https://www.faz.net/-gqe-7sk86

Freihandel : Bei uns gibt’s heute Chlorhuhn

Die Salatbauern wollten plötzlich chloren

Die deutsche Salatlobby hat sehr geschimpft auf die Franzosen, wollte den gechlorten Tütensalat unverzüglich abschieben. Dann starben vor drei Jahren 53 Menschen in Deutschland an Ehec-verseuchten Biosprossen. Seitdem wollen die deutschen Salatbauern auch chloren. Sie dürfen das jetzt auch unter der Voraussetzung, dass keine Rückstände wie Chlorat bleiben. Dafür müsste der Salat nach dem Chlorbad aber noch einmal gründlich abgewaschen werden. Man findet aber in Tiefkühl- und Frischgemüse deutscher Provenienz neuerdings gelegentlich Chlorat. Das zeigt, dass das Grünzeug zunehmend in Chlor gebadet wird.

Chlor hat einen unbestreitbaren Vorteil. Es wirkt. Eine Keimbelastung von Geflügelkörpern mit einer Million Bakterien pro Quadratzentimeter - das ist eine realistische Größenordnung - reduziert man mit bloßem Trinkwasser auf einhunderttausend Bakterien und mit Chlor auf zehntausend, erläutert der Lebensmittelforscher Carle. Das Projekt „Ich chlore mein Huhn“ stand endlich vor dem Durchbruch nach der Mail des amerikanischen Mikrobiologen Elis M. Owens von der Firma Birko aus Henderson, Colorado. Sein Konzern hat sich auf Lebensmittelsicherheit spezialisiert. Elis Owens verriet, wie die Amerikaner ihre Hühner chloren: Das gerupfte und ausgenommene Federvieh badet für 90 Minuten oder mehr in einem Kühltank, der zwei bis vier Grad kaltes Wasser und drei ppm (parts per million) Chlordioxid enthält. Damit man ein Gefühl für die Größenordnung bekommt: Ein ppm entspricht einer Minute in knapp zwei Jahren, verbreitet der „National Chicken Council“, die amerikanische Hühnchen-Lobby. Ich brauche Chlordioxid.

Showtime. Der Tisch ist gedeckt, der Silvaner entkorkt. Die Hühnchen werden aufgetragen und nach einem kurzen Presse-Shooting - Helmut hält seine Kamera drauf - angeschnitten. Ich muss mich sehr darauf konzentrieren, wer von welchem Huhn isst, um das Resultat des Testessens sauber zu dokumentieren.

Klassische Chemikalienhändler reagierten nicht auf meine Anfrage. Doch im Internet findet sich schließlich die Firma „naturprodukte.nl“ mit dem Slogan „Gesund durchs Leben“. Sie schickt für 49,70 Euro zwei Fläschchen mit einer gelbflüssigen Lösung. Ich stoße auf das überraschende Phänomen, dass es im Netz von Angeboten für chlorhaltige Substanzen nur so wimmelt. Der Grund ist, dass ein dubioser Wunderheiler das Zeug mit großem Erfolg zur Behandlung schlimmster Krankheiten propagiert. Plötzlich ist es leicht, das Huhn zu chloren. Ich rechne die Dosis aus, präpariere das Wasser, kühle es herunter und bade schließlich das Huhn.

Wir kauen. Vorsichtig. Konzentriert. Wir schnuppern. Das erste Urteil kommt vom höflichen Matthias: „Es schmeckt sehr gut.“ Ich bin froh, weil es meine ersten Hühner waren. Wir kauen weiter. Und dann wird klar. Ein Unterschied ist für feine Zungen nicht zu schmecken.

Ein Bekannter erzählt mir, ich hätte mir die Prozedur mit Chlordioxid sparen können. Einfach ein Tropfen des Haushaltsreinigers Danklorix ins Wasser. Die Salmonellen wären weggeputzt.

Ich habe das Chlorhuhn auch so gerne gegessen, obwohl ich eigentlich kein Huhn esse.

Weitere Themen

Topmeldungen

Klagen gegen Diskriminierung: Carrie (links) und Marie-Luise mit ihren Zwillingen.

Lesbische Eltern : Wenn nur die eine Mutter Rechte hat

Bei einer künstlichen Befruchtung wird der Ehemann der Mutter automatisch als Vater anerkannt – die Ehefrau aber nicht als Mit-Mutter. Lesbische Ehepaare ziehen deshalb vors Bundesverfassungsgericht. Ist eine Trendwende in Sicht?
Blick auf die Hochhäuser der Leipziger Straße in Berlin

F.A.Z. Frühdenker : Wo das Wohnungsangebot noch steigen muss

Nicht alle deutschen Großstädte sorgen für mehr Wohnungen. Die Maskenpflicht in vielen Bereichen könnte bis Frühjahr 2022 bleiben. Und in Belarus beginnt der Prozess gegen Maria Kolesnikowa. Der F.A.Z. Frühdenker.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.