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Frühkindliche Förderung : Mehr Bildung für die armen Babys

Sich früh um die Kinder zu kümmern ist nicht nur gerechter - es ist auch effizienter Bild: Hagmann, Roger

Kinder aus armen und bildungsfernen Familien haben kaum Aufstiegschancen. Den ganzen Tag vor dem Fernseher, ohne Zuwendung und Förderung. Später drohen Unglück, Armut, Drogen und Kriminalität. Es sei denn, man kümmert sich schon im Krabbelalter um sie. Später ist zu spät - und zu teuer.

          Der Skandal beginnt mit der Geburt: Ungefragt purzeln wir ins Leben, finden uns in einer Umgebung vor, die wir uns selbst nicht ausgesucht hätten, und kommen mit guten oder weniger guten Genen in reichen oder armen Ländern zur Welt. Selbst wer in einem reichen Land wie Deutschland geboren wird, kann das Pech haben, in armen und verwahrlosten Familien aufzuwachsen - falls überhaupt so etwas wie eine Familie da ist.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Den ganzen Tag vor dem Fernseher, ohne Zuwendung und Förderung von Eltern oder Erziehern, so muss man sich das vorstellen. Meist ist dann schon alles für das weitere Leben zu spät: Unglück, Armut, Drogen und Kriminalität drohen. Häufig wird daraus ein Teufelskreis ohne Ausweg.

          Nicht erst mit der Geburt des Menschen beginnt die Ungleichheit. Das genetische Programm ist maßgebend (siehe dazu auch: Sei nett zum Kind, das nützt seinen Genen). Am Anfang des Lebens wird das Meiste grundgelegt, was später passiert. Das wusste schon Sigmund Freud. Jetzt erinnern sich auch die Wirtschaftswissenschaftler an den Erfinder der Psychoanalyse. „Die frühen Lebensumstände prägen das ganze spätere Leben“, sagt James Heckman, ein Ökonom aus Chicago: „Spätestens mit 18 Jahren hat sich die Hälfte der Ungleichheit aller aufs Leben gerechneten Einkünfte entschieden.“

          Neugierde wecken - schon bei Babys

          Früher fördern ist billiger

          Heckman, der im Jahre 2000 einen Nobelpreis für seine Forschungen zum Arbeitsmarkt erhielt, hat sich seit ein paar Jahren ganz der Bildungsökonomie gewidmet und zusammen mit Psychologen und Pädagogen das Geheimnis von Lebenszufriedenheit und -erfolg erforscht.

          Seine provokante These: Je früher im Leben wir vom Schicksal benachteiligte Kinder fördern, desto größer ist die Aussicht auf Erfolg. Und desto billiger wird es für die Gesellschaft (siehe Grafik). Umgekehrt: Je später wir uns um die Entwicklungschancen von Menschen kümmern, desto teurer wird es - und umso aussichtsloser.

          Es geht um nichts Geringeres als darum, die größte Ungerechtigkeit der praktizierenden Marktwirtschaften abzuschaffen: Kinder aus armen und bildungsfernen Familien können sich noch so anstrengen. Sie kommen nicht nach oben. Dieser Befund ist nachgewiesen für die Vereinigten Staaten. „Doch in Deutschland ist das Problem sogar größer als in Amerika“, sagt der Münchener Bildungsökonom Ludger Wößmann. In kaum einem anderen Land bestimmt der familiäre Hintergrund die schulischen Leistungen so stark wie hierzulande, bestätigen Timss, Pisa und andere internationale Untersuchungen. Dazu kommt, dass in Deutschland formale Abschlüsse zentral für den Einstieg in die Karriere sind, während andere Länder auch mal Quereinsteigern eine Chance geben.

          Wer sich erst spät um benachteiligte Kinder kümmert, vergeudet seine Mühe

          Die soziale Herkunft entscheidet in Deutschland über Zukunftspläne, bestätigt der Pädagoge Klaus Hurrelmann in der „Worldvision-Kinderstudie“: „Haben Eltern selbst einen niedrigen Bildungsgrad, gelingt auch den Kindern selten ein höherer Schulabschluss. Mehr noch: Sie wagen kaum, ihn anzustreben.“ Diese Kinder sind schon entmutigt, bevor ihre Bildungslaufbahn richtig beginnt. Nur jedes fünfte Unterschichtkind nennt das Abitur oder das Gymnasium als Bildungsziel, aber jeder zweite Schüler insgesamt. Drei Viertel aller Oberschichtkinder halten sich für gute bis sehr gute Schüler, aber nur jeder vierte Spross der Unterschicht.

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