerhalb Ägyptens verbliebenen Restvermögen ein neues Unternehmen aufzubauen. Die Anfänge waren bescheiden, und so höhnten Zeitgenossen: „Die Compagnie ähnelt einer spanischen Herberge, wo ein Gast nur das verzehren kann, was er selbst mitgebracht hat.“ Doch Suez legte zu: Im Laufe der Zeit entstand um die nun Compagnie Financière de Suez getaufte Gesellschaft eine mächtige, aber auch verschachtelte, kaum mehr überschaubare Gruppe mit der Handelsbank Indosuez im Zentrum und zeitweise 300 Beteiligungen an Unternehmen aus Finanz, Industrie und Handel.

          Ein ägyptischer Soladat am Suez-Kanal im Juli 1956
          Ein ägyptischer Soladat am Suez-Kanal im Juli 1956 : Bild: AFP

          Ende der achtziger Jahre stürzte sich die Gruppe in ein Abenteuer, das sie beinahe ihre Existenz gekostet hätte. In einer bis dahin für europäische Verhältnisse beispiellosen Übernahmeschlacht setzte sie sich gegen den italienischen Industriellen Carlo de Benedetti durch und erwarb zu einem sehr hohen Preis die führende Industrie- und Finanzholding Belgiens, die Société Générale de Belgique (SGB). Die SGB hielt Beteiligungen unter anderem an führenden Banken, Versorgern und Minenunternehmen des Landes. Seit dieser Zeit besitzt Suez neben Frankreich mit Belgien eine zweite Heimat.

          Ruf eines miserabel geführten Investmentfonds

          Doch die Gruppe hatte sich mit der Übernahme der SGB übernommen, und eine sich anschließende tiefe Krise des Immobilienmarktes riss zusätzliche Löcher in die Kasse von Suez, dessen Führung hektisch Beteiligungen verkaufte, um liquide zu bleiben, aber gleichzeitig Milliardenverluste erlitt. Suez besaß nur mehr den Ruf eines miserabel geführten Investmentfonds.

          Im Sommer 1995 versuchten französische Großaktionäre in einer legendären Hauptversammlung, Suez-Präsident Gérard Worms zu stürzen. Ihr Ziel war die Gründung des zur damaligen Zeit größten Finanzkonzerns der Welt, bestehend aus Suez, der Großbank BNP und der (mittlerweile in der Axa aufgegangenen) Versicherung UAP. Der Putsch scheiterte, wenn auch nur knapp, Worms resignierte bald darauf, und es begann der Aufstieg des bis heute amtierenden Suez-Präsidenten Gérard Mestrallet, der sich wiederum auf den einflussreichen belgischen Großaktionär Albert Frère stützen konnte.

          Neues Gesicht für unüberschaubares Konglomerat

          Unter dem Druck Frères schaffte Mestrallet in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre Fakten und verwandelte das unüberschaubere Konglomerat in einen Versorger mit den Sparten Energie, Wasserversorgung, Umweltdienste und, damals das Modethema, Kommunikation. Hierfür kaufte und verkaufte Mestrallet Beteiligungen in jeweils zweistelliger Milliardenhöhe. Der Franzose trennte sich von zahlreichen Beteiligungen in der Finanzbranche, kaufte dafür Wasserversorger und fusionierte schließlich mit dem zweitgrößten französischen Wasserversorger Lyonnaise des Eaux. Innerhalb weniger Jahre erhielt Suez wiederum ein völlig neues Gesicht.

          Allerdings hatte sich Suez, wie andere Versorger, wieder einmal übernommen und zu viele Schulden angehäuft; außerdem zeigte sich in der Krise der „neuen Ökonomie“, dass mit der Kommunikation nicht viel Geld zu verdienen war. Mestrallet, dessen Stuhl damals bedenklich gewackelt haben soll, verkaufte wieder einmal Beteiligungen, unter anderem im Geschäft mit Wasser. Nunmehr setzte er auf die Energieversorgung und die Idee, Unternehmen und Kommunen neben Energie auch Wasser und Umweltdienste im Paket anzubieten.

          Strategisches Dilemma ungelöst

          Ein strategisches Dilemma konnte auch Mestrallet nicht lösen. Suez war in den vergangenen Jahrzehnten ein großes und meist auch ein respektables Unternehmen, aber niemals ein europäischer Branchenriese. Das galt für die Handelsbank Indosuez in den achtziger Jahren wie für den von Mestrallet geführten Versorger in der jüngeren Vergangenheit. Dass Suez nun in eine Fusion geht, kommt nicht überraschend. Es handelt sich um eine weitere Metamorphose eines Unternehmens, das sich nicht unterkriegen lässt.

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