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Gastbeitrag von Karl-Heinz Paqué : Gibt es doch Gesetze des Kapitalismus?

  • -Aktualisiert am

Monaco: Reichtum, soweit das Auge reicht Bild: Reuters

Vermögensforscher Piketty sieht die unausweichliche Spaltung der westlichen Gesellschaften. Doch enthält seine Analyse zwei Kardinalfehler. Kritisches zu einem Wirtschaftsbestseller.

          11 Min.

          Der neue Karl Marx! So etwa war die Reaktion der Öffentlichkeit, als Thomas Piketty sein Buch „Capital in the Twenty-First Century“ im März in englischer Übersetzung aus dem Französischen bei Harvard University Press vorlegte. Das fast 700 Seiten starke Opus erhielt zum Teil hymnische Kritiken und wurde binnen kurzer Zeit zum Bestseller, jedenfalls in den Vereinigten Staaten, wo in zwei Monaten 300.000 Exemplare davon verkauft wurden. In Kürze wird es auf Deutsch erscheinen. Der Autor, ein bis dahin nur in Fachkreisen bekannter französischer Volkswirt der École des hautes études en sciences sociales (EHESS) in Paris, wurde über Nacht zum Star der Printmedien und des Internets.

          Endlich jemand, so die Botschaft der Feuilletons, der die Gesetze des modernen Kapitalismus offenlegt – und zwar in jener zentralen Wirkung, die der etablierte Mainstream der Wirtschaftswissenschaft angeblich so gerne übergeht: den unerbittlichen Trend zur Spaltung der Gesellschaft in Reich und Arm. Dazu liefert er noch Vorschläge zur politischen Lösung des Problems: massive Erhöhung der Besteuerung des Wohlstands, und zwar in allen seinen Formen, vom Einkommen über das Vermögen bis zu den Erbschaften. Der Vergleich von Piketty mit Marx ist dabei absolut berechtigt und wohl auch vom Autor gewünscht. Der Titel des Buches erinnert explizit an „Das Kapital“, das Hauptwerk von Marx; die politischen Vorschläge sind ähnlich radikal wie bei Marx, wenn auch nicht ganz so revolutionär.

          Aber vor allem ist die methodische Vorgehensweise der beiden tief verwandt: Sie suchen im Kapitalismus unabänderliche Trends, Piketty allerdings als moderner Einkommens- und Vermögensforscher mit unendlich schärferen empirischen Instrumenten als seinerzeit Marx. Beide liefern einen Beitrag zu jener Kategorie von Wissenschaft, die der österreichische Philosoph Karl Popper als „historizistisch“ bezeichnete und scharf kritisierte. Allein der Versuch, eherne Gesetze der Geschichte zu identifizieren, war für den kritischen Rationalisten Popper unwissenschaftlich, denn es widersprach seiner Logik der Forschung, die auf den permanenten Versuch der Falsifikation von Hypothesen setzte und politisch der „Stückwerktechnologie“ den Vorzug vor radikalen Umgestaltungen gab, denen stets etwas Totalitäres anhafte.

          Dynamik des Kapitalismus

          Gerade darin mag allerdings die Faszination liegen, die das Denkmodell von Karl Marx jahrzehntelang ausübte und sich jetzt auch bei den ehernen Gesetzen des Thomas Piketty wieder zeigt. Denn bei Marx war es das bestechend einfache Gesetz der fallenden Profitrate, das die Dynamik des Kapitalismus beherrschte und dessen Niedergang erzwang. Bei Piketty ist es nichts als eine verblüffend einfache Ungleichheit. Sie lautet: die reale Kapitalrendite „r“ ist höher als die volkswirtschaftliche Wachstumsrate „g“ (für growth), also r>g. In der volkswirtschaftlichen Wachstumstheorie ist r>g keine Zauberformel, sondern eine fast selbstverständliche Annahme: In einer Welt, in der Menschen ungeduldig sind und lieber heute als morgen die Früchte ihrer Leistung konsumieren statt zu sparen, müssen sie von Investoren für ihren Verzicht entschädigt werden, und zwar über die reine Zuwachsrate der Wertschöpfung hinaus. Die Ungleichheit r>g ist also ein absolut plausibles Charakteristikum der wirtschaftlichen Realität, zumindest zu „normalen“ Zeiten.

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