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Gaza-Konflikt : Israel zwischen Krieg und Krise

Bild: F.A.Z.

Mit einiger Verzögerung hat die Wirtschafts- und Finanzkrise auch Israel getroffen. Der bewaffnete Konflikt in Gaza überdeckt derzeit noch die Folgen. Das Land hofft nun auf die Stärke seiner Hightech-Industrie.

          3 Min.

          Noch im November verbreitete die israelische Zentralbank Zuversicht. Während in Amerika und Europa Banken zusammenbrachen, schwärmte ihr Präsident Stanley Fischer davon, wie gut Israel dank seiner Hightech-Unternehmen gerüstet sei, um die Finanzkrise zu überstehen. Ein Wirtschaftswachstum von 2,7 Prozent hielt er für das neue Jahr für möglich. Wenige Wochen später musste auch er eingestehen: "Die Krise ist da", wertvolle Zeit sei zuvor verloren worden. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Gaza-Krieg noch nicht einmal begonnen. Ein Nullwachstum im vierten Quartal 2008 und 1,5 Prozent Wachstum 2009 befürchtet nun schon die Zentralbank. Im Finanzministerium ist von höchstens einem Prozent die Rede - nach 4,3 Prozent im Vorjahr und 5,4 Prozent 2007.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Dass die Kämpfe in Gaza teuer werden, steht schon heute fest. Das weiß man vom Libanon-Krieg gegen die Hizbullah im Sommer vor zwei Jahren. Damals schätzten Fachleute, dass Israel dadurch zwischen ein und 2 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts verliert. Heute entspräche ein Prozent 7 Milliarden Schekel, umgerechnet rund 1,32 Milliarden Euro. Die Militäraktion in Gaza trifft Israel nun aber härter: Anders als 2006 kann es nicht mehr auf kräftig steigende Steuereinnahmen und nach fünf Boomjahren gut gefüllte Kassen zurückgreifen.

          39 bis 52 Millionen Dollar für die Kampflugzeuge täglich

          Klar ist, dass die Kriegskosten jeden Tag steigen, besonders seit am vergangenen Samstag nach den Luftangriffen die Bodenoffensive begann. Die israelische Tageszeitung "Jediot Ahronot" schätzt, dass allein die Einsätze der Kampfflugzeuge jeden Tag mit 39 bis 52 Millionen Dollar zu Buche schlagen. Zudem hat Israel bis zu 10.000 Reservisten mobilisiert. Sie fehlen nicht nur an ihren Arbeitsplätzen. Auch ihr Einsatz ist teuer: Die Einberufung von zehntausend Reservesoldaten kostet pro Tag nach israelischen Presseberichten mindestens knapp eine Million Dollar.

          Zusätzlich wird die Regierung die Schäden zu tragen haben, die die Hamas-Raketen im Süden des Landes angerichtet haben. Bis zu 40 Kilometer weit reichen die neuen Geschosse der Islamisten. In diesem Umkreis ist das wirtschaftliche Leben weitgehend zum Erliegen gekommen; aus Sicherheitsgründen wurde dort die Bewegungsfreiheit der Zivilbevölkerung eingeschränkt.

          Schon vor Beginn der Militäraktion hatte sich abgezeichnet, dass die Streitkräfte 2009 mehr Geld brauchen. Mindestens 2 Milliarden Schekel zusätzlich waren dabei genannt worden. Doch für das kommende Jahr gibt es noch gar keinen Haushaltsplan: Seit Monaten durchlebt das Land eine politische Krise, die die Handlungsfähigkeit der Regierung lähmt, seit Ministerpräsident Ehud Olmert im Sommer seinen Rücktritt angekündigt hatte. Am 10. Februar soll nun ein neues Parlament gewählt werden.

          Defizitquote von bis zu 5 Prozent

          Eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Regierung wird sein, ein Budget vorzulegen. Heftige innenpolitische Auseinandersetzungen um die zurückgehenden Steuereinnahmen könnten dem vorangehen. Denn in Israel ist es gewöhnlich schwierig, Regierungsmehrheiten zustande zu bekommen. In Koalitionsverhandlungen verlangen besonders die religiösen Parteien oft einen hohen Preis. So scheiterten erst im Herbst Versuche der Außenministerin Zipi Livni, die ultraorthodoxe Schas-Partei in eine neue Regierung unter ihrer Führung zu holen, an den riesigen Kindergeldforderungen der Frommen. Ähnliches könnte im Februar wieder geschehen. Das Geld dafür fehlt aber schon heute: In Israel erwartet man eine Defizitquote von bis zu 5 Prozent. Um die Wirtschaft zu stützen, senkte die israelische Zentralbank Ende Dezember die Leitzinsen schon um 75 Punkte auf ein Rekordtief von 1,75 Prozent. In der israelischen Presse ist schon von einem Zinssatz von einem Prozent die Rede.

          Erste erkennbare Bremsspuren zeigen sich aber schon: Beim Export von polierten Diamanten verzeichnete das Land zum Beispiel 2008 einen deutlichen Rückgang: Um 11,8 Prozent ist er nach Regierungsangaben auf 6,24 Milliarden Dollar gesunken. Diamanten machen ein Fünftel der industriellen Ausfuhr Israels aus. Wichtige Ausfuhrgüter sind weiter landwirtschaftliche Produkte, längst nicht mehr nur die Jaffa-Orange, sondern auch Tomaten, Erdbeeren und Avocados. Stark gewachsen ist zuletzt auch der Export von biologisch angebautem Obst und Gemüse. Neben Rüstungsgütern spielt in Israel aber mittlerweile auch die Pharmaindustrie eine wachsende Rolle. Teva, der größte Hersteller von Nachahmermedikamenten auf der Welt, nimmt in letzter Zeit besonders den deutschen Markt ins Visier.

          Im "Silicon Wadi" wurde der USB-Speicherstick erfunden

          Große Hoffnungen setzt man in Israel in diesen Tagen auf die Hightech-Industrie, die sich bisher als robust erwies und sich auch in der Vergangenheit durch große Anpassungsfähigkeit auszeichnete. Außerhalb der Vereinigten Staaten hat Israel die größte Zahl der an der Technologiebörse Nasdaq registrierten Unternehmen. Mit 4,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts investiert kein Staat mehr in Forschung und Entwicklung. Zwischen Tel Aviv und Haifa ist - in Anspielung auf das kalifornische Vorbild - ein "Silicon Wadi" entstanden. Dort wurden zum Beispiel der USB-Speicherstick oder das erste Internettelefon erfunden. International nimmt das von gut sieben Millionen Menschen bewohnte Land auch den zweiten Platz nach Amerika unter den Start-up-Unternehmen ein. Die Zahl der Neugründungen könnte zwar nun etwas abnehmen. Aber israelische Fachleute hoffen, dass gerade solche zukunftsträchtigen Unternehmen ausländische Investoren auf der Suche nach sicheren Anlagemöglichkeiten anziehen könnten.

          Auf deutsches Interesse stoßen israelische Pläne, stärker die Sonnenenergie zu nutzen. Das baden-württembergische Unternehmen Bosch beteiligte sich im vergangenen Jahr zu 50 Prozent an der israelischen Esol Energy und kann sich offenbar ein stärkeres Engagement vorstellen. In den vergangenen Tagen war wieder eine Delegation in dem Land, in dem zumindest an Sonnenschein kein Mangel herrscht.

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