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Freihandel : Bei uns gibt’s heute Chlorhuhn

Meine beiden Hühner brutzeln einträchtig vor sich hin, wie ich sehr schön durch das Sichtfenster unseres Herdes sehen kann. Hin und wieder pinsele ich sie sorgfältig mit flüssigem Fett und Paprikapulver ein. Das rechte, das kleinere, ist mein Chlorhuhn. Es lässt sich aber nichts anmerken. Wie es sich gehört für den Blindtest.

Ich chlore mein Huhn selbst

Ein Chlorhuhn kann zu einer fixen Idee werden. Das Projekt hieß nach den schweren Rückschlägen nicht mehr: Ich besorge ein Chlorhuhn. Es hieß nun: Ich chlore ein Huhn. Ein Kollege begeisterte eine wichtige Institution für das Projekt, das „Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe“. Es sollte uns ein Chlorbad hinstellen, wir würden das Tier hineintunken. Fertig ist der Lack, so hofften wir in unserer Naivität.

Ein engagierter Beamter teilte uns etwas großspurig mit, die Produktion sei nun wirklich kein Hexenwerk. Er fand auch Rezepte für die Herstellung des Chlorbades. Seiner Mitwirkung an dem Vorhaben stünden aber „lebensmittelrechtliche Gründe entgegen“. Er habe auch bei Rückfragen im Institut leider niemanden finden können, der ein „Chlorhühnchen“ herstellen wolle. Mein Journalisten-Kollege verschwand in den Urlaub. Ich aber beschloss, weiterzumachen.

Die heimische Küche riecht langsam so wie diese mobilen Hendl-Brutzzler vor Baumärkten. Ich reiße eine Tüte Salat auf, die ich mit Bedacht gekauft habe. Die Blätter werden abgespült, obwohl es auf der Tüte heißt: gewaschen und verzehrfertig. Die Kinder bekommen kein Chlorhuhn, sondern Kartoffeln mit grüner Soße. Sonst wird es zu spät für sie, sagt meine Frau. Ich finde das gut.

Die Chemiker wollen nicht helfen

„Deutschland braucht Chemie“ heißt der Titel eines Buches, das der Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie, Karl-Ludwig Kley, in diesem Jahr veröffentlicht hat. Ich kann für meinen Fall sagen, dass ich die Chemie sogar sehr brauche. Sie soll nämlich, so die neue Idee, das Chlorbad herrichten. Wäre doch gelacht, wenn das am Chemiestandort nicht hinhaut. Der Sprecher des kontaktierten Frankfurter Unternehmens Infraserv freut sich überschwänglich über die Anfrage, will sein Bestes geben und lässt nie wieder von sich hören. Ein vielversprechendes Joint Venture ist tot, bevor es begonnen hat. Man muss sich Sorgen machen um den Chemiestandort Deutschland.

Neue Hoffnung spendet das Bundesinstitut für Risikobewertung. Dort sind die Naturwissenschaftler verärgert, dass das Chlorhuhn Chlorhuhn getauft wurde, weil doch neben Chlordioxid auch „Natriumchlorit, Trinatriumphosphat und eine Mischung von Peroxysäuren“ zur Entkeimung genommen werden. Warum heißt es nicht Trinatriumphosphat-Huhn, sind so Fragen, die die echten Freaks aufwerfen. Das Bundesinstitut hat außerdem Aufmerksamkeit und Zorn mit dem Hinweis erregt, ein Chlorhühnchen sei nicht gefährlich für die Esser. Das deutsche Huhn sei auf keinen Fall gesünder als sein amerikanischer Kollege. Die deutschen Risikoforscher finden nur, man sollte die ganze Zeit vom Stall bis zum Kochtopf auf Hygiene achten und nicht vorher darauf pfeifen, weil man das Tier ja am Ende chlort.

Es duftet. Ein hölzerner Schaschlick-Spieß wird aus dem Küchenschrank gefischt und in das Chlorhuhn hineingetrieben, um zu testen, ob es schon gar ist. „Noch fünf Minuten“, sagt Freund Helmut, der Fotograf der Bilder zu diesem Text. Ich tische den Salat auf, der sein eigenes schmutziges Geheimnis hat, das ich bei der Gelegenheit preisgebe: Der Tütensalat, der von einer französischen Firma stammt, ist wahrscheinlich in chloriertem Wasser gewaschen worden. „Es ist absurd“, sagt Chemiepräsident Kley: „Chlorsalat essen wir gerne, Chlorhühnchen nicht.“ Tatsächlich hat sich auch an der europäischen Salatfront etwas zusammengebraut. Franzosen waschen ihren Salat mit chloriertem Wasser, packen ihn in Tüten und verticken ihn bis tief nach Deutschland hinein. Dank der Chlorbehandlung hält der Salat länger als der von der deutschen Konkurrenz. Bei einer Keimuntersuchung der Stiftung Warentest schnitt er auch noch gut ab. Professor Reinhold Carle, Lebensmittelwissenschaftler von der Universität Hohenheim, sagt, man rieche das Chlor ganz zart unmittelbar nach dem Öffnen der Tüte.

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