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Gasabhängigkeit : Europa ist nicht in Putins Hand

  • -Aktualisiert am

Russlands Bedeutung als Gas-Lieferant wüchse, wenn nach „Nord Stream“ auch „South Stream“ durch das Schwarze Meer nach Südosteuropa fertiggestellt wird Bild: dpa

Russland ist ohne Zweifel ein wichtiger Gas-Lieferant. Europa ist Moskaus Machthaber aber nicht ausgeliefert. Es sollte sich andere Lieferanten suchen. Und sparsamer mit Erdgas umgehen.

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          Charles Cunningham Boycott ist seit 116 Jahren tot. Längst wäre er vergessen, hätte er irische Landarbeiter nicht gegen sich aufgebracht. Weil Boycott den Pachtzins nicht senken wollte, weigerten sie sich, seine Ernte einzubringen. Die „Times“ erfand 1880 das „Boycotting“. Möglich, dass es durch den Krim-Konflikt zu neuen, zweifelhaften Ehren kommt.

          Der Boykott ist älter als sein Name: Napoleons Kontinentalsperre zählt dazu, auch die Versuche, Kuba vom sozialistischen Weg oder Syriens Machthaber vom Töten der eigenen Bürger abzubringen. Der Erfolg ist schwer zu messen. War es der Wirtschaftsboykott, der die Eliten Irans bewogen hat, in der Atomfrage nachzugeben?

          Reisen zu unterbinden, Bankkonten zu sperren, auf den Austausch von Gütern und Dienstleistungen zu verzichten sind die nächsten Schritte gegen Russland, wenn die Diplomatie kein Ergebnis findet. So haben es die EU-Staats- und -Regierungschefs als Antwort auf Putins Drohungen gegen die Ukraine skizziert.

          „Wandel durch Handel“

          In der Bundesrepublik war die Außenwirtschaft immer ein probates Mittel der Politik. Allerdings hatten ihre Diplomaten öfter das Zuckerbrot als die Peitsche in der Hand. Man konnte es sich leisten. Deutschland war reich, hatte eine starke Industrie. Die konnte Röhren auf Kredit an die Sowjetunion liefern, sich Stahl und Zinsen durch Erdgaslieferungen entgelten und die „Entspannungspolitik“ gedeihen lassen. Dem „Wandel durch Handel“ stand nicht entgegen, dass man zugleich eifrig dabei war, den Export von Hochtechnologie in die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten zu unterbinden.

          Auch heute können die Bundesregierung und die EU aus einer Position relativer Stärke agieren. Die Wirtschaftsbeziehungen mit Russland sind nicht von überragender Bedeutung. Beschränkungen der Lieferungen von Autos, Maschinen und Nahrungsmitteln wären bitter, aber wohl zu verkraften. Ob das auch für die Energielieferungen aus Russland gilt? Gut ein Drittel des in Deutschland verbrauchten Öls und Gases stammt aus Russland. Im Falle von Lieferausfällen dürfte der Ölpreis zwar steigen, die Versorgung angesichts hochliquider internationaler Märkte jedoch nicht gefährdet sein.

          Deutschlands Gasabhängigkeit

          Anders ist die Lage beim Gas. Denn der Gasmarkt ist nicht so flexibel und Deutschland hängt an der Pipeline. Das gilt allerdings auch für den Lieferanten in Moskau, dessen Staatshaushalt sich zu großen Teilen aus Gas- und Ölverkäufen speist. Boykotte sind eine zweischneidige Angelegenheit.

          Polens Ministerpräsident Donald Tusk behauptet, Deutschlands Gasabhängigkeit könne „die Souveränität Europas ernsthaft begrenzen“. Damit ist er übers Ziel hinausgeschossen. Tusk will Merkel zu einer harten Haltung gegenüber Putin zwingen. Aus ihm spricht aber auch der Frust der Polen über die deutsche Klima- und Energiepolitik.

          Auf kurze Sicht würde eine Unterbrechung der Gaslieferungen kaum schaden. Die Speicher sind gut gefüllt. Drehte Gasprom wie 2009 der Ukraine den Hahn ab, träfe das den Westen nicht mehr so stark. Wachsende Gasmengen werden durch die Ostseeleitung gepumpt. Würde auch sie gekappt, was bisher nie geschah, würde die Lage schwierig – und das russisch-europäische Verhältnis auf Jahre schwer geschädigt.

          Andererseits könnten europäische Förderländer wie die Niederlande, Großbritannien und vor allem Norwegen ihre Produktion erhöhen. In Amerika wird erwogen, das dort billig durch „Fracking“ produzierte Gas auf den Weltmarkt zu werfen und verflüssigt per Schiff nach Europa zu bringen. Steigende Preise würden bald neue Produzenten nicht nur für Flüssiggas an den Markt bringen und die Versorgung Europas mittel- und langfristig auf neue, stabile Beine stellen. Schon heute sind die Flüssiggas-Kapazitäten in EU-Häfen beachtlich, die Ausbaupläne groß. Europa ist nicht in Putins Hand, es muss sich nicht mit sibirischem Gas erpressen lassen.

          Russland ist ohne Zweifel ein wichtiger Lieferant. Seine Bedeutung wüchse, wenn nach „Nord Stream“ auch „South Stream“ durch das Schwarze Meer nach Südosteuropa fertiggestellt wird. Die EU sollte das Projekt nicht fördern, will sie ihre Abhängigkeit nicht ausweiten und Russland weitere Möglichkeiten zur Erpressung auch der Ukraine liefern.

          Sparsamer Umgang und neue Anreize sind wichtig

          Stattdessen sollten die Bemühungen um Gasbezüge aus alternativen Quellen intensiviert werden. Dazu gehören Staaten in Nordafrika, am Kaspischen Meer, Iran, der Irak, die schwerlich als nach westlichen Vorstellungen demokratisch bezeichnet werden können. Allerdings fehlt ihnen das imperiale Machtgehabe, das derzeit auf der Krim zu beobachten ist.

          Jede Strategie zur Diversifizierung der Lieferanten ist unvollständig, solange mit Energie nicht sparsamer umgegangen wird. Dazu gehören Anreize für die energetische Gebäudesanierung ebenso wie die Versuche, überschüssigen Windstrom in synthetisches Gas umzuwandeln. Auch die Ausbeutung heimischer Lager durch Fracking muss im Lichte einer unsicheren Versorgung neu bedacht werden.

          Der Boykott der irischen Landarbeiter war übrigens erfolgreich: 1881 erging ein Pachtgesetz, das ihnen faire Bedingungen zusicherte.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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