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Fünf Jahre nach der Lehman-Pleite : Der Steuerzahler haftet noch immer für die Banken

Stattdessen setzen die Regierungen auf eine Regulierungswut, um die Banken zu stabilisieren. Das schlägt sich in nationalen Einzelregelungen nieder. Damit besteht wie vor der Finanzkrise die Gefahr einer „Regulierungsarbitrage“. Riskante Geschäfte werden auf Standorte ausgelagert, wo die Vorschriften deutlich großzügiger sind - zum Beispiel in Steueroasen.

Die Finanzwelt ist nicht mehr dieselbe

Zu dem Geflecht an nationalen Einzelregelungen tragen auch die Trennbankengesetze in Deutschland oder Frankreich bei. So nachvollziehbar der Wunsch ist, die Kundeneinlagen von den Risiken des Kapitalmarktgeschäfts abzuschirmen, so schwierig wird die Definition, was ein riskantes Bankgeschäft ist und was nicht. Eine Bank, die ihre Kundeneinlagen anlegen muss, geht auch Kapitalmarktrisiken ein, nicht nur die Investmentbank. Selbst der einfache Kredit stellt eine Wette auf die künftige Zahlungsfähigkeit des Schuldners dar. Dass Großbanken wie etwa die Deutsche Bank, die sowohl im klassischen Kundengeschäft als auch im Investmentbanking tätig sind, höhere Risiken aufweisen als spezialisierte Institute, hat die Finanzkrise nicht gezeigt. Die Hypothekenbank HRE war in Deutschland der größte Stützungsfall, und Lehman war eine klassische Investmentbank. Statt das Geschäftsmodell diktieren zu wollen, sollte sich die Politik auf international einheitliche Spielregeln konzentrieren, um Regulierungsarbitrage und Wettbewerbsverzerrungen Schranken zu setzen.

Fünf Jahre nach Lehman fällt das Zwischenfazit zwar ernüchternd aus. Doch die Finanzwelt ist nicht mehr dieselbe wie zuvor. Die großen Banken haben ihr Kapital seitdem um 500 Milliarden Euro erhöht, wie der die G-20-Regierungen beratende Finanzstabilitätsrat (Financial Stability Board; FSB) dem Gipfel in St. Petersburg berichtete. Mit mehr Eigenkapital können sie mehr Verluste tragen. Die Banken sind gezwungen, einzelne Geschäftsbereiche kritischer zu beurteilen. Das zeigt der Ausstieg der Schweizer UBS aus dem Anleihehandel. Denn bestimmte Geschäfte, erst recht die riskanten, rechnen sich nicht mehr, wenn dafür mehr Kapital vorgehalten werden muss.

Der Prozess der Selbstreinigung

Schließlich haben die Banken nicht nur das Vertrauen in der Öffentlichkeit verloren, sondern auch dort, wo sie sich zu Hause fühlen: am Kapitalmarkt. EZB-Direktor Asmussen wies neulich darauf hin, dass große und komplexe Banken in Europa an der Börse nur noch mit einem Kurs-Buch-Verhältnis von gut 0,5 bewertet werden. Der Börsenwert ist nur noch halb so hoch, wie die Bank ihr Eigenkapital in der Bilanz ansetzt. Entweder die Investoren vermuten weitere Risiken oder sie misstrauen der Ertragskraft. Das zwingt die Banken, ihre Risiken zu reduzieren oder ihr Eigenkapital zu erhöhen. Unter den Banken, die gegenwärtig an der Börse am höchsten bewertet werden, befinden sich mit der amerikanischen Wells Fargo und der britisch-asiatischen HSBC zwei Institute, die stark im klassischen Einlagen- und Kreditgeschäft verankert und weniger im Investmentbanking tätig sind. Druck erzeugt auch der Anleihemarkt, wo sich die Banken finanzieren. Intransparente Bilanzen und eine hohe Verschuldung verteuern die Finanzierungskonditionen.

Zwischen Vertrauensschwund und niedrigen Börsenbewertungen besteht ein klarer Zusammenhang. Das räumt auch der Ko-Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Jain, ein. Die Renditejagd vor Lehman hat in die Irre geführt: Fehleinschätzungen der Risiken und Boni-Exzesse waren die Folgen. Engere Leitplanken der Politik und der Aufseher müssen den Prozess der Selbstreinigung in Gang setzen. Dieser hat mit dem Gesundschrumpfen der Bilanzen begonnen. Aber die Banken müssen daran festhalten. Das werden sie nur tun, wenn sie der Wettbewerb um Investoren und Kunden dazu zwingt. Deren Vertrauen kommt zu Fuß und flüchtet zu Pferd.

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