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Für ein neues Image : China kauft ein

Der Putzmeister-Deal zeigt: Jetzt kauft die Volksrepublik strategisch ein. Bild: dapd

Die Chinesen sind ihr Billig-Image leid und schmücken sich nun mit deutschen Weltmarktführern. Zu jedem Preis. Wie China aufholt, zeigen eine Reportage und eine interaktive Grafik.

          6 Min.

          Norbert Scheuch, 52 Jahre, Porsche-Fahrer, verheiratet, zwei Kinder, lernt jetzt Chinesisch. Der Mann führt die Geschäfte des Betonpumpenherstellers Putzmeister aus Aichtal bei Stuttgart, und der deutsche Eigentümer hat die Firma vor kurzem an die Chinesen verkauft. Scheuch hat nun einen neuen Chef. Alle vier Wochen fliegt er nach Changsha.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          „Ein chinesisches Dorf mit sieben Millionen Einwohnern“, sagt Scheuch, er grinst. In Changsha ist der Winter mild und der Sommer schwül. Die Stadt ist reich an Superlativen. Der berühmteste Chinese aller Zeiten hat hier studiert, Mao. In Changsha befindet sich das größte Restaurant der Welt. Und die Villa des reichsten Chinesen: Liang Wengen, Eigentümer von vier Maybach-Limousinen, einem Hubschrauber und dem Betonpumpenhersteller Sany. Auf elf Milliarden Dollar wird Liangs Vermögen geschätzt. Jetzt hat er Putzmeister gekauft. Der reichste Chinese ist der neue Chef von Norbert Scheuch.

          Scheuch sitzt in seinem Büro in Aichtal und guckt ins Schulheft. Auf dem Cover ist ein kleiner Panda aufgedruckt, der ein rosafarbenes Handy in der Pfote hält. Zum Telefonieren reicht Scheuchs Chinesisch noch nicht. Er ist jetzt „Executive“ von Sany, als erster Europäer in einem chinesischen Konzern. Wenn Scheuch am Vorstandstisch in Changsha sitzt, wird übersetzt. Im Mandarin gibt es mehr als 400 Silben, die auf vier verschiedene Arten betont werden können. Scheuch lernt lieber erst mal Zahlen. „Ér“ ist einfach, das heißt Zwei. Und zwei Milliarden? Scheuch überlegt.

          Zwei Milliarden Euro als Ziel

          Als Scheuchs neuer chinesischer Chef mitsamt Sohn, einem Harvard-Studenten, und dem Rest der Entourage in Aichtal aufkreuzte, gab der Chinese dem Deutschen die zwei Milliarden Euro als Ziel vor. Für so viel Geld soll Putzmeister künftig Betonpumpen verkaufen, spätestens im Jahr 2016 soll die Marke durchbrochen sein, diktierte Liang den Journalisten in den Block. Scheuch dachte, er habe sich verhört. Derzeit liegt sein Umsatz bei einem Viertel der Summe. Selbst wenn sämtliche Putzmeister-Konkurrenten augenblicklich ihr Geschäft einstellen und an die Aichtaler abtreten würden, käme Scheuch nur auf 1,2 Milliarden Euro. So groß ist der Weltmarkt für Betonpumpen. „Die Erwartungen von Herrn Liang sind sehr euphorisch“, lächelt Scheuch.

          Diese Chinesen. Als Scheuch in Changsha über den Deal verhandelte, fragten sie nicht viel und kutschierten den Deutschen in einem der Maybachs herum. Scheuch zeigt ein Fotobuch: ein Gang in der Mitte der Sany-Fabrik, „ein Kilometer lang, 200 Meter breit“. Im Gang liegt ein roter Teppich. Links und rechts vom Teppich stehen 300 Anzugträger Spalier. Sie klatschen. In der Mitte: der Deutsche.

          Norbert Scheuch

          Als die Chinesen nach Deutschland kamen und in Frankfurt den Kaufpreis festzurrten, wollten sie noch nicht mal Scheuchs Bücher sehen. Stattdessen warf Scheuch ein paar Charts auf den Bildschirm. Eine gute halbe Milliarde Euro überwies Sany an den Putzmeister-Eigentümer, es ist die zweithöchste Summe, die je ein chinesisches Unternehmen für ein deutsches gezahlt hat. Der Deal war einer der wichtigsten für China überhaupt, und die Chinesen brachten noch nicht mal Anwälte mit, die prüften, ob Putzmeister Leichen im Keller hat. „Die wollten uns unbedingt“, sagt Scheuch.

          Der Beton aus China

          Auf dem Hof führt er eine seiner Betonpumpen vor. Wie ein Zollstock liegen die Rohre zusammengeklappt auf dem Lkw. Ausgefahren, drücken sie den Beton 60 Meter in die Höhe - hilfreich beim Bau von Wolkenkratzern. Bei der Fukushima-Katastrophe spritzten Putzmeister-Pumpen Wasser auf den Reaktor, so wie einst in Tschernobyl. Mit Lkw kann eine Putzmeister-Pumpe schnell mal 850.000 Euro kosten. Gelb-Rot sind die Gestänge lackiert. Die von Sany ebenso.

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