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Freihandel : Bei uns gibt’s heute Chlorhuhn

Schmeckt man einen Unterschied zwischen einem Chlorhuhn (links) und einem normalen Huhn? Silvaner passt zu beidem. Bild: Fricke, Helmut

Das Chlorhuhn ist zum Politikum geworden. Wir haben einmal getestet, wie es eigentlich schmeckt.

          Meine Frau hat fröhlich herumerzählt, dass es bei uns Chlorhühnchen zum Abendbrot gibt. Das fand unser Freund Stefan, ein Informatikprofessor, so attraktiv, dass er auch zum Essen kam. Er vervollkommnete damit die Probandengruppe, die bis dahin genau genommen aus unserem Freund Matthias, dem Vertriebsberater, bestand.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Mir war diese Entwicklung lieb, vor allem wegen der Empirie: Je mehr Testesser, desto höher die Urteilsqualität. Zusammen mit meiner sehr geschmackssensiblen Frau sind nun drei Probanden für ein Testessen gewonnen, das es in Deutschland so schnell nicht wieder geben wird: Chlorhuhn gegen Normalhuhn - wer schmeckt den Unterschied?

          Der feinsinnige Matthias verleiht seiner Freude Ausdruck, diesem historischen Moment beiwohnen zu dürfen. Stefan erzählt von einem Chlorgas-Unfall in einer Frankfurter Badeanstalt ausgerechnet in dieser Woche: 13 Leute kamen mit Augen- und Rachenreizungen ins Krankenhaus, das Bad wurde geräumt, das Wasser abgelassen. Meine Frau lacht über die Koinzidenz.

          Das Chlorhuhn kommt in freier Wildbahn nicht vor. Es ist eine amerikanische Spezialität, die unfreiwillig zu großer Berühmtheit kam. Das Geflügel wurde quasi das Wappentier des freien Handels zwischen den Vereinigten Staaten und Europa. Präziser, es wurde zum Symbol für den Missmut, den die Aussicht auf freien Handel mit Amerika vor allem unter Deutschen erzeugt.

          Die Vorbereitung: Unser Huhn im Chlorbad Bilderstrecke

          Wer den Begriff Chlorhuhn erfunden hat, wird wohl immer im Verborgenen bleiben. Die Amerikaner waren es wohl nicht, denn sie halten nichts von schlechtem Marketing. Der Begriff ist in diskriminierender Absicht gewählt. Das Huhn wird nach der Entkeimungsmethode benannt, der es nach der Schlachtung unterzogen wird. Die Amerikaner tauchen ihr Geflügel nach der Schlachtung in ein Chlorbad, bevor es in den Verkauf kommt. Sie wollen damit die Erreger auf der nackten Hühnerhaut vernichten. Die Deutschen praktizieren dafür andere Methoden.

          Nackt liegt es da, das einzige deutsche Chlorhuhn, nach einem ausführlichen Chlorbad. Bevor ich es mit Kollege Normalhuhn in die Backröhre schiebe, wird Testphase eins eingeleitet: Ich bitte die Probanden zum Geruchstest. Sie führen ihre Nasen sehr nahe an beide Hühnchen heran und atmen tief ein. Tatsächlich, meine Frau und Matthias identifizieren das Chlorhuhn wirklich, Stefan riecht keinen Unterschied, ich ohnehin nicht. Gesalzen, gepfeffert, mit flüssiger Margarine und Paprika eingepinselt, verschwinden die Tiere für 80 Minuten im Ofen (Chefkoch.de-Rezept, Kategorie simpel, fünf Sterne).

          Nie hat mich ein Essen so viel Aufwand gekostet wie die Zubereitung dieses Chlorhuhns, kein runder Geburtstag, keine Konfirmation und kein Überraschungsdinner. Die Idee, sich dem Geflügel zu nähern, war in der Redaktionskonferenz aufgekommen. Ich muss da so etwas gesagt haben wie: „Kein Problem, ich besorge uns das Vieh.“

          Das war ein schwerer Fehler. Denn in Deutschland gibt es keine Chlorhühner. Als ich in einer Geflügelmetzgerei nachfragte, musste die Verkäuferin sehr lachen. „Unsere Hühner sind aus Herborn“, sagte sie. Mit dem eklatanten Mangel an Chlorhühnern hierzulande hat es die schlichte Bewandtnis, dass sie verboten sind. Frische Lebensmittel dürfen im Prinzip in Deutschland nur mit Trinkwasser behandelt werden, nicht aber mit gechlortem Wasser.

          Fragen und Antworten zum Freihandelsabkommen TTIP


          Was soll überhaupt herauskommen?

          Für die EU führt die Verhandlungen – wie stets in Handelsfragen – die Europäische Kommission. Sie ist dabei an das Mandat gebunden, das ihr die EU-Staaten im Juni 2013 erteilt haben. Das inzwischen durchgesickerte geheime Mandat ist allerdings weit gefasst und lässt der Kommission viel Spielraum. Andererseits steht klar darin, dass ein hohes Umwelt-, Arbeits- und Verbraucherschutzniveau gefördert werden soll. Ziel der Gespräche ist nicht nur, die schon heute niedrigen Zölle abzubauen, sondern auch andere Handelshemmnisse zu beseitigen. Im Blick haben beide Seiten dabei etwa unterschiedliche Standards. Das soll der Wirtschaft in Amerika und Europa mehr Schwung verleihen. Europa darf auf wirtschaftliche Zugewinne von 119 Milliarden Euro im Jahr hoffen, Amerika auf 95 Milliarden Euro. Ursprünglich wollten Amerikaner und Europäer sich bis Ende dieses Jahres einigen. Nun ist von Ende 2015 die Rede. Wahrscheinlich werden sich die Verhandlungen aber auch wegen des öffentlichen Widerstands Jahre hinziehen.
          Warum wird nicht alles veröffentlicht?

          Immer wieder ist von Geheimverhandlungen die Rede, womit der Eindruck erweckt wird, dass hinter verschlossenen Türen über die Interessen der Bürger hinweg entschieden wird. Tatsächlich sind die Verhandlungsdokumente geheim. Das ist bisher bei allen Handelsgesprächen so gewesen. Die Kommission vergleicht die Verhandlungen gerne mit dem Feilschen beim Autokauf. Nur wenn der andere nicht wisse, welchen Preis man maximal zahlen wolle, könne man am Ende einen besseren Preis herausschlagen. Die Bundesregierung dringt zwar inzwischen auf mehr Offenheit – und wirft den Amerikanern vor, das zu blockieren. Wenn es darum geht, was sie offenlegen will, verweist sie aber nur auf das ohnehin durchgestochene Mandat. Vorab informiert über die europäischen Verhandlungsdokumente werden Vertreter der Staaten und des Handelsausschusses im EU-Parlament. Neu ist, dass bei TTIP Vertreter von Industrie und Zivilgesellschaft Einblick in Dokumente erhalten. Die Kommission hat dazu eine Beobachtergruppe aus 14 Vertretern einberufen.
          Wer entscheidet am Ende?

          Handelsabkommen müssen sowohl das EU-Parlament als auch die Staaten zustimmen – bei umfassenden Abkommen wie TTIP müssen die Staaten das sogar einstimmig tun. Sobald das Abkommen über reine Handelsfragen hinaus in die Kompetenz der Mitgliedstaaten eingreift, müssen es zudem die nationalen Parlamente ratifizieren. Die Hürde dafür ist sehr niedrig. Man spricht vom Pastis-Prinzip. So wie ein Tropfen des Anislikörs ausreicht, um ein Glas Wasser zu trüben, genügt ein Zusatzprotokoll oder ein Unterpunkt, um die Zustimmung der nationalen Parlamente erforderlich zu machen. Beim Abkommen mit Korea war das ein Protokoll zur kulturellen Zusammenarbeit. Eigentlich sind alle einig, dass auch TTIP ein solches gemischtes Abkommen ist. Handelskommissar Karel De Gucht hat aber jüngst für Misstrauen gesorgt, da er die Frage gerichtlich klären lassen will.
          Warum wird über "nichttarifäre Handelshemmnisse" verhandelt?

          Nicht nur Zölle erschweren den internationalen Handel. Auch Vorschriften, wie Produkte getestet und geprüft werden müssen, welche Anforderungen an die Sicherheit, an den Verbraucher- oder den Umweltschutz sie erfüllen und welchen technischen Standards sie genügen müssen, können den Handel behindern. Ein Beispiel: In Amerika müssen die Blinker von Autos rot blinken, in Europa orange. Keine Variante ist sicherer als die andere – dennoch müssen deutsche Autobauer für den amerikanischen Markt Autos mit roten Blinkern herstellen. Die Industrie sagt, dass eine Angleichung der Regeln und Standards oder die gegenseitige Anerkennung die Kosten für den transatlantischen Handel stark senken könnten. Doppelte Produktzulassungen und Testverfahren erhöhen die Kosten nach Berechnungen eines niederländischen Instituts bei der Einfuhr in die EU um durchschnittlich 21,5 Prozent. Im Fall von Kosmetik sind es 35, bei Autos 26 und bei Nahrungsmitteln und Getränken gar 57 Prozent.
          Unterhöhlt das den Umwelt- und Verbraucherschutz?

          Die EU-Kommission bestreitet diesen Vorwurf ebenso energisch wie die amerikanischen Unterhändler. Der amerikanische Handelsbeauftragte Michael Froman sagt, es werde keine breite Deregulierungsagenda in Gang gesetzt. Die Idee ist vielmehr, Standards und Zertifizierungsverfahren gegenseitig anzuerkennen – wenn sie ein gleich hohes Schutzniveau garantieren. Zudem könnten im Fall von neuen Technologien die dazugehörenden Standards gleich gemeinsam entwickelt werden. Dabei ist klarzustellen: Es sind keineswegs immer die Europäer, die die höheren Standards haben. Zumindest haben die Amerikaner Sorge, dass sie etwa ihre Regeln für die Zulassung von Pharmazeutika und Elektrogeräten auf EU-Niveau senken müssen. Oft ist es auch eine Frage der Perspektive, welche Standards strikter sind. In der Bankenregulierung behaupten beide Seiten, die strikteren Standards zu haben. Wer recht hat, ist nicht immer leicht zu bestimmen.
          Und was ist mit Chlorhuhn, Hormonfleisch und Gentechnik?

          TTIP wird weder die Einfuhr von Chlorhuhn noch von Hormonfleisch erlauben. Dazu sind beide Themen viel zu problematisch. Die Europäer wollen schlicht kein mit Chlor desinfiziertes Huhn und Fleisch von mit Wachstumshormonen behandelten Tieren essen. Gentechnisch behandelte Lebensmittel dürfen schon heute in der EU verkauft werden, wenn sie gekennzeichnet sind – und auch das wird sich nicht ändern. Letztlich geht es in diesem Streit eher um die Frage „Was wollen wir essen?“ und nicht so sehr darum, welches Produkt sicherer ist. Zumindest gibt es bisher keinen Beleg dafür, dass Chlorhuhn ungesünder ist. Das Gleiche gilt umgekehrt für französischen Rohmilchkäse, den die Amerikaner aus Sorge vor Krankheitserregern nicht essen wollen. Deshalb wird jenseits von Chlorhuhn und Hormonfleisch wohl am Ende die Einfuhr von Lebensmitteln erlaubt werden, die nicht jedem Europäer „schmecken“. Den Import von mit Milchsäure gereinigtem Rindfleisch etwa hat die EU schon im Vorfeld der Verhandlungen zugelassen.
          Besonders umstritten ist der Investorenschutz. Worum geht es da?

          Der Investorenschutz soll eigentlich nur sicherstellen, dass Ausländer nicht diskriminiert oder gar enteignet werden. Es gibt weltweit Tausende von Abkommen dazu, allein Deutschland unterhält 131. In den meisten davon ist vorgesehen, dass Investoren Schiedsgerichte anrufen können, wenn sie ihre Rechte verletzt sehen. In Verruf gekommen ist der Investorenschutz, weil Konzerne ihn immer stärker nutzen, um gegen unliebsame Gesetze und Auflagen der Industriestaaten vorzugehen. Zwei Fälle ragen dabei heraus: die Klagen von Philip Morris gegen die Tabakgesetze in Australien und von Vattenfall gegen den Atomausstieg. 3,5 Milliarden Euro Schadensersatz fordern die Schweden von Deutschland. Ob die beiden Konzerne recht bekommen, ist allerdings offen. Schließlich reicht es nicht aus, dass ihnen ein Gesetz zum Gesundheits- oder Umweltschutz die Bilanz verhagelt. Sie müssen belegen, dass sie benachteiligt wurden, etwa weil sie nicht ausreichend angehört worden sind. Die Kritik dreht sich auch darum, dass die Schiedsverfahren intransparent sind und es keine Möglichkeit zur Berufung gibt.
          Wie reagieren Kommission und Bundesregierung auf die Kritik?

          Die Kommission hat Vorschläge vorgelegt, wie sie den Missbrauch des Investorenschutzes durch Konzerne verhindern, die Verfahren transparenter machen und Berufungsverfahren ermöglichen will. Ob sie das gegen die Vereinigten Staaten durchsetzen kann, ist offen. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) wiederum behauptet, zwischen Staaten mit funktionierendem Rechtssystem wie in der EU und Amerika sei ein solches Investorenschutzabkommen nicht notwendig. Der normale Rechtsweg reiche aus. Das stimmt nicht ganz, weil völkerrechtliche Abkommen, und das ist TTIP, nicht vor normalen Gerichten durchgesetzt werden können. Scheinheilig ist es zudem, denn Deutschland hat selbst Investitionsschutzabkommen sogar mit anderen EU-Staaten wie Polen, Slowenien oder den baltischen Staaten abgeschlossen.

          Man hätte das Tier natürlich heimlich durchs Freibad ziehen können, wenn keiner guckt. Aber das wäre nicht das Gleiche gewesen und zudem schwierig mit der fotografischen Dokumentation. Meine Hoffnungen ruhten deshalb auf den amerikanischen Streitkräften. Es müsste sich doch so ein gechlorter Broiler in den extraterritorialen Kasernensupermärkten oder Kantinen auftreiben lassen. Doch die Amerikaner kaufen offenbar selbst die Hamburger inzwischen lokal ein. Eine Enttäuschung ist das.

          Meine beiden Hühner brutzeln einträchtig vor sich hin, wie ich sehr schön durch das Sichtfenster unseres Herdes sehen kann. Hin und wieder pinsele ich sie sorgfältig mit flüssigem Fett und Paprikapulver ein. Das rechte, das kleinere, ist mein Chlorhuhn. Es lässt sich aber nichts anmerken. Wie es sich gehört für den Blindtest.

          Ich chlore mein Huhn selbst

          Ein Chlorhuhn kann zu einer fixen Idee werden. Das Projekt hieß nach den schweren Rückschlägen nicht mehr: Ich besorge ein Chlorhuhn. Es hieß nun: Ich chlore ein Huhn. Ein Kollege begeisterte eine wichtige Institution für das Projekt, das „Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe“. Es sollte uns ein Chlorbad hinstellen, wir würden das Tier hineintunken. Fertig ist der Lack, so hofften wir in unserer Naivität.

          Ein engagierter Beamter teilte uns etwas großspurig mit, die Produktion sei nun wirklich kein Hexenwerk. Er fand auch Rezepte für die Herstellung des Chlorbades. Seiner Mitwirkung an dem Vorhaben stünden aber „lebensmittelrechtliche Gründe entgegen“. Er habe auch bei Rückfragen im Institut leider niemanden finden können, der ein „Chlorhühnchen“ herstellen wolle. Mein Journalisten-Kollege verschwand in den Urlaub. Ich aber beschloss, weiterzumachen.

          Die heimische Küche riecht langsam so wie diese mobilen Hendl-Brutzzler vor Baumärkten. Ich reiße eine Tüte Salat auf, die ich mit Bedacht gekauft habe. Die Blätter werden abgespült, obwohl es auf der Tüte heißt: gewaschen und verzehrfertig. Die Kinder bekommen kein Chlorhuhn, sondern Kartoffeln mit grüner Soße. Sonst wird es zu spät für sie, sagt meine Frau. Ich finde das gut.

          Die Chemiker wollen nicht helfen

          „Deutschland braucht Chemie“ heißt der Titel eines Buches, das der Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie, Karl-Ludwig Kley, in diesem Jahr veröffentlicht hat. Ich kann für meinen Fall sagen, dass ich die Chemie sogar sehr brauche. Sie soll nämlich, so die neue Idee, das Chlorbad herrichten. Wäre doch gelacht, wenn das am Chemiestandort nicht hinhaut. Der Sprecher des kontaktierten Frankfurter Unternehmens Infraserv freut sich überschwänglich über die Anfrage, will sein Bestes geben und lässt nie wieder von sich hören. Ein vielversprechendes Joint Venture ist tot, bevor es begonnen hat. Man muss sich Sorgen machen um den Chemiestandort Deutschland.

          Neue Hoffnung spendet das Bundesinstitut für Risikobewertung. Dort sind die Naturwissenschaftler verärgert, dass das Chlorhuhn Chlorhuhn getauft wurde, weil doch neben Chlordioxid auch „Natriumchlorit, Trinatriumphosphat und eine Mischung von Peroxysäuren“ zur Entkeimung genommen werden. Warum heißt es nicht Trinatriumphosphat-Huhn, sind so Fragen, die die echten Freaks aufwerfen. Das Bundesinstitut hat außerdem Aufmerksamkeit und Zorn mit dem Hinweis erregt, ein Chlorhühnchen sei nicht gefährlich für die Esser. Das deutsche Huhn sei auf keinen Fall gesünder als sein amerikanischer Kollege. Die deutschen Risikoforscher finden nur, man sollte die ganze Zeit vom Stall bis zum Kochtopf auf Hygiene achten und nicht vorher darauf pfeifen, weil man das Tier ja am Ende chlort.

          Es duftet. Ein hölzerner Schaschlick-Spieß wird aus dem Küchenschrank gefischt und in das Chlorhuhn hineingetrieben, um zu testen, ob es schon gar ist. „Noch fünf Minuten“, sagt Freund Helmut, der Fotograf der Bilder zu diesem Text. Ich tische den Salat auf, der sein eigenes schmutziges Geheimnis hat, das ich bei der Gelegenheit preisgebe: Der Tütensalat, der von einer französischen Firma stammt, ist wahrscheinlich in chloriertem Wasser gewaschen worden. „Es ist absurd“, sagt Chemiepräsident Kley: „Chlorsalat essen wir gerne, Chlorhühnchen nicht.“ Tatsächlich hat sich auch an der europäischen Salatfront etwas zusammengebraut. Franzosen waschen ihren Salat mit chloriertem Wasser, packen ihn in Tüten und verticken ihn bis tief nach Deutschland hinein. Dank der Chlorbehandlung hält der Salat länger als der von der deutschen Konkurrenz. Bei einer Keimuntersuchung der Stiftung Warentest schnitt er auch noch gut ab. Professor Reinhold Carle, Lebensmittelwissenschaftler von der Universität Hohenheim, sagt, man rieche das Chlor ganz zart unmittelbar nach dem Öffnen der Tüte.

          Die Salatbauern wollten plötzlich chloren

          Die deutsche Salatlobby hat sehr geschimpft auf die Franzosen, wollte den gechlorten Tütensalat unverzüglich abschieben. Dann starben vor drei Jahren 53 Menschen in Deutschland an Ehec-verseuchten Biosprossen. Seitdem wollen die deutschen Salatbauern auch chloren. Sie dürfen das jetzt auch unter der Voraussetzung, dass keine Rückstände wie Chlorat bleiben. Dafür müsste der Salat nach dem Chlorbad aber noch einmal gründlich abgewaschen werden. Man findet aber in Tiefkühl- und Frischgemüse deutscher Provenienz neuerdings gelegentlich Chlorat. Das zeigt, dass das Grünzeug zunehmend in Chlor gebadet wird.

          Chlor hat einen unbestreitbaren Vorteil. Es wirkt. Eine Keimbelastung von Geflügelkörpern mit einer Million Bakterien pro Quadratzentimeter - das ist eine realistische Größenordnung - reduziert man mit bloßem Trinkwasser auf einhunderttausend Bakterien und mit Chlor auf zehntausend, erläutert der Lebensmittelforscher Carle. Das Projekt „Ich chlore mein Huhn“ stand endlich vor dem Durchbruch nach der Mail des amerikanischen Mikrobiologen Elis M. Owens von der Firma Birko aus Henderson, Colorado. Sein Konzern hat sich auf Lebensmittelsicherheit spezialisiert. Elis Owens verriet, wie die Amerikaner ihre Hühner chloren: Das gerupfte und ausgenommene Federvieh badet für 90 Minuten oder mehr in einem Kühltank, der zwei bis vier Grad kaltes Wasser und drei ppm (parts per million) Chlordioxid enthält. Damit man ein Gefühl für die Größenordnung bekommt: Ein ppm entspricht einer Minute in knapp zwei Jahren, verbreitet der „National Chicken Council“, die amerikanische Hühnchen-Lobby. Ich brauche Chlordioxid.

          Showtime. Der Tisch ist gedeckt, der Silvaner entkorkt. Die Hühnchen werden aufgetragen und nach einem kurzen Presse-Shooting - Helmut hält seine Kamera drauf - angeschnitten. Ich muss mich sehr darauf konzentrieren, wer von welchem Huhn isst, um das Resultat des Testessens sauber zu dokumentieren.

          Klassische Chemikalienhändler reagierten nicht auf meine Anfrage. Doch im Internet findet sich schließlich die Firma „naturprodukte.nl“ mit dem Slogan „Gesund durchs Leben“. Sie schickt für 49,70 Euro zwei Fläschchen mit einer gelbflüssigen Lösung. Ich stoße auf das überraschende Phänomen, dass es im Netz von Angeboten für chlorhaltige Substanzen nur so wimmelt. Der Grund ist, dass ein dubioser Wunderheiler das Zeug mit großem Erfolg zur Behandlung schlimmster Krankheiten propagiert. Plötzlich ist es leicht, das Huhn zu chloren. Ich rechne die Dosis aus, präpariere das Wasser, kühle es herunter und bade schließlich das Huhn.

          Wir kauen. Vorsichtig. Konzentriert. Wir schnuppern. Das erste Urteil kommt vom höflichen Matthias: „Es schmeckt sehr gut.“ Ich bin froh, weil es meine ersten Hühner waren. Wir kauen weiter. Und dann wird klar. Ein Unterschied ist für feine Zungen nicht zu schmecken.

          Ein Bekannter erzählt mir, ich hätte mir die Prozedur mit Chlordioxid sparen können. Einfach ein Tropfen des Haushaltsreinigers Danklorix ins Wasser. Die Salmonellen wären weggeputzt.

          Ich habe das Chlorhuhn auch so gerne gegessen, obwohl ich eigentlich kein Huhn esse.

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