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Frankreich : Schutz nur für die Großen

Wie ein Konzernchef: Dominique de Villepin Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die französische Wirtschaft ist für ausländische Investoren offener als ihr Ruf das nahelegt. Das allerdings gilt nur, solange es sich nicht um ein Aushängeschild der Unternehmenswelt handelt.

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          Die Aktien der französischen Energieversorger Suez und Gaz de France sind am Donnerstag an der Pariser Börse erneut gefallen. Darin schlägt sich jedoch weniger das Mißtrauen der Anleger gegenüber der geplanten Fusion nieder als die Rückkehr auf den Stand der angekündigten Tauschverhältnisse. Die Spekulation ist allerdings nicht ganz gewichen, denn die Fusion soll erst im Dezember 2006 abgeschlossen werden. So lange meinen die Regierung und die Unternehmen zu brauchen, um die Gewerkschaften zu beruhigen, eine Führungsstruktur zu finden, grünes Licht von den Wettbewerbsbehörden zu erhalten und das Privatisierungsgesetz zu ändern, damit die staatliche Beteiligung von 80 Prozent an Gaz de France in einen Anteil von 34 Prozent am neuen Konzern verwandelt werden kann.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Bis Ende des Jahres könne noch viel passieren, meint eine - allerdings kleine - Zahl von Marktteilnehmern, die sich etwa einen weiteren Übernahmeversuch des italienischen Energieversorgers Enel vorstellen kann. Daß die erste Avance von Enel durchaus konkret war, zeigt ein Papier des italienischen Unternehmens an die EU-Kommission. Danach hatte Enel in enger Abstimmung mit dem französischen Versorgungskonzern Veolia seit vergangenem November an einem gemeinsamen Übernahmeangebot für Suez gearbeitet. Enel sollte das Energie- und Veolia das Wasser- und Abfallgeschäft erhalten.

          Premierminister verkündet Fusion einfach selbst

          Den französischen Teil dieses Unternehmensbereiches hätte Veolia dann weiterverkauft, weil sein Marktanteil in Frankreich zu hoch ist. Mitte Januar soll nach einem Bericht der Tageszeitung „Figaro“ der Veolia-Chef Henri Proglio den französischen Finanzminister Thierry Breton von dem Projekt informiert haben; dieser warnte bald darauf Suez-Chef Gerard Mestrallet. Nachdem Enel am 20. Februar sein Übernahmeinteresse verkündet hatte, schaltete sich Staatspräsident Jacques Chirac ein. Er verlangte von Veolia-Chef Proglio, das Projekt aufzugeben. Der Manager, der Chirac nahestehen soll, gehorchte und verkündete am 23. Februar, an keinem Vorstoß beteiligt zu sein.

          Bild: F.A.Z.

          Unterdessen witterten Suez und Gaz de France eine Chance für ihre Fusion, von der sie die Regierung schon im vergangenen Jahr zu überzeugen versuchten. Sie fühlen sich alleine zu klein, um im europäischen Energiemarkt an vorderster Front mitzuspielen, wollen dem Trend der Verschmelzung von Gas- und Stromanbietern folgen und dabei in Frankreich dem Marktführer Electricite de France (EdF) Konkurrenz machen. Die Regierung sah bislang keinen Anlaß, von ihrem Versprechen abzurücken, die Staatsmehrheit an Gaz de France zu behalten. Unter dem Druck von Enel jedoch schlug die Stunde des Wirtschaftspatriotismus von Premierminister Dominique de Villepin. Als sei er selbst der Konzernchef, verkündete er die Fusion am 24. Februar.

          Empörung über unpatriotischen Konkurrenten

          Seitdem schlagen die Wogen hoch. Suez-Chef Mestrallet machte im Hörfunk seiner Empörung über den unpatriotischen Konkurrenten Veolia Luft: „Ich konnte nicht glauben, daß ein französisches Unternehmen sich im Ausland zu verbünden versucht, um einen der größten nationalen Konzerne zu zerstören“, sagte er.

          Ansonsten aber ist Frankreich um Schadensbegrenzung bemüht. Angesichts der Vorwürfe des Protektionismus betont man die Offenheit der französischen Wirtschaft für ausländische Investoren. Diese läßt sich durchaus finden - solange es sich nicht um ein Aushängeschild der Unternehmenswelt handelt, das die Politiker als schützenswert erachten. Wenn etwa so wie im vergangenen Jahr ein Mittelständler wie die Taittinger-Gruppe, ein Champagnerhersteller und Hotelanbieter, den amerikanischen Investitionsfonds Starwood Capital geht, rührt sich kein Minister einen Finger.

          Offenheit als Frankreichs Problem

          So tummeln sich ausländische Unternehmen und Investoren in Frankreich wie in kaum einem anderen Land. Nach einer Untersuchung des Statistikamtes Insee arbeitet einer von sieben Beschäftigten in Frankreich in einem ausländischen Unternehmen. In Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden sei es nur einer von zehn, in den Vereinigten Staaten nur einer von zwanzig. Auch an der Pariser Börse haben sich die Ausländer breitgemacht. 45 Prozent des Kapitals gehören ausländischen Investoren.

          Zum Vergleich: Nach Bundesbank-Angaben befinden sich in Deutschland nur 17 Prozent aller Aktien in ausländischer Hand, eine Zahl, die vom Deutschen Aktieninstitut allerdings für zu niedrig gehalten wird. „Das Problem in Frankreich ist, daß unsere Politiker offen über ihre Staatseingriffe reden, während andere sie besser verstecken“, meint Elie Cohen, Ökonom am Forschungszentrum CNRS. Der deutsche Energiemarkt etwa stehe aufgrund fehlender Durchleitungsrechte für Wettbewerber nicht offen.

          Folgen für Frankreich „desaströs“

          Zudem habe Frankreich immer wieder den Aufkauf von Großunternehmen akzeptiert, etwa des Versicherers AGF durch die Allianz oder der Bank CCF durch HSBC. Als feindliche Übernahme zitiert Cohen den Kauf des Aluminiumherstellers Pechiney durch den kanadischen Wettbewerber Alcan, dessen Folgen für Frankreich er für „desaströs“ hält, weil Pechiney als Technologieführer zerschlagen und Kompetenzen nach Kanada verlagert worden seien - eine Darstellung, die Alcan allerdings bestreitet.

          Henrik Uterwedde, der stellvertretende Direktor des Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg, verweist auf ein seit langem verbreitetes Gefühl der Gefährdung von französischen Großunternehmen. Zum einen brauchte die Wirtschaft lange, bis sie diese aufgebaut hatte. Zum anderen verfügten die Franzosen lange weder über starke Banken noch über Industrieunternehmen, die durch Schachtelbeteiligungen im Stil der Deutschland AG vor Übernahmen schützten. „Diese Fragilität wird ergänzt durch das nicht hinterfragte Credo, daß französische Firmen französisch bleiben müssen“, meint Uterwedde.

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