https://www.faz.net/-gqe-6rol8

Friedrich Merz : Der Mann mit dem Bierdeckel ist wieder da

  • -Aktualisiert am

Friedrich Merz in Stuttgart, als Stargast auf dem Empfang der Börse am vorigen Mittwoch Bild: Rainer Wohlfahrt

Friedrich Merz ist der Held der verunsicherten Wirtschaftsliberalen. In jüngster Zeit sendet er vermehrt Signale, er stünde für ein Comeback in der Union bereit, falls er gerufen wird. In Stuttgart verzückt er seine Stammklientel.

          3 Min.

          Die dunklen Anzüge stehen in der Stuttgarter Abendsonne Schlange. Draußen ist Altweibersommer, drinnen Börsenempfang: Dieses Mal mit Jubiläum (150 Jahre Börse Stuttgart) und einem Stargast von außerhalb: Friedrich Merz, eigentlich Aufsichtsrat der Konkurrenz, der großen Börse in Frankfurt.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Macht nichts, sagt der Gastgeber, Christoph Lammersdorf, und begrüßt freudig den „Herrn Rechtsanwalt Friedrich Merz“. Er sagt nicht: der Politiker Friedrich Merz. Das ist vorbei. Wirtschaftskanzlei, Vorsitzender der Atlantik-Brücke, diverse Aufsichtsmandate, zählt Lammersdorf als Tätigkeiten des Gastes auf. Durch die Berliner Politik geistert der ehemalige CDU/CSU-Fraktionschef nur als Gespenst, als der verlorene Held, der die enttäuschten und versprengten Wirtschaftsliberalen in und außerhalb der Union wieder einsammeln könnte, womöglich in einer neuen Partei, der von Politstrategen bis zu 20 Prozent Wählerstimmen zugetraut würden. Falls Merz je ernsthaft mit dem Gedanken gespielt hat, dann hat er ihn verworfen: In jüngster Zeit sendet er vermehrt Signale, er stünde für ein Comeback in der CDU bereit – falls er denn gerufen wird.

          So sicher, wie aus dem Kanzleramt niemand rufen wird, so entschlossen ist die Zustimmung in Stuttgart, hier bekäme er für jedes Amt – außer Papst – eine Mehrheit: 400 Köpfe Kernklientel stehen vor der Bühne; Banker und Wirtschaftsprüfer, Manager und Mittelständler, vom kleinen Krauter bis zum ausgewachsenen Milliardär.

          „Klare Gedanken, brillante Rhetorik“, lobt ein Banker

          Honoratioren-Schwäbisch tönt durch den Raum, trotzdem ist es ein Heimspiel für den Sauerländer Merz, den Mann mit dem Bierdeckel – das Stichwort muss Gastgeber Lammersdorf nur andeuten, schon hat er seine erste Pointe.

          „19.15 Uhr: erste Lacher“, vermerkt das Protokoll. Falsch, Merz redet ja nicht im Bundestag, sondern im Saal der „Boerse Stuttgart Holding GmbH“. Die Euro-Krise, die er hartnäckig Staatsschuldenkrise nennt, ist sein Thema. Wie es weitergeht, wollen die Leute von ihm wissen. Zu seiner persönlichen Zukunft, so viel sei vorausgeschickt, sagt Merz nichts. Dabei ist die Sehnsucht nach einem wie ihm mit Händen zu greifen, gerade hier in Baden-Württemberg: Erst im Frühjahr die historische Schmach gegen die Grünen, dann im Sommer der Aufstand der Alten, angeführt von Erwin Teufel, mit Erschütterungen bis in die Hauptstadt. Gegenwärtig müht sich die Kanzlerin in Regionalkonferenzen, das Parteivolk zu befrieden. Merz gibt derweil Ratschläge von Podien, was zweifellos die kommodere Position ist. Auch kulinarisch schlägt das, was unter dem gläsernen Dach der Börse aufgetragen wird, die Kost, die gewöhnlich auf Parteiveranstaltungen in Turnhallen gereicht wird. Außerdem ist festzuhalten: Friedrich Merz wirkt deutlich erholter als seine Kontrahentin im Kanzleramt; sportlich, frisch gebräunter Teint - ein Hinweis auf weniger Flugmeilen und gesünderen Schlaf.

          Im Übrigen tritt er so auf, als wäre er nie weg gewesen. „Klare Gedanken, brillante Rhetorik“, lobt ein Banker, „wir hatten hier auch schon den Oettinger“, fügt er an, was sagen soll: Da ist dieser Merz doch ein ganz anderes Kaliber! Nun funktioniert dessen Klare-Kante-Rhetorik (ähnlich übrigens wie bei Peer Steinbruck vom anderen Lager) am besten, je kürzer das Gedächtnis ist: Plädiert Merz nun für oder gegen Eurobonds? Sollen wir die Griechen um jeden Preis retten oder rauswerfen aus der Währungsunion?

          Die Wortmeldungen der jüngeren Vergangenheit sind vieldeutig. Stand Stuttgart gilt: Im Notfall ist ein Euro-Mitglied zu suspendieren, aber nur als allerallerletztes Mittel. Unter keinen Umständen taugt Merz jedenfalls als Vorkämpfer für eine Anti-Euro-APO.

          Seine Argumente sind klar sortiert

          Der Mann, der einst im EU-Parlament begonnen hat, ist Europäer durch und durch, verteidigt den Euro als eine Errungenschaft. Praktisch alternativlos. Natürlich ist er zu klug, als dass er die üblichen Verschwörungstheorien nachplapperte, von den bösen Märkten, die wehrlose Staaten ins Elend stürzen. Seine Argumente sind klar sortiert. Merz spricht von Anreizen und Haftung, von Eigenkapital und Basel drei. Als Ausweg aus der Misere empfiehlt er nicht weniger, sondern mehr Europa. Von Anfang an sei in der Währungsunion eine „tiefere politische Union“ angelegt gewesen, nur habe man das Volk darüber „im Unklaren gelassen, was das sein soll und wie tief es gehen soll“.

          Vereinigte Staaten von Europa, von der Allzuständigkeit Ministerin Ursula von der Leyens jüngst ins Spiel gebracht, mag er nicht. Den Begriff hätten sie in der Union zu seiner Zeit bewusst gemieden, sagt Merz: „Das war nicht unsere Intention.“ Eines sei jedoch klar, betont der Jurist: „Zurück zu alten Zeiten ist keine Option.“ Deutschland müsse Kompetenzen in Wirtschafts-, Finanz-, Sozialpolitik an Brüssel abtreten. Den damit verbundenen Souveränitätsverzicht der nationalen Parlamente nennt er „unvermeidlich“.

          Um dem Publikum nicht die spätsommerliche Feierlaune zu verderben, entlässt er es mit einem frohgemuten Blick ins Jahr 2021: „Die Probleme werden dann gelöst sein. Den Euro gibt es noch“, prophezeit er: „wichtiger denn je.“

          19.55 Uhr. Abgang Merz, würde nun das Protokoll vermerken. Rhythmischer Beifall. Zum Dank erhält er eine CD der Stuttgarter Philharmoniker und das Buch „Gebrauchsanweisung für Schwaben“. Die Anleitung für Euro-Retter müsse erst geschrieben werden, sagt Merz: „Dafür gibt es keine Lehrbücher.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Christine Lagarde auf der Pressekonferenz in Frankfurt

          EZB-Präsidentin Lagarde : Zinsentscheid mit einem Lächeln

          Die neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, stellt sich erstmals nach einer Ratssitzung der Presse. Den Zinssatz lässt sie unverändert, doch ihr Stil unterscheidet sich deutlich von dem ihres Vorgängers Draghi.

          Europa League im Liveticker : 2:1 – Frankfurt dreht das Spiel

          Guimarães geht gegen die Eintracht mit einem umstrittenen Tor in Führung, dann aber profitieren die Frankfurter erst von einem Patzer, ehe sie ein zweites Mal treffen. Wer setzt sich am Ende durch? Verfolgen Sie das Spiel im Liveticker.
          Das nächste „große Ding“? Auch IBM forscht im Bundesstaat New York an Quantencomputern.

          Bahnbrechende Technologie : Im Quantenfieber

          Unternehmen treiben die Quantentechnologie voran – nicht nur mit Computern, die Unglaubliches leisten. Thales aus Frankreich will Vorreiter sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.