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G-20-Treffen in Sydney : Worüber die wichtigsten Wirtschaftsmächte streiten

Beeindruckendes Ambiente: Die Welt zu Gast in Sydney Bild: Bloomberg

In Sydney treffen sich die führenden Volkswirtschaften des Planeten. Großes Thema ist Amerikas Geldpolitik. Berlin steht hier auf der Seite der Vereinigten Staaten. In einer anderen bedeutenden Frage nicht.

          3 Min.

          Die Front der Schwellenländer bröckelt. An dem zweitägigen Treffen der Finanzminister und Notenbankgouverneure der Gruppe der zwanzig wichtigsten Wirtschaftsnationen (G20), das an diesem Samstag in Sydney beginnt, nehmen die beiden Minister Südafrikas und Mexikos nicht teil. Damit werden die Schwellenländer federführend von China und Indien vertreten werden.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Sie werden die amerikanische Geldpolitik und die Turbulenzen an den Finanzmärkten der Wachstumsländer zum großen Thema machen. Schon vor der Konferenz haben China und Indien den Druck auf die amerikanische Zentralbank erhöht, ihre Geldpolitik stärker an globalen Bedürfnissen auszurichten. Auch Südafrikas Finanzminister Pravin Gordhan kritisierte die Verringerung der amerikanischen Anleihekäufe scharf, weil dadurch über Nacht Kapital aus seinem Land abgeflossen sei.

          Im Gegensatz zum vergangenen Sommer herrscht diesmal ein klarer Dissens zwischen den G20-Staaten: Damals war für jeden ersichtlich, dass die Federal Reserve mit den ersten Andeutungen einer Verringerung ihrer Anleihekäufe die Finanzmärkte verschreckte und die langfristigen Zinsen steigen ließ. Im G-20-Kommuniqué von St. Petersburg fand sich als indirekte Kritik an Amerika der Verweis, die Notenbanken würden die Normalisierung der Geldpolitik „sorgsam kalibrieren und klar kommunizieren“. Diese zumindest ähnliche Sicht der Dinge ist nun dahin.

          Berlin unterstützt Amerika

          Die Vereinigten Staaten betonen, dass sie wie im G20-Kreis vereinbart ihre Geldpolitik an den nationalen Erfordernissen ausrichteten. Die neue  Fed-Vorsitzende Janet Yellen, die erstmals in ihrer neuen Funktion an dem Treffen in Sydney teilnehmen wird, vertritt zudem die Linie, dass eine schrittweise Straffung der Geldpolitik als Folge einer stabileren Wirtschaftserholung in Amerika auch den Schwellenländern dienen werde.

          Amerika steht mit dieser Sicht der Dinge unter den Industriestaaten nicht allein: Deutschland unterstützt die Washingtoner Lesart. „Wir werden dafür eintreten, dass man sich dieser Normalisierung nicht entgegenstellt und nicht den unabhängigen Notenbanken hineinredet“, hieß es in Berlin in Regierungskreisen. Auch wenn nun Klagen über die Sogwirkung der amerikanischen Geldpolitik nicht zu überhören sind, plädiert man im Umfeld der Bundesregierung dafür: „Jeder muss sehen, dass seine Politik zu Hause robust genug ist, um mit den weltpolitischen Veränderungen zurechtzukommen.“

          Aus dem kanadischen Finanzministerium verlautet mit indirektem Verweis auf die Schwellenländer, alle Länder müssten sich im „großen Übergang“ hin zu normaleren Verhältnissen anpassen. Es gehe um mehr als nur darum, dass die amerikanische Notenbank weniger Anleihen kauft. Als Negativbeispiel gilt Argentinien: Das Land leidet derzeit unter erheblichen Wirtschaftsproblemen – doch macht man in den Reihen der Industrieländer dafür die Regierung in Buenos Aires verantwortlich. Länder wie Brasilien, Indien und Türkei hätten in Sydney die Chance zu erklären, wie sie für mehr Stabilität sorgen wollten.

          China versucht angeschlagenes Vertrauen zurückzugewinnen

          In einer anderen Frage liegt Deutschland hingegen mit den Vereinigten Staaten über Kreuz: Die Bundesrepublik stemmt sich gegen die nicht zuletzt von Washington befeuerte Idee, feste Wachstumsziele für jedes Land zu vereinbaren. „Da sind wir äußerst skeptisch, das ist doch eher eine antiquierte Form der Wirtschaftsplanung“, sagte ein Regierungsvertreter in Berlin. Stattdessen dürfte Finanzminister Wolfgang Schäuble in Sydney abermals darauf pochen, dass die G20-Länder wie versprochen ihre Staatsschulden nachhaltig konsolidieren.

          Dahinter steckt der Vorwurf der Vereinigten Staaten gegenüber Deutschland, die größte Volkswirtschaft Europas tue zu wenig für die wirtschaftliche Erholung der Währungsunion. Und sie belaste mit ihren hohen Leistungsbilanzüberschüssen auch die Weltwirtschaft insgesamt.

          Zumindest hinter den Kulissen wird es in Sydney auch um die Lage in China gehen. Die chinesische Delegation, zu der auch Spitzenbanker zählen, versucht schon, angeschlagenes Vertrauen zurückzugewinnen. Wang Hongzhang, Vorsitzender des Verwaltungsrates der China Construction Bank, versicherte dem australischen Notenbankgouverneur Glenn Stevens, dass China mit seinen Schattenbanken fertig werde. „Die Risiken sind begrenzt und auch wenn in Zukunft noch mal ein Problem auftritt, wird es sich im Rahmen halten“, sagte Wang.

          Westliche Analysten schätzen das Marktvolumen der chinesischen Schattenbanken – hinter denen sich die außerbilanziellen Geschäfte von Staatsbanken wie etwa der China Construction Bank verbergen – freilich auf einen Betrag zwischen 2,2 und 4,4 Billionen Euro. Wohl auch, um von den Schwächen des eigenen Systems abzulenken, wird auch China in Sydney die Politik der Amerikaner angreifen. „Wir würden gerne die Verbindungen der Notenbanken untereinander stärker nutzen, damit die negativen Auswirkungen der Politikwechsel verringert werden“, sagte Huang Wei von der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften mit Blick auf die amerikanische Geldpolitik.

          Nahezu wortgleich hatte dies zuvor schon der indische Notenbankgouverneur gefordert. Damit könnte in Sydney ein Schulterschluss der Chinesen und Inder zustande kommen, der schon in Umweltfragen die Politik des Westens bremste.

          Der Ärger großer Schwellenländer im G20-Kreis über Amerikas Geldpolitik mischt sich mit der Empörung, dass der Kongress in Washington immer noch nicht der Quotenreform und Kapitalerhöhung für den Internationalen Währungsfonds (IWF) zugestimmt hat. Amerikas Votum ist notwendig, damit die Reform kommt. Schon 2010 hatte die G20 sich darauf verständigt, um den Einfluss der Schwellenländer im IWF zu stärken. Die amerikanische Regierung betont im Vorfeld der G20-Tagung ihren starken Willen, die IWF-Reform voranzubringen. Vor der Kongresswahl im November aber rechnet in Washington niemand mehr damit. Teilnehmer der G20-Runde erwarten, dass es in Sydney zu einer „konstruktiven Empörung“ kommt.

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