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Gastland der Buchmesse : Brasilien kämpft um seinen Fortschritt

  • -Aktualisiert am

Bei den Sozialprotesten stürmen im Juni Demonstrierende das Parlamentsgebäude in Brasilia Bild: AP

Das Gastland der Frankfurter Buchmesse hat bewegte Monate hinter sich: Sozialproteste und eine massive Kapitalflucht lähmten den Aufschwung. FAZ.NET zeigt Chancen und Probleme Brasiliens in Bildern und Grafiken.

          Erinnern Sie sich noch an Bilder wie dieses hier? Hunderte Brasilianer protestieren Mitte Juni vor und auf dem Parlamentsgebäude in Brasilia gegen Korruption, schlechte Infrastruktur und die Verschwendung öffentlicher Mittel. Das Volk steigt seinem Staat aufs Dach. Seitdem hat das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse vor allem an den Finanzmärkten für Schlagzeilen gesorgt. Viele ausländische Anleger haben Aktien und Anleihen aus den Schwellenländern verkauft, die brasilianische Währung hat stark an Wert verloren. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Eine Antwort: Die Strukturprobleme, die die Protestierenden beklagen, machen das Land auch für Investoren unattraktiver und senken seine Wettbewerbsfähigkeit:

          Für ein reiches Land sind diese Protestierenden auf die Straße gegangen – und für eines ohne Korruption. Häufige Bestechungsskandale erschüttern das Vertrauen in Politik und Verwaltung. Auf dem Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International landet Brasilien auf Rang 69 – irgendwo hinter Costa Rica und Ghana. Bilderstrecke

          Lange Jahre hielten sich all diese Probleme allerdings im Hintergrund. Denn Brasilien erlebte einen starken wirtschaftlichen Aufstieg, der schätzungsweise 35 Millionen Menschen aus der Armut befreite. Die aufstrebende Volkswirtschaft wurde zu einem Liebling internationaler Investoren. Auch wegen der andauernd niedrigen Renditen in den Vereinigten Staaten und in der Eurozone floss in den vergangenen Jahren viel ausländisches Kapital nach Brasilien. Doch große Teile der Bevölkerung haben den Eindruck, nicht von den Investitionen profitiert zu haben. Das „Ordem“ (die öffentliche Ordnung) in der Nationalflagge tritt für sie in den Hintergrund. Sie wollen endlich „Progresso“ (Fortschritt), wie dieser Facebook--Eintrag beispielhaft illustriert:

          Dass der wirtschaftliche Aufstieg Brasiliens so fragil geworden ist, hat zunächst zwei hausgemachte Gründe. Zum einen wurde aus Sicht vieler Analysten während des Booms zu viel konsumiert und zu wenig investiert. Die Sparquote der Brasilianer blieb trotz des steigenden Wohlstands konstant niedrig. Laut Internationalem Währungsfonds liegt der Anteil der Investitionen am Bruttoinlandsprodukt in Brasilien im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre nur bei rund 18 Prozent. In China sind es fast 50 Prozent. Zum anderen basierte der Erfolg auf dem Weltmarkt vor allem auf der Ausfuhr von Rohstoffen und billig hergestellten Produkten. An dieser Exportstruktur hat sich bis heute nichts geändert:

          Brasilien exportiert überwiegend Rohstoffe

          Auch Deutschland hat im vergangenen Jahr vor allem Erze und landwirtschaftliche Produkte aus Brasilien eingeführt. Doch der wichtigste Handelspartner Brasiliens ist China. Weil das dortige Wachstum an Schwung verloren hat, sind die Preise für Eisenerz, Kupfer und Co. zuletzt gesunken. Darunter leidet die brasilianische Exportwirtschaft bis heute. Zudem stagniert die Güternachfrage aus den Industrieländern, die mit Schulden- und Finanzkrisen zu kämpfen haben. Vor allem aber hatten die Gerüchte über eine allmähliche Wende der Geldpolitik die Hoffnung auf steigende Renditen in den Vereinigten Staaten genährt. Die Schwellenländer hatten vorübergehend an Attraktivität verloren. In der Folge hatten viele Investoren im laufenden Jahr Aktien und Anleihen aus Brasilien verkauft. Das lässt sich am brasilianischen Leitindex Bovespa ablesen. Gegenüber dem Jahresanfang liegt er fast 15 Prozent im Minus:

          Brasiliens Aktien und Währung haben seit Jahresbeginn kräftig an Wert verloren

          Die brasilianische Währung hatte im laufenden Jahr zwischenzeitlich ein Fünftel ihres Wertes (gemessen am Dollar) eingebüßt. Das blieb nicht ohne Folgen für die Realwirtschaft: Importe aus dem Ausland sind teurer geworden, die Verbraucherpreise weiter gestiegen. Es waren also nicht nur die Strukturprobleme, die die Schwäche auf dem Kapitalmarkt verschärft haben. Auch andersherum haben Kapitalflucht und Währungskrise die Unzufriedenheit im Volk verschärft. So steigt beispielsweise die Zahl der neuen Jobs in Brasilien so langsam wie seit zehn Jahren nicht mehr.

          Doch allmählich entspannt sich die Lage in der siebtgrößten Volkswirtschaft der Welt. Zunächst stützte die brasilianische Zentralbank den Kurs der Landeswährung mit einem Milliardenpaket gegen weitere Verluste ab. Zurückgreifen kann sie dabei auf enorme Währungsreserven. Allgemein bewerten Analysten die Banken des Landes als liquide und gut kapitalisiert. Die Währung stabilisierte sich zudem durch die Ankündigung der Zentralbank der Vereinigten Staaten, ihre lockere Geldpolitik vorerst fortzusetzen. Große Investitionen in Brasilien kündigten unter anderem die deutschen Autobauer Mercedes-Benz, Volkswagen und Audi an. Der Reichtum an Rohstoffen und die starke Binnennachfrage sind unschlagbare langfristige Standortvorteile. In vielerlei Hinsicht hat die herangewachsene Mittelschicht noch lange nicht genug.

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