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Fund in Schwabing : Kunstwerke im Wert von 10 Milliarden Euro gesucht

Nach dem spektakulären Fund erstklassiger Kunstwerke in einer Münchner Wohnung brodelt es im Kunstmarkt. Warum haben die Behörden zweieinhalb Jahre geschwiegen?

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          Der Fund ist sensationell, das Aufsehen riesig: Seitdem bekannt ist, dass die Behörden in der Münchner Wohnung des Sohnes eines bekannten Kunsthändlers aus der Nazizeit anderthalbtausend teilweise erstklassige Kunstwerke beschlagnahmt haben, halten die Händler auf dem internationalen Kunstmarkt den Atem an. Denn es ist nicht nur der bislang spektakulärste Fund seiner Art, mit einem Wert von einer Milliarde Euro.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Für Staunen sorgt auch die Nachricht, dass er zweieinhalb Jahre unter Verschluss geblieben ist.

          „Skandal unglaublichen Ausmaßes“

          „Das ist ein Skandal unglaublichen Ausmaßes“, sagt der renommierte Berliner Kunstanwalt Peter Raue, der bereits viele Raubkunstfälle bearbeitet hat. Dadurch seien die Werke den ursprünglichen Eigentümern vorenthalten worden. Anne Weber von den britischen Kunstraubverfolgern Looted Art in Europe sagt: „Man muss sich fragen, warum die Behörden in Bayern seit mehr als zwei Jahren nichts gesagt haben.“ Nach Einschätzung von Anwalt Raue hätten die Werke sofort ins Internet gestellt werden müssen, schon um zu verhindern, dass sie unerkannt in Auktionen verkauft werden können.

          Die zuständige Staatsanwaltschaft rechtfertigt das Vorgehen der Behörden mit einen Verweis auf das Steuergeheimnis – das freilich auch schon in unbedeutenderen Konstellationen weniger Beachtung fand. Dabei sei der spektakuläre Fund auch ein Zeichen in die Branche hinein, dass knapp sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges das Kapitel Raub- und Beutekunst der Nazis noch lange nicht beendet sei, erklärt Friederike Schwelle vom britischen Art Loss Register, der größten Datenbank für verlorene oder gestohlene Kunstwerke in der Welt. Die Datenbank der Briten umfasst derzeit mehr als 400.000 verschwundene Kunstwerke. Davon könnten rund 100.000 Werke auf die Raub- und Beutezüge der Nationalsozialisten zurückgeführt werden. Der materielle Wert allein dieser Objekte beläuft sich auf mehr als 10 Milliarden Euro.

          Institutionen wie das britische Art-Loss-Register oder die deutsche Lost-Art-Datenbank haben sich dem Aufspüren, der Registrierung und der Veröffentlichung von geraubten, gestohlenen und entwendeten Kunstwerken verschrieben. Das soll dem Handel mit Kunst mehr Sicherheit geben. Auf den internationalen Kunstmärkten werden jedes Jahr mehr als 45 Milliarden Euro erlöst. Nach Angaben der amerikanischen Bundespolizei FBI wird jedes Jahr Kunst im Wert von 8Milliarden Dollar gestohlen.

          Einen der größten Raubzüge der Geschichte starteten 1933 die deutschen Nazis. Sie stahlen vor dem Krieg jüdische Kunstsammlungen, räumten zu Kriegszeiten in Europa ganze Museen leer und trieben viele Besitzer zu Zwangsverkäufen zu Niedrigstpreisen. Die öffentliche Hand in Deutschland hatte sich Ende der neunziger Jahre verpflichtet, die Schäden so weit wie möglich wieder gut zu machen. Dafür hatte Berlin 1998 die sogenannte Washingtoner Erklärung unterzeichnet. Sie sei eine nicht rechtlich bindende Übereinkunft, die einst von den Nazis beschlagnahmten Kunstwerke zu identifizieren, deren Vorkriegseigentümer oder Erben ausfindig zu machen und mit ihnen eine „faire Lösung“ zu finden, berichtet Uwe Hartmann von der Provenienzrecherche der Staatlichen Museen zu Berlin. „Die Direktoren der deutschen Museen stehen da voll dahinter.“ Für Privatpersonen gelte das Abkommen allerdings nicht.

          Die 2011 in München entdeckten Werke befanden sich in der Wohnung von Cornelius Gurlitt, dem hochbetagten Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt. Dieser war einer von vier Händlern, welchen die Nazis die Erlaubnis erteilt hatten, mit sogenannter „Entarteter Kunst“ zu handeln. Für Werke des Expressionismus und Impressionismus wurden in den vergangenen Jahren Preise im zwei- und dreistelligen Millionenbereich erzielt.

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