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Frauen und Zuwanderer gegen die Lücke : 10-Punkte-Plan gegen Fachkräftemangel

Kostüm oder Windel: Arbeit und Kinderbetreuung passen noch zu selten zusammen. Bild: Getty Images

Die Bundesagentur für Arbeit legt einen Plan zur Behebung des Arbeitskräftemangels vor: Ohne Zuwanderung wird sich das Problem nicht lösen lassen. Doch ausländische Fachkräfte machen aktuell eher einen Bogen um Deutschland.

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          Die Bundesagentur für Arbeit hat einen Zehn-Punkte-Plan für Deutschland aufgestellt, um den drohenden Fachkräftemangel in den kommenden Jahren zu verhindern. Vor allem durch eine verbesserte Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik lassen sich demnach bis zum Jahr 2025 mehrere Millionen zusätzliche Arbeitskräfte gewinnen, wie aus der Studie „Perspektive 2025: Fachkräfte für Deutschland“ hervorgeht, die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegt. Im besten Fall könnten allein durch eine stärkere Integration von Frauen in die Erwerbstätigkeit rund 3 Millionen Vollzeitarbeitskräfte gewonnen werden. „Wir können es uns nicht leisten, die schlummernden Potentiale in unserem Land zu ignorieren“, sagt Behördenvorstand Raimund Becker.

          Sven Astheimer
          (svs.), Wirtschaft

          Allerdings reichten die inländischen Potentiale nicht aus, um die Folgen des demographischen Wandels abzufedern. „Insgesamt wird sich das Problem ohne Zuwanderung nicht lösen lassen“, sagte Becker. Durch eine nach ökonomischen Bedarfen gesteuerte Zuwanderung könnten bis zu 800.000 Fachkräfte gewonnen werden. Doch aktuell machen ausländische Fachkräfte eher einen Bogen um Deutschland. Von den 721.000 Zuzügen im Jahr 2009 galten lediglich 17.000 als Fachkräfte. „Seit der Jahrtausendwende verschiebt sich der Wanderungssaldo zu Ungunsten Deutschlands“, heißt es in dem Papier. Derzeit spalten die Pläne über leichtere Zugangsregelungen die Regierungskoalition. Einig ist sich die Regierung dagegen mit den Ländern über das Vorhaben, einen Rechtsanspruch auf die Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse zu schaffen.

          Weil die deutsche Bevölkerung altert und schrumpft, wird in den kommenden Jahren ein Rückgang an potentiellen Arbeitskräften um 6,5 Millionen auf rund 38 Millionen erwartet. Dies wird nach Ansicht der Bundesanstalt zu einem Rückgang an Investitionen und zu einer steigenden Arbeitsverdichtung und Automatisierung führen; Innovation und Wachstum wiederum würden gebremst.

          Deutschland soll zum Spitzenreiter bei Erwerbsbeteiligung von Frauen werden

          Das größte Potential im Inland sehen die Arbeitsmarktfachleute bei der Erwerbsbeteiligung von Frauen. Im Jahr 2009 waren 71,9 Prozent der deutschen Frauen erwerbstätig, das waren zwar sechs Punkte mehr als im europäischen Durchschnitt. Könnte Deutschland jedoch zu Spitzenreiter Dänemark (77 Prozent) aufschließen, würde dies ein Plus von 900.000 Vollzeitkräften bedeuten. Zudem gehen hierzulande nur 55 Prozent der erwerbstätigen Frauen einer Vollzeittätigkeit nach, das ist vor den Niederlanden der zweitniedrigste Wert in Europa. Fast ein Drittel nennt die Kinderbetreuung als Hauptgrund für die Teilzeit, das ist der höchste Wert auf dem Kontinent, die durchschnittliche Wochenarbeitszeit mit 18,5 Stunden die niedrigste. Würde der Wert von Spitzenreiter Schweden mit 25 Wochenstunden erreicht, erschlösse sich dem deutschen Arbeitsmarkt ein Potential von 2,1 Millionen Kräften.

          „Zentraler Ansatz“ für die Politik muss deshalb laut BA-Studie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sein. 2008 wurde in Deutschland jedes fünfte Kind unter drei Jahren außerhalb der Familie betreut. Das Ziel der Regierung, bis 2013 jedem dritten Kind einen Betreuungsplatz anzubieten, geht aus Sicht der Arbeitsagentur in die richtige Richtung. Ebenfalls wichtig sei die Flexibilisierung und Verlängerung von Öffnungszeiten: 2009 hatten 60 Prozent der Einrichtungen nur 7 Stunden geöffnet, was für Vollzeitberufstätige nicht ausreiche. Auch eine bessere Unterstützung bei der Pflege von Angehörigen spiele eine wichtige Rolle.

          Mentoren sollen Abbrecherquote senken

          Eine große Bedeutung kommt auch einer besseren Ausbildung von Arbeitskräften zu. Im Jahr 2009 verließen rund 64.000 Schüler die Schule ohne Abschluss, die Quote betrug rund 7 Prozent. Eine Halbierung der Quote brächte 300.000 zusätzliche Fachkräfte. Zuletzt wurde zudem jeder fünfte Ausbildungsvertrag vorzeitig aufgelöst. Absolut waren es rund 140.000 Abbrecher, wovon etwa jeder Zweite eine neue Ausbildung begann. Durch eine Professionalisierung der Ausbildung, etwa durch Mentorensysteme oder gezieltes Training zur Konfliktvermeidung und -lösung könnte die Abbrecherquote um 50 Prozent gesenkt und weitere 300.000 Arbeitskräfte gewonnen werden.

          Doppelt so hoch wäre der Gewinn sogar, wenn es gelänge, die Zahl der Studienabbrecher zu halbieren. Derzeit beenden zwischen 20 und 30 Prozent ihre akademische Ausbildung vorzeitig. Positiv wird in der Studie die Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters auf 67 Jahre erwähnt, was dem Arbeitsmarkt bis 2025 rund eine Million Arbeitskräfte sichert. Gelänge es zudem, die Erwerbstätigenquote der über-55-Jährigen von heute 56 Prozent auf 70 Prozent wie in Schweden anzuheben, wäre ein ebenso hoher Zugewinn möglich. Deutschland hat heute schon den höchsten Altenquotienten in Europa - die Messgröße gibt das Verhältnis von Erwerbstätigen zu Ruheständlern wieder.

          Als weitere Maßnahme mit ähnlich hohem Potential wird die Anhebung der Wochenarbeitszeit von derzeit knapp 42 Stunden je Beschäftigtem um zwei auf 44 Stunden erwähnt. Um Mehrarbeit finanziell attraktiver zu machen, empfiehlt die Bundesagentur flankierende Maßnahmen im Steuer- und Abgabenbereich; etwa die Abschaffung der Steuerprogression, die vor allem Teilzeitbeschäftigte mit einem Jahreseinkommen zwischen 8000 und 13.500 Euro im Jahr treffe, was vielen Frauen die Rückkehr in den Beruf erschwere.

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