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Fresenius-Chef über Rentenpläne : „Eine Sünde an den jungen Menschen in Deutschland“

Der Vorstandsvorsitzende von Fresenius: Ulf M. Schneider Bild: dpa

Die Unternehmen rebellieren gegen die Rente mit 63. Besonders deutlich wird Fresenius-Chef Schneider: Er wirft sogar die Frage nach dem Fortbestand der Regierung auf.

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          Spitzenmanager großer Aktiengesellschaften halten sich hierzulande mit politischen Kommentierungen oder gar offener Kritik an der Regierung normalerweise sehr zurück. Wo dieser Grundsatz im Einzelfall durchbrochen wird, verdeutlicht dies daher umso mehr das Ausmaß des Ärgers, der sich in den Führungsetagen der Unternehmen aufgestaut hat. Die Gesetzespläne für die sogenannte Rente mit 63 sind jetzt so ein Fall – und noch dazu ein besonders markanter: Der Vorstandsvorsitzende des Gesundheitskonzerns Fresenius, Ulf M. Schneider, hat nun mit einer ebenso knappen wie klaren Meinungsäußerung dazu sogar die Frage nach dem Fortbestand der Regierung aufgeworfen.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Zur Sache stellte Schneider auf Anfrage dieser Zeitung schlicht fest: „Die Rente mit 63 ist eine Sünde an den jungen Menschen in Deutschland, die für die Kosten werden aufkommen müssen.“ Schneiders politische Folgerung im Hinblick auf die Regierungskoalition aus Union und SPD schließt sich unmittelbar an: „Ich würde von Politikern gerade der CDU erwarten, dass sie lieber ein Scheitern der Koalition und Neuwahlen in Kauf nehmen, als diese unverantwortliche Entscheidung mitzutragen“, sagte Schneider, der den Fresenius-Konzern seit mehr als zehn Jahren leitet. So deutlich hat lange kein Chef eines Dax-Konzerns mehr über die Arbeit einer Regierungskoalition geurteilt.

          Schneider verstärkte damit indirekt Äußerungen der stellvertretenden CDU-Vorsitzenden Julia Klöckner, die zu Wochenbeginn von einem möglichen Scheitern des Gesetzes im Bundestag gesprochen hatte. Falls die SPD im Streit über die Einzelheiten des Zugangs zur vorzeitigen Rente nicht kompromissbereit sei, „dann gibt es wohl keine Einigung und wohl keine Rente mit 63“, sagte sie in der „Saarbrücker Zeitung“. Dem Ende Januar vom Bundeskabinett verabschiedeten Gesetzentwurf zufolge sollen Versicherte, für die 45 Jahre lang Sozialbeiträge entrichtet wurden, künftig ohne Rentenabschläge schon mit 63 Jahren in Ruhestand gehen können. Dabei werden nach bisherigem Stand auch Jahre mitgezählt, in denen Versicherte arbeitslos waren und Arbeitslosengeld I bezogen haben.

          Das Rentenpaket von Arbeitsministerin Andrea Nahles sorgt für viel Kritik.

          Schon in der vergangenen Woche hatten mittelständische Unternehmen den Weg an die Öffentlichkeit gesucht, um auf negative Folgen der Rente mit 63 für ihre Personalplanung aufmerksam zu machen: Jenseits der Mehrkosten durch höhere Sozialabgaben haben sie das Problem, dass längst verabredete Nachfolgeregelungen, mit denen ältere Fachkräfte in zwei bis drei Jahren ersetzt werden sollten, nun plötzlich mit der vorgezogenen Rente hinfällig werden. Dieses Problem habe Unternehmen „kalt erwischt“, klagte ein Personalleiter (F.A.Z., 4. April). Die neue Rente mit 63 soll im Sommer in Kraft treten. Das Bundesarbeitsministerium erwartet, dass sie im ersten Jahr rund 50000 Versicherte veranlasst, früher aufzuhören als bisher beabsichtigt.

          Für die Zukunft erwarten Kritiker, dass damit auch der kräftige Anstieg der Beschäftigung älterer Arbeitnehmer wieder zum Stillstand kommt. Noch hält der günstige Trend der vergangenen Jahre an, wie neue Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen: Für September 2013 zählte die Behörde insgesamt 1,651 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Alter von 60 bis 64 Jahren. Das waren 170000 mehr als ein Jahr zuvor. Seit dem Jahr 2007 hat sich die Zahl damit sogar verdoppelt.

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