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Gastbeitrag : Jugendarbeitslosigkeit hinterlässt lebenslange Narben

  • -Aktualisiert am

Spaniens junge Menschen demonstrieren Bild: AFP

Wer als junger Mensch lange arbeitslos ist, leidet noch Jahrzehnte später. Wer die Jugendarbeitslosigkeit in Europa bekämpfen will, braucht mehr Geld für Ausbildung, aber auch weniger Kündigungsschutz und Mindestlohn.

          3 Min.

          Die hohe Arbeitslosigkeit der Erwachsenen in Südeuropa ist ein schwerwiegendes Problem. Aber die Jugendarbeitslosigkeit - in Spanien nach den offiziellen Statistiken 56 Prozent - ist noch erschreckender, weil sie das gesamte Leben dieser heute jungen Menschen belastet.

          Bei der Interpretation der Arbeitslosenstatistik ist allerdings auf Missverständnisse hinzuweisen. Eine Quote der Jugendarbeitslosigkeit in Spanien von 50 Prozent besagt nicht, jeder zweite spanische Jugendliche sei arbeitslos. Denn ein Teil der Jugendlichen befindet sich noch in der Berufs- und Hochschulausbildung, steht mithin dem Arbeitsmarkt überhaupt nicht zur Verfügung. Bezieht man die Anzahl arbeitsloser Jugendlicher korrekterweise auf die Anzahl der Erwerbspersonen dieser Altersgruppe, also der Beschäftigten und Arbeitssuchenden, beläuft sich die Quote in Spanien auf rund 25 Prozent. Selbst diese Zahl ist erschütternd.

          Länger andauernde Jugendarbeitslosigkeit ist im späteren Verlauf des Erwerbslebens keine Schürfwunde, die schnell verheilt, sondern sie verbleibt als hässliche Narbe für das ganze Erwerbsleben (und darüber hinaus), also rund ein halbes Jahrhundert lang. Denn die Betroffenen haben zeitlebens geringere Arbeitsplatzchancen und tragen das Risiko niedrigerer Einkommen, wie zahlreiche internationale Studien, auch für Deutschland, belegen.

          Der Autor war bis Februar 2013 Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

          Folglich sind die sozialen und finanziellen Kosten der Jugendarbeitslosigkeit überdurchschnittlich hoch. Nicht nur besteht die Gefahr, dass diese Menschen in Kriminalität und Drogenabhängigkeit abgleiten. Die erforderlichen finanziellen Transfers schlagen ebenfalls erheblich zu Buche, wohlgemerkt: lebenslang, selbst im Alter.

          Bei der Problemanalyse liegt die Betonung auf länger andauernder Jugendarbeitslosigkeit, weil diese recht volatil ist. Denn zu Beginn eines Erwerbslebens wechseln Beschäftigte häufiger ihren Arbeitsplatz, gelegentlich mit kurzen Perioden von Arbeitslosigkeit dazwischen. Die jungen Arbeitnehmer möchten ihre eigenen Fähigkeiten in Erfahrung bringen und unterschiedliche Arbeitsplätze kennenlernen. Gefährlich wird es, wenn sich Jugendarbeitslosigkeit verfestigt.

          Daher liegen die wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen auf der Hand. Zunächst muss es darum gehen, das Entstehen einer verhärteten Jugendarbeitslosigkeit zu verhindern. In erster Linie stehen dabei die Bildungspolitik und das institutionelle Regelwerk auf dem Arbeitsmarkt im Blickfeld. Eine gute Ausbildung bietet immer noch den besten, wenngleich nicht perfekten Schutz vor Arbeitsplatzrisiken. Für Südeuropa bedeutet dies hauptsächlich, ein effektives Berufsausbildungssystem zu etablieren, wobei das hiesige System einer dualen Berufsausbildung durchaus als Orientierungshilfe dienen kann.

          Die institutionellen Rahmenbedingungen auf südeuropäischen Arbeitsmärkten müssen reformiert werden. Sie sollten eine hinreichende Einstellungsbereitschaft der Unternehmen allgemein, aber speziell für Jugendliche gewährleisten. Ein rigider Kündigungsschutz, etwa in Form beträchtlicher Abfindungszahlungen bei betriebsbedingten Entlassungen, steht dem ebenso entgegen wie ein gesetzlicher Mindestlohn, allemal ein hoher.

          Fit für den Aufschwung machen

          Vor solchen Beschäftigungsbarrieren sollten die Erfahrungen anderer Länder die Politik in Südeuropa, aber nicht nur dort, warnen. In Frankreich beispielsweise stieg die Arbeitslosigkeit geringqualifizierter Jugendlicher vor einigen Jahren stark an, nachdem der dortige gesetzliche Mindestlohn heraufgesetzt wurde.

          Diese Mahnung richtet sich genauso an hiesige Verfechter eines gesetzlichen Mindestlohns, selbst wenn dieser beschwichtigend „gesetzliche Lohnuntergrenze auf Vorschlag der Tarifvertragsparteien“ genannt wird. Was nützt den Jugendlichen, insbesondere den geringqualifizierten, ein ansehnlicher Mindestlohn, wenn ein solcher ihre Arbeitsplätze vernichtet?

          Diese Agenda zur Eindämmung künftiger Jugendarbeitslosigkeit umzusetzen ist zeitraubend und schwierig. Noch steiniger gestalten sich indessen wirksame Hilfen für die heutigen jugendlichen Arbeitslosen, ihrem Schicksal zu entrinnen. Sicherlich dürfte die erwartete wirtschaftliche Erholung in Südeuropa in den kommenden Jahren zur Linderung der Jugendarbeitslosigkeit dort beitragen.

          Insoweit ist es keine schlechte Strategie, wenn die betreffenden jungen Menschen fit für den Aufschwung gemacht werden. Dies könnte mit Hilfe spezieller, kurzfristig einzurichtender Ausbildungskurse in bestehenden Bildungseinrichtungen bewerkstelligt werden. Dabei sollte die Teilnahme an solchen Schulungen zur Voraussetzung eines Anspruchs auf Arbeitslosenunterstützung gemacht werden.

          Einstellungs-Gutscheine

          Hilfreich könnten darüber hinaus Gutscheine sein, die an jugendliche Arbeitslose verteilt werden, die länger als ein bestimmter Grenzwert ohne Erwerbsarbeit sind. Diese Voucher gewähren Unternehmen einen Geldbetrag, eventuell als Steuergutschrift, wenn sie den betreffenden arbeitslosen Jugendlichen einstellen und weiterbilden. Die zu Recht befürchteten Mitnahmeeffekte werden sich ohne eine abschreckende Bürokratie nicht ganz vermeiden lassen.

          Schließlich hilft eine internationale Mobilität von Arbeitskräften, obschon eingeschränkt. Zum einen kommt sie praktisch nur für gut ausgebildete Jugendliche in Frage. Zum anderen könnten diese ausgewanderten Jugendlichen später, wenn sie benötigt werden, in ihren Heimatländern fehlen. Allerdings ist die Rückkehrwilligkeit in die Heimat erfahrungsgemäß sehr hoch, so dass sich diese Sorge relativiert.

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