https://www.faz.net/-gqe-y888

Frauenquote in Aufsichtsräten : Diskriminierung von Männern beklagt

  • -Aktualisiert am

Gibt es genug qualifizierte Frauen, um die Aufsichtsräte zu besetzen? Diese Frage ist hoch umstritten Bild: dapd

Auf einer Veranstaltung über die Frauenquote hat der Aufsichtsratschef der Deutschen Börse einen Kontrapunkt gesetzt und eine beginnende Männerdiskriminierung beklagt: „Man gibt immer einer Frau den Vorzug vor einem Mann, der gleichermaßen qualifiziert ist“, sagte er.

          2 Min.

          Die deutsche Wirtschaft fürchtet schlechtere Aufsichtsräte, wenn auf absehbare Zeit eine gesetzliche Frauenquote eingeführt würde. „Rechnen Sie sich doch mal aus, wie viele Frauen wir dann brauchen, um die Quote zu erfüllen“, sagte Manfred Gentz, Aufsichtsratsvorsitzender der Deutsche Börse AG, am Donnerstag in Berlin: „Da gehen Ihnen die Augen über!“ Gentz sprach als Vertreter der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex auf einer Veranstaltung der Initiative „Frauen in den Aufsichtsrat“ (Fidar).

          Mittlerweile stünden auf den Vorschlagslisten von Personalberatern für Vorstands- und Aufsichtsratsposten fast nur noch Frauen, sagte der frühere Finanzvorstand des Automobilkonzerns Daimler. Dies seien aber immer dieselben, weil es nur wenige ausreichend qualifizierte Bewerberinnen gebe. Lediglich ein paar „Quotenmänner“ würden von den „Headhuntern“ noch angeboten. Schon jetzt ist nach Gentz' Angaben der öffentliche Druck so groß, dass Männer diskriminiert würden: „Man gibt immer einer Frau den Vorzug vor einem Mann, der gleichermaßen qualifiziert ist - der Mann scheidet von vornherein aus.“

          „Ganz viele Frauen wollen einfach nicht in Führungspositionen“

          Gentz mahnte die Politik, den Unternehmen Zeit zu lassen, um genügend Frauen mit ausreichender fachlicher und persönlicher Qualifikation aufzubauen: „Wir können nicht völlig unerfahrene Leute in den Vorstand oder Aufsichtsrat nehmen.“ Zwar werde es bei der im kommenden Jahr anstehenden Wahlrunde für die Kontrollgremien schon einen Schub neuer Frauen geben. Aber erst nach den nächsten beiden Amtsperioden, die Gentz auf jeweils drei bis fünf Jahre bezifferte, lasse sich der Frauenanteil ausreichend steigern. Der Aufsichtsratsvorsitzende mahnte die Politik, in Deutschland ähnlich gute Möglichkeiten zur Kinderbetreuung wie in Frankreich zu schaffen. „Ganz viele Frauen wollen einfach nicht in Führungspositionen und sträuben sich dagegen“, sagte er zudem.

          Manfred Gentz fürchtet schlechtere AUfsichtsräte durch eine Frauenquote
          Manfred Gentz fürchtet schlechtere AUfsichtsräte durch eine Frauenquote : Bild: Helmut Fricke / F.A.Z.

          Die Vereinigung Fidar stellte eine vom Bundesfrauenministerium geförderte Studie über den Anteil von Frauen in den 160 Unternehmen in sämtlichen Dax-Börsensegmenten vor. Demnach sind Frauen an der Führungsspitze deutlich unterrepräsentiert. Der Corporate Governance Kodex beginne zwar zu greifen, sagte die Vereinsvorsitzende, die Unternehmensberaterin Monika Schulz-Strelow. Doch hätten die Vorstände nur 3 Prozent weibliche Mitglieder, die Aufsichtsräte 6,5 Prozent - vor allem auf der Arbeitnehmerbank.

          GfK, Douglas und Deutz als Vorreiter

          Vorreiter seien das Marktforschungsinstitut GfK, der Kosmetikhersteller Douglas sowie der Motorenhersteller Deutz. „Kleinere sind manchmal schneller“, sagte Schulz-Strelow mit Blick auf die Nebenwerte in MDax, SDax und TecDax. Doch seien viele Unternehmen noch „Lichtjahre“ von einer angemessenen Beteiligung der Frauen entfernt. 74 der 160 gelisteten Unternehmen hätten weder im Vorstand noch im Kontrollgremium eine einzige Frau: „Dies ist ein Armutszeugnis.“

          Ausgewertet wurden zudem die öffentlichen Erklärungen der Unternehmen, ob sie sich an die zweimal verschärften Vorgaben des Kodex zur Förderung der Vielfalt (Diversity) halten. „Nur eine Handvoll hat bereits konkrete Ziele angekündigt“, sagte die Vereinsvorsitzende. Fidar fordert eine gesetzliche Mindestquote. Die Initiativgruppe bedauert das „Basta-Wort“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel, mit dem diese kürzlich einen Vorstoß von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (beide CDU) für einen gesetzlichen Zwang zurückgewiesen hatte.

          Weitere Themen

          Die EZB bleibt im Krisenmodus

          FAZ Plus Artikel: Anleihekäufe : Die EZB bleibt im Krisenmodus

          Die jüngsten Beschlüsse zu den Anleihekäufen der Europäischen Zentralbank sind rechtlich bedenklich und strategisch äußerst ungeschickt, schreiben die Gastautoren Laus Adam und Hans Peter Grüner.

          Transportbranche warnt vor Lieferengpässen Video-Seite öffnen

          Fehlende Lkw-Fahrer : Transportbranche warnt vor Lieferengpässen

          Der allgemeine Fahrermangel wird durch eine zunehmende Zahl von Corona-Ausfällen verschärft. Ein Branchenverband fordert die Politik angesichts steigender Infektionszahlen dazu auf, schnell Vorkehrungen zu treffen: Wie wäre es zum Beispiel mit Impfangeboten auf Autobahnraststätten?

          Regierung im Funkloch

          Schlechter Mobilfunk : Regierung im Funkloch

          Niemand erfasst, wie es ums Surfen im Zug und auf Autobahnen wirklich steht. Das Digitalministerium verweist auf die „Funkloch-App“, mit der private Nutzer etwaige Lücken melden können.

          Topmeldungen

          Sinnbild für einen narzisstischen Chef: Michael Douglas als Gordon Gekkoim Film „Wall Street“

          Narzissmus im Job : Wenn der Chef nur sich selbst liebt

          Der Vorgesetzte ist dominant, leicht kränkbar oder cholerisch? Schnell liegt der Verdacht einer Persönlichkeitsstörung in der Luft. Doch schwierige Chefs sind nicht immer gleich Narzissten.
          Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB)

          Anleihekäufe : Die EZB bleibt im Krisenmodus

          Die jüngsten Beschlüsse zu den Anleihekäufen der Europäischen Zentralbank sind rechtlich bedenklich und strategisch äußerst ungeschickt, schreiben die Gastautoren Laus Adam und Hans Peter Grüner.