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Frauen : Einsam unter Anzugträgern

  • Aktualisiert am
          3 Min.

          Einen solchen Wirbel hatte man bei Schering nicht erwartet. Die Meldung, daß in den Vorstand die Niederländerin Karin Dorrepaal einziehen wird, hat die Debatte über Frauen in Führungspositionen in Deutschland neu belebt. Dorrepaal ist zwar nicht die erste Frau, die in die Vorstandsetage eines deutschen Unternehmens einzieht, aber sie ist das einzige weibliche Vorstandsmitglied eines Dax-Unternehmens.

          Nur 10 Prozent der Führungskräfte sind Frauen

          Nach einer Untersuchung des EU-Statistikamtes Eurostat klaffen die Anteile der männlichen und weiblichen Führungskräfte an den Beschäftigtenzahlen in allen EU-Ländern weit auseinander. Lediglich in Irland und Spanien fallen die Unterschiede etwas geringer aus. Für Deutschland kommt der Hoppenstedt-Verlag zu dem Ergebnis, daß knapp 10 Prozent der Positionen mit Personalverantwortung von Frauen besetzt sind. Im mittleren Management liegt der Anteil bei 13 und im oberen Management bei 8 Prozent. Damit hat sich die Präsenz der Frauen zwar von rund 5 Prozent Mitte der achtziger Jahre erhöht. Zum großen Sprung nach vorne setzen aber trotzdem die wenigsten Frauen an.

          Ex-Vorzeigefrau: Christine Licci
          Ex-Vorzeigefrau: Christine Licci : Bild: dpa/dpaweb

          Vorzeigefrau Christine Licci

          Lange Zeit galt die Deutschland-Chefin der Citibank, Christine Licci, als Vorzeigebeispiel für erfolgreiche Managerinnen. Als sie vor einigen Wochen ihren Platz räumte, rückte an ihre Stelle wiederum eine Frau vor, die Amerikanerin Sue Harnett. Die Deutsche Bank hatte bis 1996 mit Ruth Ellen Schneider-Lenné eine Frau im Vorstand. Blickt man in die zweite Reihe der Konzerne, tauchen Frauen etwas häufiger auf: Bei dem Verkehrstechnik-Konzern Vossloh etwa zeichnet Milagros Caiña-Lindemann für den Bereich Personal verantwortlich; bei dem Pharmakonzern Schwarz Pharma gehört die Professorin Iris Löw-Friedrich dem Vorstand an. Kein Zufall dürfte sein, daß Frauen in den Geschäftsführungen ausländischer Konzerne in Deutschland etwas häufiger zu finden sind.

          Zaghafter Aufholprozeß

          Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) stellt einen zaghaften Aufholprozeß hierzulande fest. Unter den jüngeren Jahrgängen sei der Anteil der Frauen in Führungspositionen kräftig gestiegen und mittlerweile mit anderen Staaten vergleichbar, sagt Christiane Flüter-Hoffmann vom IW. Bei Daimler-Chrysler etwa hat sich der Anteil von Frauen in Führungspositionen im vergangenen Jahr von 5,4 auf 5,8 Prozent erhöht. Der amerikanische Elektrokonzern Hewlett-Packard berichtet in Deutschland, daß 15,6 Prozent der Positionen mit Personalverantwortung von Frauen besetzt seien; angestrebt werde bis Ende Oktober 2005 ein Anteil von 18 Prozent.

          Problem Kind“

          Die Geschäftsführerin von Hewlett-Packard (HP) in Deutschland, Regine Stachelhaus, sieht als eines der größten Hindernisse für Frauen die Schwierigkeiten der Kinderbetreuung. "Für viele ist die Entscheidung zwischen Kindern und Karriere eine harte Entscheidung, die in relativ jungen Jahren getroffen werden muß", sagt Stachelhaus, die selbst Mutter ist. Diese Entscheidung sei eigentlich unzumutbar. Ihre Kolleginnen in Frankreich oder Großbritannien hätten es dabei leichter. Außerdem werde bei Stellenbesetzungen in Unternehmen dem "typisch männlichen Erfolgsprofil" oft noch der Vorrang gegeben. Hierbei zeigten sich amerikanische Unternehmen offener; sie haben eine weit längere Tradition der Förderung benachteiligter Gruppen. Daß an der Spitze von HP mit Carly Fiorina eine Frau steht, sieht die Geschäftsführerin als Vorteil. Dies ziehe andere Frauen an.

          Kaum ein großes Unternehmen hat sich mittlerweile nicht die Frauenförderung und Chancengleichheit auf die Fahnen geschrieben. Bei Mittelständlern sieht das IW Nachholbedarf, allerdings gebe es dort häufig informelle Programme. Zu den verbreiteten Maßnahmen zählen Angebote für Teilzeit- oder Telearbeit, flexible Arbeitszeiten, Kindertagesstätten, Stipendien für Studentinnen und regelmäßige Trainings, um die Vorzüge gemischt besetzter Teams zu vermitteln. Ob die Förderprogramme mehr sind als Lippenbekenntnisse, ist umstritten. "Ein Erfolg ist objektiv nicht feststellbar", sagt die Hamburger Betriebswirtschaftsprofessorin Sonja Bischoff. Stachelhaus von Hewlett-Packard dagegen betont, daß durch die Programme die Firmenkultur verändert werde, so daß Frauen erfolgreicher sein könnten. Bei Ebay, das wie HP von einer Vorstandsvorsitzenden geleitet wird, hält man die Programme schlicht für überflüssig. "Es gibt bei uns keinen Handlungsbedarf, wir haben keine Geschlechterkonflikte", sagt ein Sprecher.

          Nach einer neuen Umfrage unter weiblichen Führungskräften kommt die Wissenschaftlerin Bischoff zu dem Schluß, daß es neben den verbreiteten Vorurteilen auch an den Frauen selbst liege, daß sie nicht so weit vorankämen. Wenige Abiturientinnen entschieden sich für ein Studium der Ingenieurs-, Natur- oder Wirtschaftswissenschaften, obwohl etwa 80 Prozent der Führungspositionen mit Absolventen dieser Fachrichtungen besetzt würden. Auch habe das Interesse an der Karriere unter den Frauen im Schnitt abgenommen. Viele Befragte äußerten eine Präferenz für Teilzeitarbeit - und brächten sich damit selbst aus dem Rennen um die obersten Positionen. (clb.)

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